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15. April 2013

"Rock ’n’ Roll mit der Sprache"

Der Slam-Poet Timo Brunke macht Fünft- und Sechstklässlern in der Mediathek in Müllheim Lust auf das Spiel mit den Wörtern.

  1. Geduldig stehen die Müllheimer Schüler für Autogramme von Timo Brunke an. Dabei hatte der ihnen vorher geraten: „Seid wild!“ Foto: Beatrice Ehrlich

MÜLLHEIM. Der Wortkünstler Timo Brunke hat mit seinem Programm "10 Minuten Dings" am Freitag etwa 50 Müllheimer Schülern die Ohren für lustige Wörter und kreative Geschichten geöffnet. Dabei kamen in der Mediathek auch diejenigen zu Wort, die im normalen Deutschunterricht eher zurückhaltend sind.

"T, I, M, O", das erste, was Timo Brunke vor den etwa 50 Fünft- und Sechstklässlern in der Mediathek zu Papier bringt, sind die Buchstaben seines Namens. T wie Tasse, I wie Ingwertee, M wie Monster und O wie Ohrringe – "Merkt Ihr was? Da steckt eine ganze Geschichte drin. Jetzt probiert das mal mit Eurem Namen." Die Kinder beugen sich über die Blöcke. "Wer ist schon fertig?" fragt Brunke. "Wer will seine Geschichte vortragen?" Fünf Schüler fassen sich ein Herz und gehen nach vorne. Die Schüler mögen's kurz. Manche der Geschichten haben gerade mal vier Wörter, oder fünf. Dann folgt ein Spiel nach dem anderen. Die Kinder dichten Vierzeiler, sie pumpen Wörter auf, bis sie platzen: Ein roter Ball, ein roter, runder Ball, ein roter, runder Ball, der auf einem Feld liegt, ein roter, runder Ball, der auf einem Feld liegt, der gekickt wird und schließlich ins Tor rollt.

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Timo Brunke stand schon früh bei Poetry Slams auf der Bühne, die inzwischen in ganz Deutschland populär geworden sind. Das Jonglieren mit Worten, das Improvisieren aus dem Stegreif haben ihn nicht mehr losgelassen. Das Spiel mit der Sprache ist schließlich zu seinem Beruf geworden. Er hat ein Buch geschrieben '10 Minuten Dings und andere Ideen zum Leben und Schreiben', er lehrt Erzieherinnen und Grundschullehrerinnen "hotzenplötzliches Erzählen" und öffnet Schülern die Augen – und vor allem die Ohren – für ihre Sprache. Im Rahmen des Programms 'Künstler an die Schule' war er sechs Monate lang an einer Schule in Stuttgart. Jetzt tourt er durch Deutschland, am 26. April ist er noch einmal in der Region, in der Stadtbibliothek in Neuenburg.

"Stell Deine Stadt auf den Kopf!", heißt die nächste Aufgabe. Die Schüler kommen immer mehr aus sich heraus, haben die Scheu vor den anderen abgelegt: Schallsingen liegt jetzt auf Mallorca, Seefelden auf Ibiza und Badenweiler unter dem Atlantik. Jungen erzählen von Monstern, vom Quälen und Töten, Mädchen träumen von Yachten, Clubs und tausend High Heels. Die anderen hören amüsiert zu. "Chillig", sagt ein Schüler am Ende.

Eine Schreibwerkstatt will Brunke sein Angebot nicht nennen. Es soll den Kindern einfach Spaß machen, ohne "Werk-" davor. "Wir machen Spiele. Ich möchte einfach, dass sie sich mit der Sprache gut stellen", wünscht er sich. Der Zauber, der für ihn der Arbeit mit Kindern innewohne, entsteht vor allem durch ihre individuellen Lösungen, sagt er, ein Gradmesser des Verrücktseins. "Seid wild! Macht Rock'n'Roll!", möchte er den Schülern zurufen. Sein Ziel sei, sie aus ihrem Alltag wachzurütteln. Julia Silla ist Deutschlehrerin an der Alemannen-Realschule. Ihre sechste Klasse nimmt lebhaft an den Sprachspielen teil, vor allem einige Jungen, die immer wieder mit ihren Zetteln nach vorne stürmen. Das andere Umfeld scheint sie zu beflügeln. Für Silla eine Überraschung: "Im Unterricht sagen eher die Mädels was".

Zum Schluss gibt Brunke den Schülern noch Tipps, wie sie auch im Alltag sprachlich kreativ werden können: Ein Gesicht, das in der abblätternden Farbe auf einem Garagentor sichtbar wird, ein Blick in die tiefen Abgründe, die sich in einer Tasse auftun – Beobachtungen aus dem Alltag, aus denen sich wunderbare Geschichten spinnen lassen.

Autor: Beatrice Ehrlich