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18. Juni 2016

Netzwerke stärken, Talente fördern

Raus aus der "Individualisierungsfalle": Beim Projekt Lore in Müllheim werden arbeitslose Menschen gemeinschaftlich aktiv.

  1. Symbol und Wortspiel: Die Lore transportiert Arbeitsmittel und steht im Fall des Müllheimer Arbeitslosenprojektes für „Leute offerieren reichen Erfahrungsschatz“. Foto: Symbol-Foto: Dpa

MÜLLHEIM. In der öffentlichen Diskussion steht das Thema Arbeitslosigkeit derzeit nicht so ganz oben auf der Agenda. Was nicht heißt, dass es nicht weiterhin ein bedeutendes persönliches und gesellschaftliches Problem darstellt. In Müllheim ist ein bemerkenswertes Projekt in Gang gekommen, dass die Stärken von arbeitslosen Menschen in den Mittelpunkt stellt und sie selbst aktiv werden lässt. Die Aktivitäten der Lore – so heißt die Gruppe – werfen auch ein Licht darauf, wie sehr sich unsere Arbeitswelt wandelt.

Heike Warthold war als Vertriebsexpertin für ein riesiges Gebiet zuständig: große Teile von Süddeutschland, und auch in die neuen Bundesländer führte sie ihr Job. Nicht, dass der ihr gar keinen Spaß gemacht hätte, erzählt sie, doch der Druck war groß, irgendwann zu groß. Körper und Seele stellten sich quer, Heike Warthold wurde erst krank, dann arbeitslos. Ihre ersten Versuche für einen Neuanfang stürzten sie zunächst noch tiefer in die Krise. "Ich habe gedacht, jetzt bleibt mir wirklich nichts mehr."

Die Wende kam, als sie sich bei ihrer Arbeitssuche nicht mehr nur auf das beschränkte, was ihre Zeugnisse und ihr Lebenslauf auf dem Papier auswiesen, sondern als sie sich fragte, wo den weitere Stärken und Interessen in ihr schlummerten. Da war zum Beispiel der große Drang, kreativ tätig zu werden, den sie in ihrem alten Job kaum ausleben konnte. Heute macht Heike Warthold "in Schrott und Müll", wie sie schmunzelnd erzählt. Aus dem, was andere wegwerfen, macht sie schöne Dinge in sehr originellem Design – Möbel, Lampen, Taschen und mehr. Und das kreative Geschäft läuft immer besser, erzählt sie.

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Eine wichtige Hilfe für ihren Neustart war die Lore. Lore steht für "Leute offerieren reichen Erfahrungsschatz", und dahinter verbirgt sich eine Gruppe von arbeitslosen Menschen aus Müllheim und Umgebung, die in die Offensive gehen wollen. Selbstbewusst definiert man sich als "Erfolgsteam" – nach folgender Definition der Coacherin Ulrike Bergmann: "Ein Erfolgsteam ist eine Gruppe von Menschen, die sich gegenseitig dabei unterstützen, ihre Ziele zu erreichen."

Eine große Gefahr für arbeitslose Menschen besteht darin, in etwas zu geraten, was der Kassler Pädagogik-Professor Olaf-Axel Burow die "Individualisierungsfalle" nennt. Durch die Arbeitslosigkeit in ihrem Selbstwertgefühl erschüttert, kapselten sich die Betroffenen immer mehr ab, was ihre Situation noch weiter verschlimmere, erklärt Sabine Brendlin von der Agentur für Arbeit, die die Müllheimer Lore ins Leben gerufen hat und begleitet.

