Initiative in Merzhausen

Im "Haus 22" erhalten Flüchtlinge Kleidung und Alltagsgegenstände

Andrea Gallien

Von Andrea Gallien

Di, 23. August 2016

Merzhausen

Von der Straße aus sieht man das Haus kaum, ein Schotterweg, kein Schild, vor der Türe ein paar Campingstühle. Fahrräder sind dort abgestellt, ein gutes Dutzend Menschen steht bereits Schlange. Sie warten auf Einlass in „Haus 22“. So wird das Spendenhaus genannt, dass der Merzhauser Helferkreis für Flüchtlinge, die im Ort und in Au leben, eingerichtet hat. Jeden Dienstag Nachmittag können sich die Flüchtlinge hier mit Kleidung und Nützlichem für den Alltag eindecken.

Das Haus

"Haus 22" ist seit rund zwei Monaten geöffnet. Es gehört der Gemeinde. Würden der Abriss und die Entsorgung des Baumaterials nicht so viel Geld kosten, stünde es sicher längst nicht mehr. Denn der Vorbesitzer hat es unbewohnbar gemacht und die Gemeinde ist eigentlich vor allem an der Fläche interessiert, auf der es steht. Hier könnte einmal ein Standort für einen Lebensmittelmarkt sein – "ein Entwicklungsgrundstück für die Gemeinde", sagt deren Bürgermeister Christian Ante. Kurz habe man daran gedacht, es als Wohnung für Flüchtlinge zu nutzen. Aber das sei nicht zumutbar und außerdem muss das Grundstück schnell verfügbar bleiben, sollte sich plötzlich ein Interessent auftun.

Also hat die Gemeinde das Haus dem Helferkreis kostenfrei zur Verfügung gestellt. Mit Hilfe des Bauhofs haben die Ehrenamtlichen das Haus entrümpelt, die Zufahrt befestigt, den Dreck beseitigt, alles blank geputzt und vier Räume in ein kleines "Tante Emma"-Kaufhaus verwandelt. Unten der Eingangsbereich mit der Kasse, rechts der Raum mit Nützlichem für den Alltag – Tischdecken und Betttücher, Gläser, Porzellan, Besteck, Töpfe und Pfannen. Ein Raum weiter hinten die Kinderkleiderabteilung samt Spielzeug, oben dann die Zimmer mit Damen-und Herrenbekleidung samt Umkleidekabine. Überall ist alles sorgfältig gefaltet und nach Größe sortiert.

Die Kunden

Rund 150 Menschen, die Flüchtlinge, die in Au und Merzhausen leben, sind die Kunden von "Haus 22". Kunden deshalb, weil sie für das, was sie mitnehmen, auch bezahlen. Kleine Preise zwar, im Schnitt zwischen 50 Cent und 2,50 Euro. "Aber anders, als wenn alles kostenlos wäre, wird von den Menschen gezielt ausgewählt, was sie mitnehmen, und es ist klar, das hat einen Wert, und wenn es nur wenige Cent sind", sagt Clara Kecskeméthy, die im Helferkreis für "Haus 22" zuständig ist. Dem Team gehören rund ein Dutzend Ehrenamtliche an – weitere sind jederzeit herzlich willkommen. Ziel ist es, auch Flüchtlinge mit in das Team zu integrieren. An diesem Nachmittag hilft zum Beispiel die 17-jährige Narges aus Afghanistan, die schon sehr gut deutsch spricht. Sie dolmetscht und erleichtert so die Verhandlungen. Nichts im "Haus 22" ist nämlich mit einem Preis gekennzeichnet, der wird ausgehandelt und auf einer Art Laufzettel, die jeder Kunde am Eingang bekommt, notiert. Am Ausgang steht die Kasse, dort wird gezahlt. Und dort wird auch darauf geachtet, dass jeder nur für den eigenen Bedarf etwas mitnimmt.

Narges lebt mit ihrer Familie in einer Wohnung in Merzhausen. Auch die Schwester spricht sehr gut deutsch. Beide Mädchen besuchen das Walter-Eucken-Gymnasium in Freiburg und haben eben ihr Zeugnis bekommen: mit sehr guten Noten versetzt in die nächste Klasse. Narges unterhält sich gerade mit Nori Golara. Sie lebt seit sieben Monaten im Camp. So wird die Flüchtlingsunterkunft auf der Ortsgrenze zwischen Merzhausen und Au genannt. Sie spricht kein deutsch, mag aber die Deutschen und kommt regelmäßig ins "Haus 22". Sie sei dankbar für die Unterstützung, sagt sie. Heute findet sie ein paar weiße Crocs, die ihr passen, und zahlt 50 Cent. Alles, was in "Haus 22" verkauft wird, haben Bürger aus Merzhausen und Au gespendet. Das Geld will der Helferkreis dafür verwenden, um das Haus 22 winterfest zu machen.

Die Zukunft

Was wird aus "Haus 22", wenn der Winter und damit Kälte und Dunkelheit kommt? Das Haus hat derzeit weder Strom noch Heizung, ab Oktober wird es nicht mehr dienstags, sondern jeden zweiten Samstag von 10 bis 12 Uhr geöffnet sein. "Dann ist es wenigstens hell", sagt Christina Mikuletz, die Vorsitzende des Helferkreises. Außerdem sind die Ehrenamtlichen bei einer zweiwöchigen Öffnungszeit nicht mehr ganz so eingespannt. Die Gemeinde hat nicht vor, viel Geld in das Haus zu investierten, sagt Christian Ante. Aber klar sei, dass für den Winter eine Lösung gesucht und gefunden wird, und zwar in "Haus 22", obwohl er sicher ist, dass es auch "kein Problem" wäre, andere Räume zu finden. Jetzt aber hat der Flüchtlingskreis so viel Energie in die Instandsetzung des Hauses verwandt, dass "wir das jetzt so weit wie möglich winterfest machen". Das Licht an den Öffnungstagen sei dabei weniger das Problem als die Feuchtigkeit, denn die greift die dort liegenden Kleidungsstücke die ganze Woche über an.

Ein neues Angebot soll es im "Haus 22" künftig geben: Ein Schneider, der Vater von Narges, wird mit einer Tretnähmaschine einen Änderungsservice anbieten. Gespendete Nähmaschinen sollen außerdem für ein Pfand verliehen werden. Der notwendige E-Check ist gemacht, eine Firma hat schnell und kostenfrei geholfen. Darüber, sagt Christina Mikuletz, "haben wir uns sehr gefreut."