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14. März 2009

"Was ihr braucht, sind gute Freunde"

Polizeijugendsachbearbeiter Manfred Bluhm arbeitet mit Schülern der Hexentalschule den Brand und den Amoklauf auf

  1. Derweil wurde das beschädigte Dach der Schule abgedichtet. Foto: Tanja Bury

  2. Interessiert hörten die Schüler Manfred Bluhm, Jugendsachbearbeiter der Polizei, zu. Foto: Tanja Bury

MERZHAUSEN. "Die Welt ist nicht verrückt geworden." Manfred Bluhm sagt diese Worte bewusst langsam. Und er schaut den Schülern dabei in die Gesichter. Der Jugendsachbearbeiter beim Polizeiposten Ehrenkirchen besucht die siebte Klasse der Hexentalschule – eigentlich, um mit den Jugendlichen den Brand in ihrer Schule aufzuarbeiten. Doch auch der Amoklauf von Winnenden ist ein großes Thema in der Klasse vom Imke Heidegger.

Im Stuhlkreis sitzen die 16 Schüler im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren zusammen. Auf ihren Knien liegen Blätter, auf denen sie Fragen an den Polizeibeamten Manfred Bluhm notiert haben. Und sie wollen viel von ihm wissen, wollen, dass er ihnen erklärt, warum zwei Jugendliche vom 27. auf den 28. Februar Feuer in der Hexentalschule gelegt haben, wie die Polizei die Täter geschnappt hat und was nun mit ihnen passiert. Manfred Bluhm legt los: Es war der erste warme Abend in diesem Jahr, 20 bis 30 junge Leute haben sich vor der Hexentalschule getroffen – und Alkohol getrunken. "Getrunken haben sie, um locker, entspannt zu werden – geile Kiste, dachten die", sagt der 46-jährige Polizeihauptmeister, der seit Juni vergangenen Jahres beim Polizeiposten Ehrenkirchen tätig ist. Die Siebtklässler kichern: Hat er gerade geil gesagt? Schnell aber hören sie wieder zu, was Manfred Bluhm ihnen erzählt. Mit zunehmendem Pegel sei, so der Polizist, wohl auch der Mut der Jugendlichen größer geworden. "Schauen wir doch mal, was in der Schule so drin ist" hätten sie sich gedacht und das Fenster eingeschlagen – ganz cool, ganz lässig, vom Alkohol aufgeputscht. Drinnen dann sei mit Spraydose und Feuerzeug hantiert worden. Die Täter, da ist sich Bluhm sicher, hätten in dem Moment nicht bedacht, was der Feuerstrahl anrichten kann. "Ganz schnell hat es gebrannt und sie haben es nicht mehr im Griff gehabt. Waren plötzlich nicht mehr die Stärksten und Größten, sondern sind stiften gegangen", sagt Bluhm.

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Die Folgen des Brandes, danach fragt er die Schüler. "Zwei Millionen Euro Sachschaden", weiß Marco. "Wisst ihr, wie viel zwei Millionen sind?", will Bluhm wissen, "wie lange braucht ihr, um mit eurem Taschengeld auf diese Summe zu kommen?" Das ist nicht zu schaffen – überschlagen die Schüler. 30 Jahre lang kann sich die Versicherung das Geld von den Tätern holen – Monat für Monat. Doch Geld ist nicht alles. Die Täter erwartet eine Anklage wegen schwerer Brandstiftung und eventuell eine Jugendhaftstrafe in Adelsheim – dem Jugendknast Baden-Württembergs. Wie die Tage dort aussehen? "Man kann da schon auch eine Berufsausbildung machen. Doch abends geht die schwere Eisentür zu – man ist eingesperrt", sagt Bluhm. Wie haben die Eltern der Täter reagiert? "Sie sind tief berührt, machen sich Sorgen", antwortet Bluhm. Durch den Brand haben die Jugendlichen aber nicht nur ihrem und dem Leben ihrer Eltern eine neue Richtung gegeben, sie haben einen Großeinsatz der Feuerwehr ausgelöst und damit auch Wehrleute in Gefahr gebracht, die in die brennende Schule rein mussten, um auszuschließen, dass sich dort Menschen aufhalten. "Das ist eine Riesengefahr für die Kollegen, ein schwerer Einsatz", so Bluhm.

Mit dem Wort Gefahr kommt er auf den Alkohol zu sprechen. In vielen Jugendcliquen spiele er eine große Rolle, gehöre das "Vorglühen" zum üblichen Freitagabend dazu. Klar, probierten Jugendliche Sachen wie Alkohol und Zigaretten aus – "sollt ihr ja auch". "Doch ihr dürft euch selbst dabei nie aus den Augen lassen, müsst immer auf euch achten", sagt der Beamte. Er erzählt von einem Mädchen, das er und sein Kolleg vor Jahren in Landwasser nahe einer Fastnachtsveranstaltung bei minus zwei Grad auf einer Parkbank gefunden haben: total betrunken und nur leicht bekleidet. "Eine halbe Stunde später und das Mädchen wäre erfroren", sagt Bluhm. Oder der Jugendliche, der bei einem Weinfest seinen Rausch mitten auf der Straße ausgeschlafen hat und dabei hätte überfahren werden können.

"Das Mädchen und der Junge sind nicht allein auf die Feste gegangen, da waren Freunde dabei. Aber was sind das für Freunde, die einen auf der Parkbank oder der Straße liegen lassen?", fragt Bluhm in die Runde. Kumpels habe man oft viele, wahre Freunde nicht. Wer ein Freund ist und mehr nicht – das rauszufinden brauche Erfahrung, brauche Jahre. "Ihr braucht Begleiter, die auf euch aufpassen, und ihr braucht ein gesundes Misstrauen", so Bluhm.

Sensibel sein für die Empfindungen anderer – auch das, sagt der Beamte, ist wichtig und damit spannt er den Bogen zum Amoklauf von Winnenden. "Was da passiert ist, ist schrecklich", so Bluhm. Und ja, es könne überall passieren: "Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Ihr braucht nicht mit Angst in die Schule zu gehen. Ihr könnt euch sicher fühlen." Die Schüler treibt um, wie es Polizeibeamten bei solch einem Einsatz geht. "Haben Sie auch schon mit dem Tod zu tun gehabt", wollen sie von Bluhm wissen und in der Runde wird es still, als der Beamte das bejaht. "Solche Fälle sind nicht leicht. Da braucht man nach Feierabend jemanden zum Reden – einen Freund", sagt er weiter.

Er appelliert an die Schüler, sorgsamer miteinander umzugehen. "Wenn einer Sorgen und Nöte hat – hört nicht weg, hört hin", sagt Bluhm, "so können wir vieles besser hinkriegen und dazu beitragen, dass unsere Gesellschaft noch sicherer wird, als sie es schon ist." Manfred Bluhm schaut in die Runde, will, dass die Jugendlichen das Vertrauen nicht verlieren und sagt bewusst ganz langsam: "Die Welt ist nicht verrückt geworden."

Autor: Tanja Bury