Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Juni 2015 10:19 Uhr

Markgräflerland

Arm trotz Arbeit – das gibt es auch in der Region immer häufiger

Eine Aktionswoche macht auf ein drängendes Problem aufmerksam: "Arm und überschuldet – trotz Arbeit." Diese düstere Devise gilt auch im Markgräflerland für immer mehr Menschen.

  1. Trotz Arbeit Ebbe im Portemonnaie: Diese düstere Aussicht trifft auch im Markgräflerland immer mehr Menschen. Foto: DPA

Arbeit zu haben – das gilt gemeinhin als wichtigste Grundlage für materielle Sicherheit. Immer öfter aber erweist sich das als Trugschluss. Die Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der freien Wohlfahrtsverbände macht dieser Tage mit einer Aktionswoche auf ein drängendes gesellschaftliches Problem aufmerksam: "Arm und überschuldet – trotz Arbeit." Diese düstere Devise gilt offenbar auch für immer mehr Menschen im Markgräflerland.

"Arbeitslose haben wenigstens noch die Perspektive, dass ihre Situation besser wird, wenn sie wieder Arbeit haben." Hannelore Klaus
Hannelore Klaus kümmert sich in Müllheim um die Schuldner- und Insolvenzberatung des Diakonischen Werkes im evangelischen Kirchenbezirk Breisgau-Hochschwarzwald. Noch vor wenigen Jahren, so berichtet die Sozialarbeiterin, war die Ursache für die finanziellen Probleme derer, die bei ihr um Rat und Unterstützung nachfragten, überwiegend Arbeitslosigkeit. "Ich schätze, dass der Anteil bei etwa 90 Prozent lag", berichtet Klaus. Inzwischen hat sich das Verhältnis mehr als umgekehrt. 50 bis 60 Prozent der Hilfesuchenden heute haben eine Beschäftigung – sehr häufig sogar einen Vollzeitjob, stellt die Schuldnerberaterin fest.

Werbung


Die Erkenntnis, dass Arbeit nicht automatisch vor Armut schützt, sei für die Betroffenen sehr bitter und in gewisser Weise fast noch schlimmer als Arbeitslosigkeit, meint Hannelore Klaus. "Arbeitslose haben wenigstens noch die Perspektive, dass ihre Situation besser wird, wenn sie wieder Arbeit haben."

1200 bis 1500 Euro netto auf dem Lohnzettel

Das Problem sieht Klaus mehr auf der Ausgaben- denn auf der Einnahmenseite. Viele ihrer Klienten haben so zwischen 1200 bis 1500 Euro netto auf ihrem Lohnzettel stehen, hinzu kommt dann noch Kindergeld – 368 Euro etwa bei zwei Kindern. Das ist zwar nicht üppig, klingt aber zunächst einmal auch nicht nach Nichts. Und doch: Während eine allein stehende Person ohne familiäre Verpflichtungen mit den genannten Summen wohl über die Runden kommen kann, wird es vor allem dann schwierig, wenn Kinder ins Spiel kommen.

Tatsächlich seien Kinder in diesem Zusammenhang als echtes Armutsrisiko zu sehen, bestätigt Hannelore Klaus. Die meisten ihrer Klienten sind denn auch Familien, sehr häufig Alleinerziehende. Denn von den genannten Einkommen geht in der Regel schon mal die Hälfte für die Wohnungskosten drauf – mindestens. Der leer gefegte Wohnungsmarkt, vor allem im preiswerteren Segment, und die daraus resultierenden hohen Mieten im Markgräflerland zählen somit zu den Hauptursachen dafür, dass Menschen mit niedrigem Einkommen kaum noch über die Runden kommen.



Ergänzende staatliche Leistungen sind da oft auch nur bedingt eine Hilfe. Viele ihrer Klienten, berichtet Hannelore Klaus, hätten trotz Arbeitseinkommen noch Ansprüche aus dem Arbeitslosengeld-II-Topf – in diesem Fall spricht man von den sogenannten Aufstockern. Doch wer solche Leistungen beantragt, von dem verlangt das Jobcenter des Landkreises, sich eine Wohnung zu "angemessenen" Konditionen zu suchen. Trotz einer erst zum 1. März 2015 erfolgten Erhöhung der entsprechenden Richtsätze: Was das Jobcenter als "angemessen" definiert, halten die Fachleute der Hilfsinstitutionen vor Ort für völlig unrealistisch. Eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern zum Beispiel, also drei Personen, müsste demnach im Markgräflerland eine Wohnung mit einer Kaltmiete von höchstens 452 Euro im Monat finden.

