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23. Oktober 2012

Mit den Fäden der Vergangenheit die Zukunft weben

Premiere im Psychiatriezentrum: Milton Matz’ Stück "Frühstück im Regency" berührt, macht betroffen und nachdenklich.

  1. Lisa liegt im Sterben und kämpft mit ihren schmerzhaften Erinnerungen. Die Flickendecke verbindet sie mit der Vergangenheit. Foto: Dagmar Barber

EMMENDINGEN. Der wichtigste Satz steht nicht im Textbuch der Schauspieler. Den sagt Oberarzt Eberhard Hof aus dem Zentrum für Psychiatrie (ZfP) nach der Aufführung zum Publikum: "Aus Zerbrochenem, Bruchstückhaftem, Zerrissenem kann etwas Neues, völlig anderes Ganzes werden." Als klinische Psychologen wissen er und der Autor des Stückes "Frühstück im Regency", Milton Matz, wie viele Menschen unter Traumata leiden. Die Botschaft des Theaterstücks lautet "Zusammenwachsen, heil werden ist möglich", sagt Eberhard Hof und auch, dass dem ZfP viel an der Verbindung zur Öffentlichkeit liege. Denn gegenseitiges Verständnis, zwischen Kranken und Gesunden, aber auch Angehörigen unterschiedlicher Religionen, braucht Begegnung und dazu leistet Verena Gebien mit ihrem Komm-Team einen herausragenden Beitrag. Sie holte die Regisseurin Christine Kallfaß mit ihrem jungen und talentierten Ensemble ins ZfP.

Es ist eine Premiere im ZfP, sagt Hof, denn zum ersten Mal haben Regisseurin Christine Kallfaß, Verena Gebien von Komm, Viktoria Budyakova (Jüdische Gemeinde) und Carola Grasse (Verein für jüdische Geschichte und Kultur) ein Projekt als Erinnerung an eine schmerzhafte Episode deutscher Geschichte geschaffen: Fast auf den Tag genau, am 22. Oktober 1940, wurden im Rahmen der ersten planmäßigen Deportation von Juden 6538 Deutsche jüdischen Glaubens aus Baden, der Pfalz und dem Saarland in das französische Lager Gurs verschleppt; viele wurden dort ermordet. Auch Lisas Großmutter starb in Auschwitz; wie sie wurden zwischen 1940 und 1944 insgesamt 1127 Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen deportiert und in Grafeneck und Hadamar ermordet. Die Flickendecke aus alten Stoffresten stellt die stärkste Verbindung zur Vergangenheit her und ist eine großartige Metapher, sagt Hof. Milton Matz schrieb Begebenheiten auf, die aus dem Leben seiner verstorbenen Frau und ihrer Familie in Freiburg und Ihringen basieren.

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Die erwachsene Lisa leidet an Lungenkrebs im Endstadium; zusammen mit ihrem Mann verbringt sie ihre letzten Tage im Hotel. In ihren Träumen taucht immer wieder die Großmutter auf, die sie sehr liebte und die sie 1941 in Freiburg zurücklassen musste. Die Großmutter hat eine Flickendecke aus Resten gearbeitet, die die erwachsene Lisa in ihrem amerikanischen Exil viele Jahre später noch wärmt und schützt. Sie liebt diese Decke, die sie an glückliche Zeiten erinnert. Lisas Bruder und sein Tagebuch, das er als 14-Jähriger schrieb, haben eine große Bedeutung für Lisa. Die junge Lisa spürte die Angst der Familie, die sie zu teilen beginnt. Mit dem Kindheitstrauma wird sie ihr ganzes Leben lang nicht mehr fertig.

Schon der Einstieg hat’s in sich: Kallfass selbst erscheint als exaltierter Wirbelwind mit dramatischem Effekt, Synonym für all die Deportierten, die nicht glauben wollten, dass Menschen zu solchen Gräueltaten fähig sind. Immer wieder erregende Momente: Lisa ist völlig außer sich. Im Wahn wütet sie, für alle rätselhaft, gegen Ehemann Bert und die Pflegerin, um dann, wieder bei Verstand, Bert in inniger Umarmung zu erklären "Ich wollte dich nicht verlieren, wie ich Oma verloren habe. Ich habe gesagt, dass ich dich hasse, weil ich dich liebe." Auch die Szene der jungen Lisa, die ihre Oma beschimpft, ist bestürzend gut. Das Stück ist komisch und liebevoll und die Botschaft kommt rüber. Menschen aller Religionen, psychisch Kranke und Gesunde werden ermutigt, wie die Großmutter in diesem Theaterstück "mit den Fäden der Vergangenheit eine Zukunft zu weben". Die Vernetzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Bühne und Zuschauerraum gelingt dem Ensemble mit bunten Fäden.

Am Ende waren die Zuschauer betroffen und nachdenklich – und begeistert von der schauspielerischen Leistung. Nach der Vorstellung sagt Kallfaß, dass sie glücklich sei, mit so talentierten Schauspielern zu arbeiten. Es war für sie intensive psychologische Theaterarbeit und sie findet, dass das Stück an diesem Ort, im Festsaal, unglaublich gut platziert war.

Die Schauspieler waren großartig: Lisa (Elisabeth Kreßler; als Zehnjährige: Marianne Lindt), Ehemann Bert (Falk Döhler), Bruder Peter (Mirko Kurczinski), Großmutter (Nicole Djandji), Kelly Kraus als Synonym für Deportierte. Alle stammen aus Freiburg; Christine Kallfaß hat sie ausgebildet. Eine Schüleraufführung in Emmendingen ist geplant.

Autor: Dagmar Barber