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20. September 2017

Es geht um Ausdruck, nicht um Urteil

Von der "inneren Notwendigkeit des Malens": Geneviève Mégier schafft in Niederweiler einen Ort mit einem ganz besonderen Konzept.

  1. Platz für die reine, urteilsfreie Beschäftigung mit Pinsel und Farbe: Geneviève Mégier hat in Niederweiler einen „Malort“ geschaffen. Foto: Dorothee Philipp

MÜLLHEIM-NIEDERWEILER. "Wir nehmen ein großes Blatt Papier und heften es an die Wand. In der Mitte des Raumes steht der Palettentisch. Wir suchen uns eine Farbe aus, tunken den Pinsel hinein, gehen zu unserem Blatt und fangen an." Menschen ab etwa vier Jahren können das. Welche Erfahrungen mit dieser Technik des spontanen Ausdrucks möglich sind, vermittelt Geneviève Mégier in ihrem neuen Atelier in der Weilertalstraße 35, wo sie in einer ehemaligen Scheune einen "Malort" geschaffen hat.

Es ist eine "utopische Insel", abgegrenzt von der Außenwelt, die Wände mit glattem Packpapier verkleidet, auf das die weißen Malblätter mit Reißzwecken gepinnt werden können. Am Wochenende stellte Geneviève Mégier bei einem Tag der offenen Tür die Methode vor. Was man mit den Farben macht, wie viele Blätter man braucht, ist einem selbst überlassen, es gibt weder Kritik noch Lob, auch das fertige Bild wird nicht beurteilt. Was also steckt hinter diesem "Malort"?

Schon als Kind war Geneviève Mégier von der Methode des Pädagogen und Forschers Arno Stern (Jahrgang 1924) fasziniert, berichtet sie. "Das freie Malen, das In-Ruhe-Gelassen-Werden war eine schöne Erinnerung für mich." Später begegnete sie in einem Freiburger Atelier wieder der "Formulation", wie Stern das Heraufholen von unterbewusst gespeicherten Linien und Formen nennt. Und wieder sei der Impuls sehr stark gewesen, sich mit dieser Technik zu beschäftigen. Doch zunächst schlug sie eine Laufbahn als Cellistin und Cellolehrerin ein. Den Cellounterricht hat sie aufgegeben, aber das eigene Musizieren will sie beibehalten, auch unter dem Aspekt, Musik zu erfahren, ohne dass sie in eine feste Form gefasst ist.

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Eine Ausbildung bei Arno Stern persönlich in seinem "Closlieu" in Paris schloss Geneviève Mégier 2016 als "Malspieldienende" ab. Sie kann nun in Kursen andere Menschen bei ihrer Beschäftigung mit Pinsel und Farbe unterstützen, wobei sie aber nicht auf den Malprozess einwirkt, sondern nur dafür sorgt, dass die Energie im Raum auf dem richtigen Pegel ist – eine ganz und gar dienende Funktion, wie sie sagt.

Die Jugendkunstschule der VHS Markgräflerland ist dabei ihr Kooperationspartner für die Montagskurse. Weitere Malgruppen "für Menschen jeden Alters" finden dienstags und mittwochs statt. Wichtig ist für Arno Stern und für sie selbst die Feststellung, dass ein solcher Kurs keine Therapie ist, sondern ganz auf die praktische Betätigung, auf das Tun und das Erleben ausgerichtet ist. Stern spreche von "innerer Notwendigkeit", die sich in den spontan entstehenden Flächen und Linien ihren Weg ins Visuelle sucht, erläutert sie. Da die Bilder nicht das Wichtigste sind, bleiben sie auch im Atelier zurück.

Der "Malort" und auch die geplanten Angebote in Niederweiler entsprechen genau den Vorgaben des großen Pädagogen. Denn die Prozesse, die dort ablaufen sollen, verlangen nach Stern "größten Ernst und größte Genauigkeit". Der Begriff "Malspieldienende/r" wurde ebenfalls von Stern kreiert. Wer sich anmeldet, sollte das verbindlich für ein ganzes Jahr tun, Schnupperstunden oder Quartalsangebote sind tabu.

Deswegen gab es am Tag der offenen Tür kein "Probemalen", auch wenn es die Besucher angesichts des sorgfältig in der Mitte des Raumes aufgebauten Palettentischs in den Fingern juckte. Sogar die Maße und die Beleuchtung des Malortes sind genau definiert, ebenso die Zahl der Farben (Gouache) auf dem Palettentisch in der Mitte des Raumes, nämlich 18 von Weiß bis Schwarz, aber ohne Gold und Silber. "Nur wenn alle Kriterien erfüllt sind, liegt tatsächlich ein Malort vor, in dem man sich vollsten Vertrauens dem Malspiel hingeben kann", teilt das Institut Arno Stern mit.

Und im ersten Moment gewöhnungsbedürftig ist auch die strenge Forderung: "...niemand soll das Bild je anschauen (und/oder durch Fotografieren nach außen transportieren), sonst wird dieses zum Kommunikationsobjekt, zur Kunst, was eine völlig andere Tätigkeit ist, die keine Formulation ermöglicht. Deshalb bleiben die Bilder für immer im Malort." "Man braucht Zeit, sich auf das alles einzulassen", sagt Mégier und vergleicht den Malort mit einem Fitnessstudio, das dem körperlichen Wohlbefinden dient. Ganz wichtig sei auch, dass der Malort frei von jeglichem psychologischen, esoterischen und religiösen Kontext ist.

Malort Müllheim, Weilertalstraße 35, in Müllheim-Niederweiler, Tel. 07631/170138 . Infos im Internet: http://www.malort-muellheim.de www.arnostern.com, http://www.vhs-markgraeflerland.de

Autor: Dorothee Philipp