Wohnkosten sind das größte Problem

Die niedrigen Sätze für "angemessene" Miete führen laut Klaus mitunter sogar dazu, dass sich Menschen erst gar nicht ans Jobcenter wenden, obwohl sie als Aufstocker durchaus Anspruch auf staatliche Leistungen hätten. Ein anderer Grund, weshalb Hilfsbedürftige auf Unterstützung durch die öffentliche Hand verzichten, sei oft Scham, berichtet die Sozialarbeiterin. "Trotz Arbeit nicht mit seinem Geld auskommen zu können, empfinden Viele als sehr erniedrigend."

Doch es sind nicht nur die Wohnkosten – insgesamt macht Hannelore Klaus die Beobachtung, dass die Schere immer mehr aufgeht, sprich: Die Einkommen halten mit den steigenden Lebenshaltungskosten gerade in unserer Region oft einfach nicht mehr mit. An der prekären Lage ändert auch der neu eingeführten Mindestlohn nichts. "Gerade für Familien deckt der nicht mal den Alltagsbedarf", sagt Hannelore Klaus.

Bei dem einen oder anderen Ratsuchenden komme es natürlich auch vor, dass nicht gelinge, das eigene Konsumverhalten zu zügeln. Doch das sei eher die Ausnahme, beteuert die Schuldnerberaterin. "Wir erarbeiten ja mit den Betroffenen zusammen einen Haushaltsplan. Und da stellen wir dann fest, dass wirklich nichts mehr übrig bleibt. Und von Urlaub ist da gar nicht die Rede, auch nicht vom Kinobesuch oder einem Wochenendausflug mit der Familie."

Wenn das kaputte Auto zur Existenzbedrohung wird

Besonders bitter sei die Situation in solchen Fällen für die Kinder. Schon eine Klassenfahrt könne zur großen Belastung werden, so Klaus. Zwar gibt es in fast allen Schulen spezielle Fördertöpfe für Schüler aus bedürftigen Familien, doch die Hemmschwelle sich zu "outen", um an finanzielle Unterstützung zu kommen, sei auch da enorm hoch, gibt Hannelore Klaus zu Bedenken.

Es sind vor allem die ungeplanten, aber eben doch zum Leben gehörenden Ereignisse, die das fragile finanzielle Gerüst von Menschen mit geringen Einkommen zum Einsturz bringen lassen. Eine unvorhergesehene Autoreparatur, eine nicht eingeplante Nebenkostennachzahlung, die Notwendigkeit den alten Kühlschrank zu ersetzen, der den Geist aufgegeben hat – all das sind Umstände, die bei den wenigsten Menschen Jubel auslösen, mit dem entsprechenden finanziellen Polster aber allenfalls lästig sind. Wenn aber jeder Cent ohnehin für den laufenden Betrieb im Alltag verplant ist, dann werden solche Ausgaben unter Umständen existenzbedrohend, oder sie führen in die Verschuldung, die nicht selten in einem Teufelskreis endet.

Tatsächlich wird die Situation mitunter richtig dramatisch: "Wir haben immer wieder Menschen in der Beratung, denen in ihrer Wohnung der Strom abgestellt wird", berichtet Hannelore Klaus. Arm trotz Arbeit – auch die Fachfrau weiß keine Patentlösung für dieses offensichtlich immer drängender werdende Problem. Ganz wichtig aber sei, dass Menschen in einer prekären finanziellen Situation über ihren Schatten springen und Hilfe suchen. Sehr häufig fänden sich dann Wege, um wenigstens die allergrößten Probleme in den Griff zu bekommen.
Info

Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes Breisgau-Hochschwarzwald, Hebelstraße 1a in Müllheim. Ansprechpartnerin: Hannelore Klaus, Tel. 07631/177745 , E-Mail hannelore.klaus@diakonie.ekiba.de

Mehr zum Thema:

Autor: Alexander Huber