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16. September 2011

Wie war ihr erster Schultag?

Wie war ihr erster Schultag und was ist aus der Grundschulzeit in Erinnerung geblieben ? Eine Umfrage bei Schulleitern von Merzhausen bis Mengen.

  1. Gerd Günther bei seiner Einschulung 1982 Foto: privat

  2. Eva Raab (vorletzte Reihe, drittes Kind von rechts) mit ihren Klassenkameraden 1955 in Köln. Foto: privat

  3. Karin Modlich mit ihrer Schultüte im Jahr 1961 Foto: privat

  4. Eva Raab mit Mutter und Schultüte Foto: privat

HEXENTAL/BATZENBERG. Für viele ist es ein unvergesslicher Tag, der Tag der Schuleinführung. In dieser Woche erleben ihn jede Menge Jungen und Mädchen in den Gemeinden rund um Schönberg und Batzenberg. Auch Schulleiterinnen und Schulleiter waren einmal klein und sahen mit Aufregung dem ersten Schultag entgegen. Die Breisgauredaktion hat bei ihnen nachgefragt, was ihnen von ihrer Einschulung und der Grundschulzeit in Erinnerung geblieben ist.

EVA RAAB

Schulleiterin der Franz-Xaver-
Klingler Schule in Wittnau:
Sie war nicht so prall gefüllt wie die meisten heute, aber die Schultüte, die Eva Raab 1955 zur Schuleinführung in ihrer Heimatstadt Köln bekam, war für sie etwas ganz besonderes. "Ich fand sie einfach ganz toll und habe es bedauert, dass es so etwas nur einmal im Leben gibt." Sehr aufgeregt sei sie gewesen, erinnert sich Eva Raab, auch, weil sie den Schulleiter als Klassenlehrer bekam und von den 44 Klassenkameraden nur ein Kind kannte. Mit dem Griffel hat Eva Raab auf der Tafel schreiben gelernt. Schade fand sie nur, dass alles, was sie mühsam geschrieben hatte, gleich wieder ausgewischt wurde. Aus Lehrerinnensicht sagt sie heute, die Tafel habe auch Vorteile gehabt, was falsch war, konnte gleich wieder beseitigt werden. Eine Herausforderung war dann das Schönschreibheft, das es neben der Tafel ab der zweiten Klasse gab. Eva Raab hat gerne viel gelesen und Mathe sehr geschätzt, aber vor allem mochte das Handarbeiten. Gehäkelt hat sie in der Schule und zu Hause und ab und zu auch auf dem Heimweg, der weit über einen Kilometer lang war. Bis zu einer Stunde hat sie nach Hause gebraucht, unterwegs gehäkelt, mit Freundinnen geplaudert oder einfach auf der Bank ein Päuschen gemacht – "meine Mutter hatte das eingeplant".

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GERD GÜNTHER

Leiter der Grund- und
Werkrealschule Ehrenkirchen:

Im Alter von sechs Jahren wurde Gerd Günther 1982 eingeschult in Grißheim bei Neuenburg. Gewohnt hat er damals in Steinenstadt. Weil aber sein Heimatort nicht genug Schulräume für alle Klassen hatte, wurden die Kinder auch in Zinken und Grißheim eingeschult. Gerd Günther fuhr schon als Grundschüler vier Jahre lang mit dem Bus zur Schule – 20 Minuten dauerte eine Fahrt. Damals gab es keine Proteste der Eltern, Bus fahren wurde auch Erstklässlern problemlos zugemutet. An seinem ersten Schultag begleitete den jungen Schüler die ganze Familie – Eltern, Geschwister und Paten. Anschließend feierte Familie Günther zu Hause. Eine Schultüte hatte Gerd Günther wie alle anderen Kinder in seiner Klasse auch, Rollstifte waren da drin, erinnert er sich, ein Spielzeugauto, kleine Lesebücher und natürlich Süßigkeiten. Gesungen haben die Kinder bei der Schuleinführung, es gab eine Führung durch das Schulhaus und ein Fotograf stand bereit, um das obligatorische Erinnerungsfoto zu schießen. Sehr gemocht hat Gerd Günther seine Klassenlehrerin, Frau Henselmann. Sie hat er vor kurzem bei einer Fortbildung getroffen – sie ist längst Schulleiterin einer Grundschule in Freiburg, ihr ehemaliger Schüler mittlerweile Schulleiter in Ehrenkirchen. Selber Lehrer zu werden, das war für Gerd Günther, obwohl er aus einer Lehrerfamilie kommt, damals kein Thema. Ihn hat vielmehr der Sport interessiert. "Ich fand es gut, dass wir bei den Bundesjugendspielen mitgemacht haben, und dass wir sogar Schwimmunterricht hatten". Große Aufregung herrschte 1986 an der Schule, die Atomkatastrophe von Tschernobyl war damals auch in seiner Grundschule Thema. Aufregung ganz anderer Art herrscht am Ende der Woche im Hause Günther. Da wird nämlich Gerd Günthers Sohn eingeschult – und die ganze Familie feiert mit.

