Offener Brief

Sozialverbände in Müllheim schlagen wegen Wohnungsnot Alarm

Alexander Huber

Von Alexander Huber

Mi, 15. Juli 2015 um 18:36 Uhr

Müllheim

"Unsere Klienten sind frustriert. Und wir auch." Für die Sozialverbände stellt sich die Suche nach bezahlbarem Wohnraum in Müllheim und Umgebung immer verzweifelter dar. Jetzt gibt es einen öffentlichen Hilfeschrei.

Die Wohnungsnot in der Region verschärft sich und wird zunehmend zu einem Politikum. Jetzt haben Vertreter des Runden Tisches für eine familienfreundliche Kommune in Müllheim in einem offenen Brief an den Gemeinderat der Stadt Alarm geschlagen. Hintergrund sind auch die Überlegungen zum geplanten Neubaugebiet "Am langen Rain", zu dem am Freitag das Preisgericht im Rahmen des städtebaulichen Wettbewerbs zusammentritt .

Am Runden Tisch sind alle in Müllheim ansässigen Organisationen vertreten, die im Kinder- und Jugendbereich tätig sind. Dazu zählen unter anderem die Wohlfahrtsverbände, aber auch Vertreter der Stadtverwaltung, des Landratsamtes und der Polizei. Vor allem die sozialen Einrichtungen möchten die aktuellen Diskussionen über das neue Wohngebiet "Am langen Rain" nutzen, um den Aspekt "bezahlbarer Wohnraum" nochmal deutlich in die Diskussion zu bringen.

In ihrem offenen Brief machen die Fachleute in dringenden Worten deutlich, wie die Wohnungsnot immer stärker in der Praxis ihrer Beratungen und Hilfestellungen eine Rolle spielt. "Jeder dritte unserer Klienten ist auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum", heißt es in dem Schreiben des Runden Tisches. "Unser Klientel ist über die Wohnungsnot sehr frustriert, und wir Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von sozialen Einrichtungen sind es ebenfalls."

In kurzen Sätzen gibt der offene Brief schlaglichtartig einen Eindruck von der prekären Lage. Darin heißt es unter anderem: "Alleinerziehende und besonders junge Mütter haben es schwer, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Vermieter haben Ängste, die Miete könnte nicht aufgebracht werden. Familien mit mehreren Kindern finden kaum noch 4- bis 5-Zimmer-Wohnungen. Menschen mit Schulden und einem Schufa-Eintrag haben nur geringe Chancen, neuen Wohnraum anzumieten. Fast jeder Vermieter verlangt heutzutage eine Schufa-Auskunft. Fällt diese negativ aus, wird die Wohnung an einen anderen Bewerber vergeben.

Ältere Menschen mit Bedarf an barrierefreien Wohnungen und mit Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz stoßen auf ein geringes Angebot. Kinder leben in unzumutbaren, engen und spannungsgeladenen Wohnverhältnissen. Oftmals müssen Polizei und Jugendamt mit ihren Einsätzen regulierend eingreifen. Junge Mütter verbleiben länger in ihrer Herkunftsfamilie, da sie nur wenig Chance auf dem Wohnungsmarkt haben. Getrennte Ehepaare müssen in einer Wohnung leben, obwohl ständig massive Auseinandersetzungen den Alltag prägen. Menschen mit Migrationshintergrund haben große Schwierigkeiten Wohnraum zu finden. Sie leben oft beengt und müssen überteuerte Mieten bezahlen. Verschärft stellt sich die Situation auch für Flüchtlinge dar."

Besonders schwierig sei die Situation für Bezieher von Arbeitslosengeld 2. Hier wird von den Jobcentern vorgeschrieben, wie hoch die Miete maximal sein darf – mit aus Sicht der Sozialverbände derzeit unrealistischen Sätzen. "Bei einer Mutter mit zwei Kindern liegt die angemessene Kaltmiete in Müllheim bei 452 Euro", heißt es in dem offenen Brief.

Die Vertreter des Runden Tisches weisen darauf hin, dass die prekäre Lage am Wohnungsmarkt mitunter auch dazu führt, dass die öffentlichen Kassen belastet werden. Als Beispiel wird ein ehemaliger selbständiger Handwerker genannt, der in einer Einrichtung für beeinträchtigte Menschen lebt. "Er könnte sich aber in einer Wohnung selbst versorgen, wenn er eine barrierefreie Wohnung finden würde."

Beklagt wird in dem Schreiben auch die zunehmende Reduzierung von stadteigenem Wohnraum, vor allem im Bereich der Sozialwohnungen. "Wir bitten die Kommunalpolitiker, hier Gegenmaßnahmen einzuleiten", lautet der dringende Appell des Runden Tisches.