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20. Mai 2011

Die Folgen von Fukushima sind heute noch nicht einzuschätzen

Der Physiker Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt hatte in Müllheim ein großes Publikum / Aus seiner Sicht waren alle Risiken schon vorher bekannt.

  1. Moderator Martin Richter (links) und Referent Christian Küppers vom Öko-Institut. Foto: Philipp

MÜLLHEIM (dop). Der Supergau von Fukushima, die Atomkatastrophe in Zeitlupe, beschäftigt die Menschen in der Region, auch wenn er inzwischen aus den Schlagzeilen verschwunden ist. Im kleinen Saal des Bürgerhauses mussten noch Stühle herbeigeschafft werden, so groß war der Andrang zum Informations- und Diskussionsabend des Müllheimer Ortsvereins von Bündnis 90/ Die Grünen. Der Diplomphysiker Christian Küppers vom Darmstadter Öko-Institut zeigte sich positiv überrascht von der Zahl der Zuhörer. Das sei angesichts des Themas "eher selten in Deutschland".

Wie funktioniert ein Siedewasserreaktor, warum kann nach der Abschaltung trotzdem noch eine Kernschmelze eintreten, wo sind die Schwachstellen in den Kreisläufen des Systems – diese Aspekte füllten den ersten Teil des mit Fakten gespickten und mit Folien illustrierten Vortrags. In einer stundengenauen Chronologie der Ereignisse ab dem 11. März, 14.46 Uhr Ortszeit, als Japan von dem schweren Erdbeben erschüttert wurde, zeichnete Küppers die Maßnahmen nach, die im Kraftwerk ergriffen wurden. Hier wurde beispielsweise deutlich, dass die Entscheidung, radioaktiven Dampf aus dem Druckbehälter abzulassen, relativ spät getroffen wurde, möglicherweise, weil niemand verantworten wollte, dass danach das Kraftwerk nicht mehr verwendungsfähig ist. Deutlich wurde auch, dass die vorherrschenden Windverhältnisse die Verwehung der radioaktiven Teile aufs Meer begünstigt haben. Trotzdem werde es in der Nachbarschaft des AKW Gebiete geben, "die man nicht mehr nutzen kann". Viele Konsequenzen aus dem Unfall könne man aber erst abschätzen, wenn die Arbeiter die entsprechenden Bereiche wieder betreten können. Interessant war eine Grafik, die die Stromexporte und -importe Deutschlands vor und nach dem Moratorium zeigte, bei dem bekanntlich sieben Altmeiler vom Netz genommen wurden.

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Die Kurvenverläufe liegen nach Küppers im Schnitt der vergangenen Jahre, so dass er folgern konnte, die Abschaltungen hätten nicht zu verstärkten Importen geführt. Zu den von Frankreich für seine AKWs geplanten Maßnahmen meinte Küppers, als Mitglied der Deutsch-Französischen Kommission für Fragen der Sicherheit kerntechnischer Anlagen (DFK), man habe in Frankreich "tatsächlich technische Verbesserungen vor". Was mit dem AKW Fessenheim künftig wird, sei erst Ende des Jahres absehbar. Die laufende Zehnjahresinspektion verzögere sich wegen zusätzlicher Prüfungen.

Eine Schlussfolgerung durchzog den Vortrag wie ein roter Faden: Im Prinzip waren alle Risiken der Atomtechnologie, die jetzt zu der neuen Katastrophe geführt haben, bekannt. Spätestens seit Tschernobyl hatte man "Anschauungsmaterial".

In der Diskussion interessierte die Frage, ob aus der havarierten Anlage immer noch Radioaktivität austritt, was Küppers bejahte. Das werde erst gestoppt, wenn die Gebäude abgedichtet seien. Er erklärte auch, warum es nicht möglich ist, ausrangierte AKWs mit einer Betonhülle zu versiegeln. Denn ein Reaktorkern könne auch noch 20 bis 30 Jahre nach der Abschaltung schmelzen. Dass in Europa von Japan her keine weitere Verstrahlung zu befürchten sei, erläuterte Küppers anhand weltweiter Messergebnisse, unter anderem an der Station auf dem Schauinsland, wo man trotz sehr niedriger Werte an der Nachweisgrenze sehen konnte, dass die Wolke angekommen ist und ihr Maximum überschritten hat. Dass einige Zuhörer vorzeitig den Saal verließen, lag sicher an der kompakt und sachlich-trocken aufbereiteten Fülle der für Laien schwierigen Fakten und möglicherweise auch daran, dass selbst ein international anerkannter Fachmann angesichts der Unbeherrschbarkeit dieser Technologie vielfach in der Beschreibung der Zustände und Abläufe verharren muss, ohne verbindliche Aussagen machen zu können. Am Schluss äußerte sich Moderator Martin Richter zuversichtlich, dass mit dem Politikwechsel im Land hinsichtlich erneuerbarer Energien einiges in Bewegung gesetzt werden kann.

Das Öko-Institut: Unabhängige Forschungs- und Beratungseinrichtung für nachhaltige Zukunft. Standorte in Freiburg, Darmstadt und Berlin, http://www.oeko.de

Autor: dop