CLAUDIA RIEGER-BROCKHAUS

Leiterin der Grundschule
in Horben:

Bilder aus ihrer Grundschulzeit in Geisingen auf der Baar hat Claudia Rieger-Brockhaus keine mehr, aber sie hat die Zeit damals noch sehr genau vor Augen. Einschulung war an einem regnerischen Tag, einem Dienstag kurz nach Ostern im Jahr 1959, um 14 Uhr. "Das weiß ich noch ganz genau." Aber nicht nur das: Claudia Rieger-Brockhaus erinnert sich, dass sie damals einen dunkelblauen Faltenrock trug, eine weiße Bluse und einen roten, in Perlmuster gestrickten Pullover. Ihr Bruder, ein Jahr jünger, wurde gemeinsam mit ihr eingeschult – in grauer Hose, Hemd und ebenfalls einem roten Strickpullover. Erleichtert sei sie gewesen, sagt Horbens Grundschulleiterin, dass sie nicht wie viele andere Mädchen eine weiße Schürze hat tragen müssen. Stolz war sie auf ihren Schulranzen, ein Ostergeschenk der Patentante aus Freiburg. Er war nicht braun wie die der Mitschüler, sondern aus dunkelgrünem Leder, "das war damals wirklich eine Ausnahme". Eine weitere Ausnahme: Der Vater begleitete Mutter und die beiden Erstklässler zur Einschulung. Dazu hatten die meisten anderen Väter keine Zeit. Eine Familienfeier gab es jedoch nicht, eine Schultüte übrigens auch nicht, "das war überhaupt nicht üblich". Üblich hingegen die "Erstausstattung" der 25 neuen Schulkinder: Schiefertafel mit Tafelschoner, Lappen und der Fitgriffel, der wie ein Druckbleistift mit weichen und harten Mienen bestückt werden konnte. Gelernt haben die neuen Erstklässler damals auch gleich etwas: die Geschichte von Heiner im Storchennest, vorgetragen von einem Lehrer – eine Idee, die in der Grundschule Horben bei der Schuleinführung im vergangenen Jahr aufgenommen wurde. Am nächsten Tag begann gleich frühmorgens der Unterricht. Das Erste, was die Kinder sich merken mussten: Der Lehrer wurde mit "Herr Lehrer" angesprochen. Dass das nicht überall gilt, lernte Claudia Rieger-Brockhaus auf dem Gymnasium. Als sie den neuen Lehrer mit "Herr Lehrer" ansprach, "habe ich gleich einen Anpfiff bekommen". Er sei Studienprofessor, bekam sie zu hören, nicht Lehrer, und sei entsprechend mit "Herr Professor" oder mit seinem Familiennamen anzusprechen. Sehr viel freundlicher war da offenbar die Lehrerin, die Claudia Rieger-Brockhaus ab der zweiten Klasse bis zum Wechsel auf die weiterführende Schule hatte. Von ihr war die junge Schülerin so beeindruckt, dass sie beschloss,"ich werde Lehrerin". Bis heute stehen beide miteinander in Kontakt, beim Klassentreffen vor zwei Jahren gab es sogar ein Wiedersehen.

