Große Kreisstadt

"Make Müllheim great again"

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Fr, 24. März 2017 um 16:26 Uhr

Müllheim

Mehr als 90 Große Kreisstädte gibt es in Baden-Württemberg, der Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald ist nur einer von zweien, wo noch keine Gemeinde über einen solchen Titel verfügt. Müllheim und Bad Krozingen wollen das ändern.

Allerdings arbeiten zwei Städte in der Region darauf hin: Bad Krozingen hat seine Absichten mit Blick auf eine Große Kreisstadt bereits per Gemeinderatsvotum deutlich gemacht, nun werden auch in Müllheim die Bemühungen intensiviert. Denn eigentlich, heißt es hier, habe man die 20.000-Einwohner-Marke längst überschritten.

Statistiken sind bekanntlich eine trickreiche Angelegenheit. Hinter den nüchternen Ziffern, die nur auf den ersten Blick eine klare Faktenlage versprechen, steckt oft eine verzwickte Gemengelage. Das gilt auch für Einwohnerzahlen – erst recht, wenn die Verhältnisse so kompliziert sind wie in Müllheim. "Schuld" daran ist die Deutsch-Französische Brigade. Deren Angehörige werden nämlich nur zum Teil als Müllheimer Einwohner gerechnet, obwohl sie im Stadtbild präsent sind und die Infrastruktur – zum Beispiel Geschäfte, Schulen, Vereine, medizinische Einrichtungen – wie die anderen Bürger auch in Anspruch nehmen.

Ganz im Gegensatz zu den rund 2000 Erntehelfern, die zum jeweiligen Stichtag der Erhebung im Sommer in Bad Krozingen als Einwohner registriert werden und damit den Kurort schon seit einigen Jahren über die 20.000-Einwohner-Marke katapultieren. Allerdings muss man der Fairness halber sagen, dass die Bad Krozinger Verwaltung mit Bürgermeister Volker Kieber an der Spitze den Status als Große Kreisstadt davon nicht abhängig machen will und ohnehin aufgrund zahlreicher neuer Baugebiete drauf und dran ist, die magische Hürde sozusagen aus eigener Kraft zu überspringen.

Doch zurück zur einwohnertechnischen Situation der Brigade in Müllheim. Die ist nämlich reichlich kompliziert. Da gibt es zum einen die französischen Soldaten samt deren Familien, für die keine Meldepflicht besteht. Daran gibt es wohl auch nichts zu rütteln. Fakt ist aber: Zwar ist die Zahl dieser Gruppe exakt schwer zu beziffern – es dürften so zwischen 800 und 1000 sein – doch sie würde auf alle Fälle ausreichen, um Müllheim ebenfalls über die Marke von 20.000 Einwohnern zu heben, und das schon seit geraumer Zeit.

Dann gibt es die zivilen Angestellten der Brigade – hier ist die Situation einfach und klar: Sie sind dort gemeldet, wo sie wohnen, das kann in Müllheim sein oder in einem anderen Ort der Region. Bei den deutschen Soldaten wiederum wird unterschieden zwischen verheiratet und unverheiratet. Erstere haben ihren Erstwohnsitz dort, wo der Ehepartner lebt, also in der Regel nicht in Müllheim. Die unverheirateten Soldaten müssen sich dagegen hier anmelden und zählen dann als Einwohner. Aufgrund der naturgemäß hohen Fluktuation in der Brigade ist der Verwaltungsaufwand entsprechend hoch; Brigade- und Stadtverwaltung arbeiten beim Meldeverfahren Hand in Hand, heißt es aus dem Rathaus.

Laut Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich hatte Müllheim Ende Februar rund 19 300 Einwohner. Derzeit sind etliche Wohnungen im Bau, so dass die Verwaltungsspitze mit 19 500, vielleicht sogar 19 600 Einwohnern bis Ende des Jahres rechnet. Spätestens mit der Realisierung des Neubaugebiets "Am langen Rain" sollte dann die 20 000er-Marke geknackt werden.

Was bringt der Status einer Großen Kreisstadt?

Dennoch will man auch auf politischer Ebene nochmal tätig werden , lässt Astrid Siemes-Knoblich wissen, um die spezielle Situation mit den Brigadeangehörigen zu thematisieren. Deren Fehlen in der Einwohnerstatistik verhindert nämlich – bislang – nicht nur, dass Müllheim den begehrten Titel der Großen Kreisstadt erlangt, sondern macht sich auch in der Stadtkasse bemerkbar. Die Angehörigen der Brigade werden nämlich bei den Berechnungen der Schlüsselzuweisungen vom Land zwar berücksichtigt, aber längst nicht in dem Umfang wie die normalen Einwohner.

Man sei bezüglich des Themas auch in Abstimmung mit anderen Brigade-Standorten, erklärt die Bürgermeisterin, Parallelen gebe es etwa in Donaueschingen. Auch möchte sie das Gespräch mit dem Innenministerium suchen und klären, inwieweit die spezielle Situation von Müllheim etwa bei der Verleihung des Status’ einer Großen Kreisstadt besser berücksichtigt werden könnte als bisher.

Bleibt die Frage, was dieser Titel der Stadt tatsächlich bringt. Abgesehen von dem Umstand, dass die Bürgermeisterin beziehungsweise der Bürgermeister die Vorsilbe "Ober-" vorangestellt bekommt, ist vor allem relevant, dass eine Große Kreisstadt selbständig Aufgaben übernehmen und Behörden-Dienstleistungen anbieten kann, für die sonst der Landkreis zuständig ist. Für Müllheim wäre das de facto jedoch nicht so relevant, wie es etwa für Bad Krozingen würde, da hier bereits über den Gemeindeverwaltungsverband (GVV) entsprechende Strukturen existieren.

Der vermutlich wichtigste Aspekt wäre der mit der Aufwertung einhergehende Prestigegewinn, zum Beispiel mit Blick auf die ohnehin schon starke heimische Wirtschaft oder bei der Anwerbung neuer Unternehmen. Und nicht zuletzt hätte der Status einer Großen Kreisstadt für das Mittelzentrum, das ja seit geraumer Zeit ein wenig mit einem tatsächlichen oder auch nur vermeintlichen Bedeutungsverlust hadert, einen wohltuenden psychologischen Effekt. Frei nach dem Trump’schen Motto: "Make Müllheim great again".