Neue Wege in der Vermittlung von Arbeitssuchenden

Entstanden ist die Gruppe aus Brendlins Erfahrungen mit Inga, einem Projekt der Freiburger Arbeitsagentur. Inga steht für "Interne Ganzheitliche Betreuung" und ist der Versuch der Arbeitsagentur, neue Wege in der Betreuung und Vermittlung von Arbeitssuchenden zu gehen, die sich nicht nur auf die klassischen Instrumente der Arbeitsvermittlung stützen. Wichtiger Bestandteil von Inga sind Seminare und Workshops, und eben dort kam Sabine Brendlin der Gedanke: "Was wäre, wenn diese Menschen, die so unterschiedliche und ausgefallene Begabungen mitbringen, auf längere Sicht zusammenbleiben könnten und sich gegenseitig dabei unterstützen, den Weg wieder zurück in die Arbeitswelt zu finden?"

Brendlins Vorgesetzte gaben grünes Licht, im Herbst 2014 konnte die Lore starten – ein Name übrigens, den sich die Gruppe selbst gegeben hat. "Loren transportieren Arbeitsmittel von einem Ort zum anderen. Das fanden wir ein schönes Bild", sagt Sabine Brendlin. Wie überhaupt in der Lore Eigeninitiative das A und O ist. Vorgegeben wird nichts, Sabine Brendlin ist lediglich Moderatorin, das Engagement muss von den Gruppenteilnehmern ausgehen. Und das tut es offenbar reichlich, wie die Integrationsberaterin schwärmt. Einmal im Monat treffen sich die derzeit rund 15 "Loren", wie sich die Gruppenmitglieder selbst nennen, in den Müllheimer Räumen der Agentur für Arbeit. Es gibt verschiedene Ämter und Aufgaben, die selbstständig abgearbeitet, aber mit dem Rest der Gruppe abgestimmt werden müssen. Zu den Aktivitäten der Lore zählen auch Infoabende mit Referenten und Betriebsbesichtigungen. Bei Neoperl und dm haben die Loren schon vorbeigeschaut, auch die Druckerei der Badischen Zeitung stand bereits auf dem Besichtigungsprogramm.

Dabei gehe es nicht darum, nach so einem Besuch gleich eine Bewerbung liegen zu lassen, betont Sabine Brendlin. Wichtiger sind die neuen Erfahrungen und vor allem: die stetige Erweiterung des Netzwerks. Brendlin verweist auf ein interessantes Phänomen: Es gibt Untersuchungen, die davon ausgehen, dass nur etwa ein Drittel aller Stellen öffentlich ausgeschrieben werden – über die Arbeitsagentur, Zeitungsinserate, Stellenportale im Internet. Experten sprechen von einem riesigen "verdeckten Arbeitsmarkt", in dem Stellen über Netzwerke und Beziehungen und nicht zuletzt oft erst auch auf Initiative der Arbeitssuchenden selbst besetzt werden oder gar erst neu entstehen.

Ein Phänomen, das vermutlich noch wichtiger werden wird. Der klassische Berufsweg, der auf klar definierten Wegen mit statisch festgezurrten Qualifikationen von der Ausbildung in ein möglichst auskömmliches und lang anhaltendes Angestelltenverhältnis führt, löst sich mehr und mehr auf. Allerdings zeigt sich auch immer öfter, dass Menschen mit der Hamstermühle dieser immer noch als "normal" geltenden Arbeitswelt nicht mehr klarkommen – oder klarkommen wollen. Gerade Menschen, die schon einige Lebens- und Berufsjahre auf dem Buckel haben, stellen vermehrt die Sinnfrage, hat Sabine Brendlin beobachtet. Sie verabschieden sich unfreiwillig, manchmal auch freiwillig aus ihren alten Arbeitsbezügen. "Dabei sind das oft die Leute, die für ein Unternehmen besonders wichtig wären. Die kreativ sind, die eigenständig denken." Aus dieser Perspektive gesehen sind die Loren womöglich nicht die Abgehängten des Arbeitsmarktes – sondern deren Vorreiter.

Infos zum Lore-Projekt bei Sabine Brendlin, Tel. 07631/369341, E-Mail: Freiburg.190-Inga@arbeitsagentur.de

Autor: Alexander Huber