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08. Oktober 2013

SOS bei der Schulsozialarbeiterin

Wie die Müllheimer Schulen damit umgehen, dass eine Elfjährige sexuell missbraucht wurde und wochenlang Ausnahmezustand war.

  1. Trainierte Mädchen sind starke Mädchen. Foto: privat

MÜLLHEIM. Der sexuelle Missbrauch einer Elfjährigen in Müllheim, die zweieinhalb Wochen dauernde Fahndung nach dem Täter, der sich selbst richtete, bevor er festgenommen werden konnte – das hat bei den Menschen Spuren hinterlassen, und es hat die Lehrer und die Kinder in den Schulen beschäftigt. Was der Ausnahmezustand bedeutet hat, danach erkundigte sich die BZ in den örtlichen Schulen.

ROSENBURGSCHULE
Die Ereignisse seien "sehr sensibel" in allen Klassen besprochen worden, erklärt Gisela Patzner, Rektorin der Rosenburgschule. Der Vorfall habe großen Wirbel verursacht. Viele Eltern hätten ihre Kinder in die Schule gebracht und sie wieder abgeholt. Die Kinder standen viel zusammen und hätten sehr phantasiert. "Wir mussten Luft rausnehmen", sagt Gisela Patzner. Auch manche Eltern mussten beruhigt werden. Da passte es gut, dass gerade die Klassenabende zum Schuljahresanfang stattfanden. So konnte vieles besprochen werden. Die Eltern haben auch gleich beschlossen, einen Samstag mit Präventionstraining anzusetzen. Mit der Kampfkunstschule Tammazla hat die Rosenburgschule vor zwei Jahren schon mal einen solchen Trainingstag veranstaltet. Damals wollte sich ein pädophiler Sexualtäter, der seine Strafe abgesessen hatte, in Müllheim niederlassen, was dann zwar nicht geschah, bei den Eltern aber größte Befürchtungen auslöste. Die Schüler hätten defensive Verteidigungsmöglichkeiten und effektive Techniken der Selbstbehauptung gelernt, sagt die Rektorin. Es sei ja eine bekannte Tatsache, dass Kinder, die Selbstbewusstsein ausstrahlen und sich besonnen verhielten, weniger gefährdet seien, als verängstigte Kinder. Es wurde aber auch besondere Vorsicht an den Tag gelegt. Die Kinder sollten nicht alleine gehen. Diejenigen, deren Schulweg durch eine Unterführung geht, werden generell begleitet. Das haben die Eltern so organisiert. Wie in den anderen Schulen auch hat die Rosenburgschule eingeführt, dass bei Kindern, die nicht zum Unterricht kommen und nicht entschuldigt sind, zu Hause angerufen wird. Diese Regelung gilt in vielen Schulen seit dem Mord an der 13-jährigen Mirjam in Auggen 2007, die morgens auf dem Schulweg überfallen worden war.

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MICHAEL-FRIEDRICH-WILD
Viele besorgte Eltern haben auch in der Michael-Friedrich-Wild-Grundschule Schulleitung und Lehrer kontaktiert. Als die Tat bekannt wurde, hatte Rektorin Barbara Dobuszewski alle Lehrkräfte zu einer Konferenz zusammengerufen, um zu besprechen, auf welche Weise und in welchem Umfang die Schüler informiert werden sollen. Die Schulsozialarbeiterin sei "auf SOS" gestellt worden, so die Rektorin. Wenn Kinder Bedarf hatten darüber zu sprechen, dann wurde das aufgegriffen. So auch am gestrigen Montag. Die Kinder habe sehr die Frage beschäftigt, warum ein Mensch so etwas tue und warum er sich dann erschieße. Auch an dieser Schule hatte man vor zwei Jahren spezielle Aktivitäten entwickelt, als sich abzeichnete, dass sich ein wegen Pädophilie vorbestrafter Mann Müllheim zum Wohnen ausgesucht hatte. Die Schule hatte die Eltern zu einem Informationsabend eingeladen. Die Verhaltensregeln von damals versandte die Schulleitung nun erneut an die Eltern – zur Auffrischung. Die Schule praktiziert ebenfalls Prävention und seit mehr als zehn Jahren den Anruf zu Hause, wenn Kinder ohne Information der Eltern nicht erschienen sind. "Die verlässliche Grundschule soll auch wirklich verlässlich sein", sagt Barbara Dobuszewski, die nicht davor zurückscheut, die Polizei einzuschalten, wenn die Eltern in einem solchen Fall nicht erreicht werden.

ALEMANNEN-REALSCHULE
Überprüfung der Anwesenheit aller Schüler und Prävention – das ist auch an der Alemannen-Realschule Standard. Zum Schulprofil "Konfliktkultur" gehöre die Streitschlichtung und wie man sich gegen Angriff wehren kann, erklärt Rektorin Angelika Haarbach. Die Realschule bildet nicht nur Streitschlichter aus, sie widmet ganze Unterrichtstage dem Verhaltenstraining bei Aggression und Mobbing. Für die Kinder sei wichtig, dass sie sehr besonnen hinschauten und nicht überreagierten. Auf allen Klassenstufen ist soziales Lernen vorgesehen, zum Teil mit externen Partnern. Dem Elternbeirat sei dies ein großes Anliegen, sagt die Schulleiterin. So werde auch überlegt, wie noch mehr getan werden könne. Auch sie beobachtet zurzeit, dass die Eltern ihre Kinder bringen und holen. Wenn nachmittags Unterricht ausfällt, können die Schüler ihre Eltern vom Sekretariatstelefon aus informieren und nach 13 Uhr ausnahmsweise ihr Handy außerhalb des Gebäudes auf dem Schulhof benutzen.

MARKGRÄFLER GYMNASIUM
Soziales Lernen und Gewaltprävention ist auch am Markgräfler Gymnasium ein anhaltendes Thema. Andreas Gorgas, stellvertretender Schulleiter, erklärt, dass Jahr für Jahr neue Kollegen in Lions Quest ausgebildet würden. Lions Quest ist eine Methode, die präventiv gegen zerstörerisches Verhalten wirkt. Gorgas verweist außerdem auf das Bemühen der Müllheimer Schulsozialarbeiter, das in den Grundschulen eingeführte Präventionstraining zusammen mit der Bundespolizei dauerhaft auch in den höheren Klassen zu etablieren. In Ruhe will er mit Lehrern, Eltern und der SMV schauen, wie Gewaltprävention die Bemühungen noch verstärkt werden können. Auch hier wird angerufen, wenn Schüler morgens aus nicht ersichtlichem Grund fehlen.

DIE POLIZEI
Für Prävention steht die Polizei jederzeit zur Verfügung – "selbstredend und kostenlos", sagt der Freiburger Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid, für Elternabende, Schulen und Kindergärten. Die Polizei habe dafür ein stark besetzte Abteilung, die jederzeit konsultiert werden könne.

Autor: Gabriele Babeck-Reinsch