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11. September 2017

Mit Fachwissen und bibliophiler Leidenschaft

Ein Ehepaar hat über Jahre Kopien deutscher Bibelübersetzungen aus der Zeit vor Martin Luther gesammelt, nun sind diese im Alten Pfarrsaal in Müllheim zu sehen .

  1. Zu den Exponaten gehört auch diese prachtvoll illuminierte „Apocalypse flamand“, deren Original in der französischen Nationalbibliothek in Paris aufbewahrt wird. Foto: bianca Flier

MÜLLHEIM. Im Rahmen des Jubiläums "500 Jahre Reformation" ist im Alten Pfarrsaal in Müllheim derzeit eine Ausstellung mit Kopien deutscher Bibelübersetzung aus der Zeit vor Martin Luther zu sehen.

Bei der ältesten Exponat-Kopie handelt es sich um die gotische Wulfila-Bibel, die um 500 nach Christus entstanden ist. Das prächtigste Exemplar ist eine Kopie der "dietschen Apocalypse flamand" aus der Zeit um 1400 bis 1410, deren Original in der Bibliothèque nationale de France in Paris aufbewahrt wird. Gesammelt und zusammengestellt hat die Ausstellungsstücke das Ehepaar Barbara und Siegfried Bühler vom Katholischen Bildungswerk der Herz-Jesu-Pfarrei Müllheim. Die Exposition zeigt Kopien von etwa dreißig Bibeln und Bibelteilen in deutscher Sprache, in Gotisch, Alemannisch sowie Alt-, Mittel- und Neuhochdeutsch. In der Tat gab es schon etwa tausend Jahre vor Luther deutsche Bibeln. Vor der Erfindung des Drucks durch Johannes Gutenberg waren es handgeschriebene, vorwiegend einzelne Exemplare.

Neben der Wulfila-Bibel zählen zu den ältesten ausgestellten Exemplaren unter anderem der Mondsee-Matthäus (um 810 nach Christus), die Evangelienharmonie von Tatian (830 nach Christus) oder die Evangelien des Heliand (850 nach Christus). Zur Sammlung gehören auch eine altalemannische Psalmenübersetzung (um 870 nach Christus). Viele Exponat-Kopien bilden auch Bibeln ab, die nach dem Jahr 1000 erschienen sind, zum Beispiel Notkers Psalmenübersetzung aus dem 11. Jahrhundert. Von achtzehn bekannten Ausgaben ab 1466 liegen vier aus Straßburg, Augsburg und Nürnberg – also süddeutsche Übersetzungen – aus. Eine relativ frühe erhaltene deutsche Bibel aus dem Wiesental gehörte einst dem "Plebanus Michael Müller aus Hegneberg"; sie wurde 1537 in Ingolstadt gedruckt und war demnach eine der ersten deutsche Bibeln im seinerzeit noch katholischen Markgräflerland. Heute ist das Original im Besitz der Bibelgesellschaft Basel und wird in der Basler Universitätsbibliothek aufbewahrt.

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In all diesen kopierten Kostbarkeiten kann der Besucher nach Herzenslust blättern, lesen und sich an den herrlichen Illuminationen erfreuen. Neben den Bibelkopien ist auch eine Sammlung von Vaterunsern zu sehen. Das älteste davon stammt aus dem Abrogans, einem lateinisch-althochdeutschen Wörterbuch, das zwischen 780 und 790 nach Christus in St. Gallen niedergeschrieben wurde. Diese chronologisch geordnete Reihe enthält auch die neueste Vaterunser-Übersetzung aus der zum Jubiläumsjahr überarbeiteten und neu editierten Luther-Bibel. Die wertvollen Exemplare, die als Kopien zu sehen sind, stellen zweifellos Denkmäler der deutschen Sprache dar.

Es hat viele Jahre gedauert, diese Ausstellung vorzubereiten, die Originale aus dem Internet zu kopieren und zu binden. Dazu gehört nicht nur Fachwissen, sondern auch bibliophile Leidenschaft. "Das ist fast schon eine Art Sucht bei mir geworden", sagte Siegfried Bühler. Die Besucher der Ausstellung können nun von dieser großartigen Arbeit profitieren. Im gemütlichen Alten Pfarrsaal sind die kopierten Bibeln auf einem langen Tisch ausgelegt.

Es versteht sich von selbst, dass eine Ausstellung mit den Originalexemplaren in diesem Rahmen nicht möglich wäre, da ein solches Projekt astronomische Kosten für Versicherung, Transport und Sicherheit verursachen würde. Außerdem sind die Originale – wenn überhaupt – nur geschützt hinter Panzerglas und gesichert mit hochwertigen Alarmanlagen zu besichtigen. Im Alten Pfarrsaal, wo die kopierten Exponate ausliegen, darf hingegen alles angefasst und durchgeblättert werden – natürlich mit der gebotenen Behutsamkeit, denn wenn es sich auch nur um Kopien handelt, so haben diese doch ihren Wert, der vor allem in der aufgewendeten Arbeit des Ehepaares Bühler liegt, aber auch in der Rarität der Ausstellungstücke.

Fast versteckt auf einem Fensterbord liegt noch – Rot eingebunden – ein Verzeichnis der von der Kirche indizierten Bücher. Dieser Index gilt heute natürlich nicht mehr. Tatsächlich aber gab es Zeiten, da neben vielen anderen von der Kirche verdammten Büchern auch das Lesen der Bibel für normale Menschen verboten war. Im Extremfall konnte dies für den mutigen Leser vor einem Inquisitionsgericht enden. Zumindest musste gebeichtet werden, wenn man im Buch der Bücher gelesen hatte. Diese Zeiten sind Gott sei Dank vorbei.

Ausstellung, Alter Pfarrsaal, Hafnergasse 4, in Müllheim, noch zu sehen bis 24. September. Öffnungszeiten: montags bis freitags, 17 bis 20 Uhr, samstags, 16 bis 20 Uhr, sonntags, 10 bis 13 Uhr

Autor: Bianca Flier