Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

28. Mai 2011 00:00 Uhr

Nachwirkungen

Der Zugunfall ist noch lange nicht bewältigt

Nach dem Güterzunglück in Müllheimer laufen an verschiedenen Fronten die Arbeiten: Im Bahnhof werden die Gleisanlagen repariert, die Polizei sucht nach der Ursache und auch die Kommunalpolitik beschäftigt das Unglück weiterhin.

  1. Gleis zwei führt derzeit nirgendwo hin: In der Woche seit dem Zugunglück in Müllheim wurden hier mehrere Hundert Meter Gleis abgetragen. Foto: kam Foto: KAtharina Meyer

MÜLLHEIM. Eine Woche nach dem schweren Güterzugunglück im Müllheimer Bahnhof läuft der Bahnverkehr wieder reibungslos. Doch bewältigt ist das Ereignis noch lange nicht: Die DB ist im Müllheimer Bahnhof nach wie vor intensiv mit Instandsetzungsarbeiten beschäftigt, die polizeilichen Ermittlungen laufen weiter und auch die Kommunalpolitik macht sich Gedanken.

Es läuft ein Gleis ins Nirgendwo: So sieht es derzeit am Müllheimer Bahnhof aus. Am nördlichen Ende des Bahnsteigs enden die Schienen von Gleis zwei abrupt, ein zwischen den Schienen verlaufender mobiler Zaun zeigt an, dass hier eine Baustelle ist.

Hochbetrieb für das zweite Gleis

Im Laufe der Woche herrschte hier Hochbetrieb: Das Gleis war nach dem Unfall derart beschädigt, dass es auf einer Länge von 300 bis 400 Metern abgebaut werden musste. Vier Weichen mussten ebenfalls weichen, ein Oberleitungsmast abgebaut werden. An seiner Stelle ragt bereits, noch ganz nackt, ein neuer in die Höhe. Der Beton am frisch gegossenen Fundament härtet derzeit noch aus, wie die Bauarbeiter vor Ort erzählen, dann kann er wieder verkabelt werden.

Werbung


In Tag- und Nachtschichten haben sie nach dem Unfall im Bahnhofsbereich gearbeitet. "Alles, damit es so schnell wie möglich wieder zwei Gleise gibt", erzählt einer der Bahnmitarbeiter. "Es war heftig." Seit Mittwochabend ist es soweit, Züge nach Süden nähern sich dem Bahnhof auf Gleis 13, das im Bahnhofsbereich dann als Gleis fünf firmiert.

Die großen Stopfmaschinen fürs neue Gleis stehen schon parat

Dieses Gleis 13 sei vor dem Unglück gerade in Instandsetzung gewesen, erzählt der Bahnmitarbeiter weiter. "Das war großes Glück", meint er. Denn die Schienen seien gerade abgetragen gewesen, sonst wären auch sie kaputt gegangen. Nur die Weiche im vorderen Bereich habe es gekostet – die sei nun mit einem Stück Schiene überbrückt worden. Glück ist ja ohnehin das Stichwort bei dem Zugunfall. Großes Glück haben die Bauarbeiter von Gleis 13 gehabt: "Ich bin fünf Minuten vorher rüber zum Bahnhof gelaufen", sagt der Bahnmitarbeiter und schiebt ein "Gott sei Dank" hinterher. "Ich hab’s live miterlebt." Seitdem war er an der Baustelle im Dauereinsatz. Von der Sicherheit der Bahn ist er trotz des Unfalls überzeugt. Wie er sich auch überzeugt zeigt, dass der Bahnhof am vergangenen Freitag sicher war. "Die Ermittlungen stehen noch aus", ergänzt er aber noch.

Wegen der vier Weichen, die ersetzt werden müssen, wird der Wiederaufbau des Gleises zwei noch eine Weile dauern: Sie sind bestellt, im Weichenwerk in Witten werden sie derzeit gefertigt – in der zweiten Juniwoche sollen sie geliefert werden. Von nächster Woche an wird zunächst das Gleisbett für die neuen Schienen vorbereitet. Dafür stehen auf der westlichen Bahnhofsseite schon die großen gelben Stopfmaschinen der Bahn parat. Die Arbeiten stoßen auf reges Interesse, immer wieder sind dieser Tage Bahn-Kiebitze im Bahnhof zu treffen, die den Fortschritt genau verfolgen.

Havarierte Waggons auf dem Abstellgleis

Aber auch jenseits der Bauarbeiten sind eine Woche danach noch genügend Spuren des Unfalls zu sehen. Sieben Waggons des Unglückszuges parken im Bahnhof auf einem Abstellgleis. Und auf einem Gelände hinter dem Bahnhof sind die beschädigten Fahrgestelle des Unglückszuges wie zur Besichtigung fein säuberlich in Reihe auf einer Rampe aufgebockt. Dort steht auch noch ein Containerwagen – mit aufgedruckten Chemiesymbolen. Dessen Fracht wird am Freitagmittag gerade von einem Gutachter inspiziert, der eigens aus Hamburg eingeflogen wurde. Er muss das Okay geben, dass nichts verrutscht ist, bevor die Ladung der havarierten Waggons weiter transportiert werden kann – das wird wohl in den nächsten Tagen geschehen.

Kritik an der Kommunikation

Für den Gemeinderat – und begleitet von Dankesworten des Bürgermeisters – fasste Feuerwehrkommandant Michael Stöcklin den Einsatz beim Bahnhof zusammen. Im Ratssaal kritisierte er, dass die Verantwortlichkeit für den Güterzug nicht bei der Bahn, sondern bei den einzelnen Speditionen der Waggons gelegen habe, was mit ein Grund für "Zeitprobleme" gewesen sei. Auch habe sich das Abschalten und die Erdung der Strommasten hingezogen: Das Areal sei eineinhalb Stunden lang unter Strom gestanden, ehe die Wehrleute aktiv werden konnten. Zur Kritik an der Kommunikation der Bahn sagte Stöcklin: Zwar sei bei den Einsatzbesprechungen immer ein Bahnmanager dabei gewesen, doch seien dies immer wieder andere Personen gewesen, und die Bahnsprecher seien sich zudem immer wieder "uneins" gewesen.

"Das hat zu sehr viel Verwirrung geführt", sagte Stöcklin. Mit dem Bewusstsein, dass Müllheim an einer Katastrophe "vorbei geschrammt" sei, fragte Hügelheims Ortsvorsteherin Monika Eitel (SPD) nach, welche Konsequenzen aus den geschilderten Erfahrungen gezogen würden. Stadtrat Gerhard Engler (CDU) forderte, dass der Landkreis in Abstimmung mit der Stadt – "im Zusammenhang mit dem Ausbau der Rheintalbahn" – eine Depesche an die Bahn richten solle, um Verbesserungen einzufordern. Bürgermeister René Lohs versprach, sich mit der Landrätin diesbezüglich auszutauschen.

Mehr zum Thema:

Autor: Katharina Meyer und Andrea Drescher