Ein erster, wichtiger Schritt

Beatrice Ehrlich

Von Beatrice Ehrlich

Di, 27. Dezember 2016

Müllheim

Deutsch lernen auf besondere Art: Der erste "Huckepack-Kurs" für Flüchtlinge in Müllheim nimmt seine Zertifikate in Empfang.

MÜLLHEIM. "Viele kleine Schritte führen zum Ziel." Anna de Jonghe spricht langsam und deutlich, mit einer Geste unterstreicht sie, was sie meint. Der große Tisch im ehemaligen Frühstücksraum des Hotels Bauer am Bahnhof ist heute festlich geschmückt, Schalen mit frischem Obst und Lebkuchen stehen bereit. Denn es gibt etwas zu feiern in der Müllheimer Flüchtlingsunterkunft.

Anna de Jonghes Schüler – Asylbewerber aus Gambia sowie ein Eritreer, die erst seit kurzem in Deutschland leben – haben einen zwar kleinen, aber wichtigen Schritt geschafft: die Prüfung für das Niveau A1 für Deutsch als Zweitsprache gemäß dem europäischen Referenzrahmen für Fremdsprachenerwerb. Schwarz auf Weiß steht es auf ihren frisch ausgedruckten Zertifikaten. Bei der Zeugnisübergabe sind auch Vertreter aller beteiligten Akteure zu Gast: vom Verein Zuflucht Müllheim, der Volkshochschule Markgräflerland und der Landeszentrale für politische Bildung.

Dass es so weit kam, bedurfte der Unterstützung vieler. "Huckepack" – was das ungewöhnliche Wort auf Deutsch bedeutet, führt eine Helferin aus Neuenburg mit einem Flüchtling noch einmal anschaulich vor. Zum größten Vergnügen aller Anwesenden nimmt sie ihn kurzerhand auf den Rücken. In dem von der Linguistin und Fremdsprachendidaktikerin de Jonghe konzipierten Huckepack-Sprachkurs bedeutet es, dass jedem Lernenden ein Tandempartner zur Seite gestellt wurde. Der stand während des Unterrichts als Lernbegleiter, aber auch darüber hinaus für Fragen zur Seite.

Manche der ehrenamtlichen Helfer hätten es zunächst als Überforderung empfunden, als Laien eigenständig einen Deutschkurs zu leiten, berichtet die Initiatorin. Sie hätten sich eine professionelle Anleitung gewünscht. Zusammen mit Stephanie Heuberger, Leiterin der Volkshochschule Markgräflerland entwickelte de Jonghe daraufhin ein Kursmodell, in dem alle Beteiligten etwas lernen: die einen die deutsche Sprache, die anderen die Sprachvermittlung an Menschen mit einem völlig anderen kulturellen Hintergrund. Deshalb bekommen auch die Lernbegleiter an diesem Abend ein Zertifikat ausgehändigt – und einen Titel: Sprachlotse Markgräflerland.

Dass die deutsche Sprache schwer ist, weiß Kursleiterin de Jonghe, die ursprünglich aus Belgien kommt, aus eigener Anschauung. Gerade deswegen könne sie sich gut in die Rolle der Lernenden hineinversetzen. Seit Juli hat der Huckepack-Kurs zweimal in der Woche stattgefunden. Auf eine erste Runde zusammen am großen Tisch folgte das individuelle Arbeiten an Lernstationen – dazu kamen dann jeweils die deutschsprachigen Lernpartner. Eine Idee, die Wellen schlägt. Der Helferkreis "Sichtbar ankommen" aus Neuenburg hat Interesse angemeldet. Die Landeszentrale für politische Bildung hat den Kurs als eines von mehreren Modellprojekten begleitet und einen finanziellen Zuschuss gewährt.

Bei der Ankunft stark traumatisiert

Für die Gambier, von denen manche bisher kaum eine Schulbildung genossen haben, war der Weg bis hierher ein großer Schritt. Als sie ankamen, hätten sie verstört und traumatisiert gewirkt, sich kaum getraut ihrem Gegenüber in die Augen zu schauen, berichtet Joachim Walter, der im Huckepack-Kurs zwei Asylbewerber betreut hat. Dies habe sich mittlerweile sehr geändert. Einige der Absolventen greifen zum Mikrofon und formulieren erste Sätze auf Deutsch: Ceesay Boubakar, der schon eine Ausbildungsstelle zum Maler und Lackierer gefunden hat und nun schnell sein Deutsch verbessern muss. Anzu, der in einer Küche arbeitet. Er hat von Anfang an Sprachkurse besucht und diese zunächst komplett aus eigener Tasche bezahlt hat. Janko, der die Berufsschule für Holztechnik besucht und Zimmermann werden will.

Lamin und er haben zusammen mit Anna de Jonghe einen Leserbrief verfasst, der in Der Sonntag abgedruckt wurde. Es war ihnen wichtig, zu erklären, dass sie nichts mit Drogenhandel zu tun haben, mit dem Gambier in einem Artikel in Verbindung gebracht worden waren.

Dass nicht alle die Prüfung geschafft haben, verschweigt die Kursleiterin nicht, betont aber, dass sich alle nach Kräften bemüht hätten. Sie empfiehlt ihnen, dranzubleiben am Deutschlernen. Als dann alle zusammensitzen, essen und trinken, sind für einen kurzen Moment die Zukunftssorgen vergessen. Denn die gibt es: Viele der Anwesenden haben kein Asyl gewährt bekommen, sondern bloß eine Duldung. Die wenigsten haben bereits einen Ausbildungsvertrag – denn auch ein solcher könnte den Weg freimachen für ein Bleiberecht in Deutschland für fünf Jahre, wie Samuel Gebert vom Verein Zuflucht Müllheim erläutert.