CLAUDIA HOCH

Leiterin der Hexentalschule
in Merzhausen

Schwierigkeiten, sich an ihre Grundschulzeit zu erinnern, hat Claudia Hoch nicht. Im Gegenteil: "Ich könnte über diese Zeit ein Buch schreiben, ich habe noch die volle Palette der Erinnerung". Na, dann los: 1974 ging Claudia Hoch in Bremen an der Hand ihrer Mutter am ersten Tag in die Schule – nur an der Hand der Mutter, mehr Verwandtschaft war nicht gekommen. "Es war damals auch nicht üblich, dass aus der Schuleinführung ein Familienfest wurde." Ihre Schultüte würde Claudia Hoch auch heute noch unter 1000 Modellen herausfinden, da ist sie sicher. Sie war stoffbezogen, blaugrundig und mit bunten Blumen verziert. Auf dem Rücken trug sie einen knallroten Lacklederranzen. Eine tolle Theateraufführung gab es in der Turnhalle und anschließend die erste Schulstunde bei einer sehr jungen Lehrerin. Dann war erst mal Schluss und heimging es – an der Hand der Mutter. "Ich war sehr glücklich über diesen schönen ersten Schultag". Und das Gefühl sollte die ganze Schulzeit über so anhalten. Schon damals war sich Claudia Hoch sicher, einmal Lehrerin werden zu wollen, ein Wunsch, der bis zur endgültigen Berufswahl Bestand haben sollte. Dazu beigetragen haben die Lehrerinnen, die Claudia Hoch in der Grundschule erlebt hat. Zunächst im ersten Schuljahr eine junge engagierte Frau, die die Kinder bereits in der ersten Klasse an Vierer- und Sechsertischen sitzen ließ und erste Ansätze von Gruppenunterricht einübte. Ein Stofftier, der Bär Tapp, wanderte Woche für Woche von einem Tisch zum anderen. Die Kinder liebten ihn sehr, war er doch die Hauptfigur in ihrer Schulfibel. Geschrieben wurde gleich in Hefte mit einem Schullernfüller. Schon die erste Klasse zählte mehr Schulkinder als heute üblich. Der Klassenteiler lag damals bei 39. In eine Klasse mit 38 Kindern kam Claudia Hoch nach dem Umzug der Familie in einen anderen Bremer Stadtteil. An der neuen Schule hielt man Frontalunterricht noch für die geeignete Lernform, aber auch der hat Claudia Hoch Spaß gemacht. Jeder Schultag begann mit Musik. Die Lehrerin brachte die Gitarre mit und die Kinder sangen Lieder. "Wir waren sicher eine anstrengende Klasse, viele waren sehr aktiv und wir haben gerne Streiche gespielt". Einmal wurde ein aufgezogener Wecker im Pult der Lehrerin deponiert und als dieser losging glaubte die Frau, die Schule übe Feueralarm. Sie wies die Kinder an, sich schnell zwei und zwei nebeneinander aufzustellen, und die Klasse verlies das Schulgebäude. Als auf dem Schulhof aber niemand anderes auftauchte, bemerkte sie den Irrtum. "Wir sind alle gemeinsam rausgegangen ohne zu lachen", erinnert sich Claudia Hoch, die Klassengemeinschaft, die habe trotz der großen Schülerzahl immer zusammengehalten. Die Lehrerin trug’s mit Humor. Überhaupt seien die Lehrerinnen den Schülern sehr zugewandt und aufmerksam gegenüber gewesen, sagt Claudia Hoch. "Es war eine wirklich schöne Zeit"

KARIN MODLICH

Schulleiterin der
Alemannenschule in Mengen:

Der ganze Stolz von Karin Modlich war ihr Griffelkästchen aus rotlackiertem Holz. Außen dekoriert mit Hase und Igel, innen bestückt mit Perlen, mit denen man rechnen konnte. "Das war mein Schönstes zum Schulanfang". Kurz nach Ostern 1961 wurde Karin Modlich in Furtwangen im Schwarzwald eingeschult, gemeinsam mit 32 Kindern. In 3er-Reihen standen die Bänke im Klassenzimmer hintereinander. Neben dem Griffelkästchen brauchte die junge Schülerin die Schiefertafel mit grünem Rahmen und einem Lappen, der seitlich herunterhing. Den braunen Lederschulranzen, den sie damals trug, gibt es noch heute. Er steht in der Alemannenschule. Auch an die Schultüte kann sie sich erinnern: goldfarben mit rotem Dreieck, darauf abgebildet ein Junge und ein Mädchen. Süßigkeiten waren darin verpackt, aber auch ein Geschenk der Eltern: Grimms Märchen. Dieses Buch hat Karin Modlich bis heute begleitet. Sie hat es immer wieder selber gelesen, ihren drei Kindern hat sie daraus Märchen erzählt und auch ihren Schülern. Wie der alte Ranzen gehört es heute zum Inventar ihres Zimmers in der Schule. Vater und Mutter waren damals dabei bei der Einschulung und erlebten, wie die Tochter in der Festhalle unter all den Kindern saß und "mit bangem Gefühl" darauf wartete, in welche Klasse sie eingeteilt werden würde. Sie kam zu Fräulein Ger-lach, von deren Freundlichkeit sie heute noch schwärmt. Entsprechend schlimm war der Tag am Schuljahrsende, als der Rektor der Klasse verkündete, dass das Fräulein Gerlach heiratet und sich, wie damals üblich, deshalb an den heimischen Herd zurückzieht. Mit dem Gedanken, selber Lehrerin zu werden, beschäftigte sich Karim Modlich erst nach dem Abitur, in der Grundschulzeit hatte sie ein ganz anderes Berufsziel: Sie wollte Frisöse werden und übte schon: "an meiner Puppe."

Autor: Andrea Gallien