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17. Oktober 2016

Survival-Guru und Menschenrechtsaktivist

Rüdiger Nehberg fasziniert in der fast ausverkauften Martinskirche ein begeistertes Publikum mit Geschichten aus einem reichen Leben.

  1. Rüdiger Nehberg Foto: V. Münch

MÜLLHEIM. Rüdiger Nehberg ist der Inbegriff der Überlebenskunst. Bekannt wurde er, als er Fliegen, Spinnen und anderes eiweißreiches Getier verspeiste, als Menschenrechtsaktivist die Yanonami-Indianer in den nordbrasilianischen Regenwäldern vor ihrer Ausrottung bewahrte und seit mehr als 30 Jahren der Verstümmelung weiblicher Genitalien besonders im afrikanischen Raum mit seiner Organisation "TARGET" den Kampf angesagt hat. Bis heute fasziniert "Sir Survival" Menschenmassen wie eine praktisch ausverkaufte Martinskirche zeigte. Dass Rüdiger Nehberg, der gelernte Bäcker und Konditor, 81 Jahre alt ist, erkennt man nicht auf den ersten Blick. Nur die Erinnerungen, die vielen Abenteuer, die Zeitreisen in bestimmte Lebensepisoden verraten, mit welcher Lebenserfahrung Rüdiger Nehberg beschlagen ist.

Zurück zu den Anfängen: Der gebürtige Bielefelder Rüdiger Nehberg entschied sich noch unter dem Eindruck der Hungersnot in den Kriegsjahren für eine Ausbildung zum Bäcker. Mit 25 Jahren machte er sich als Konditor in Hamburg selbständig. Schon damals zeigte sich: Was er anfasst, wurde zum Erfolg. Am Ende beschäftigte er rund 50 Mitarbeiter. Am Anfang galt es, die Belastung des eigenen Körpers herauszufinden. Deshalb begab sich Nehberg auf einen Deutschland-Marsch ohne Ausrüstung, ohne Geld und ohne Proviant. Er bestand, auch wenn er dabei 25 Pfund an Substanz verloren und sich nach eigenen Worten fast um den Verstand gebracht hatte. Neugier war es, die den damals jungen "Wahl-Hamburger" dann in die weite Welt ziehen ließ. Der Nil, Dschungel, Regenwälder, Eingeborene und indigene Stämme gehörten fortan zum Leben Nehbergs. Dann der schwerste Schicksalsschlag in den ersten Jahren seiner Expeditionen: Er war Augenzeuge, wie sein Begleiter Michael Teichmann von Räubern mit einem Kopfschuss hingerichtet wurde. Auf seiner Flucht profitierte er von seiner Leidenschaft für die Survival-Technik. Manche Erfahrungen brachten ihn bis an seine physischen Grenzen, andere überschritt er. Und doch erzählt er diese Episoden seines bemerkenswerten Lebens mit einer Portion Humor, überspielt aus der zeitlichen Ferne die Tragweite mancher Ereignisse und sorgte bei seinem faszinierten Publikum für Staunen. Trotz seines Rückblicks verfügte der prominente Überlebenskünstler über eine starke Präsenz, mit der seine Botschaften bis heute aktuell bleiben. Das Verspeisen von Fliegen, Spinnen und Käfern als Eiweißlieferant mit einem für europäische Verhältnisse durchaus hohen Ekel-Faktor verwandelte Nehberg zu Momenten, denen man sogar eine komische Seite abgewinnen konnte. Dass die Sprache Nehbergs durchaus deftig ausfällt, ist vermutlich den erlebten Ereignissen geschuldet. Buchtitel wie "Überleben ums Verrecken" zeugen davon.

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Doch dann das erste Schlüsselerlebnis für den Survival-Experten, das aus seiner Abenteuerlust eine humanitäre Mission macht: Er traf auf die Yanonami-Indianer im nordbrasilianischen Regenwald. Als es ihm gelang, den Kontakt zu einer Dorfgemeinschaft herzustellen, erlebte er – ganz in die unbekannte Gesellschaft integriert – eine komplett andere Welt. Doch dieser indigene Stamm stand vor großen Gefahren. Illegal agierende, bewaffnete Goldsucher-Truppen bedrohten die Indianer und den Regenwald als deren Lebensraum. Die Regierung Brasiliens schaute anfangs nur weg. Nehberg nahm den Kampf auf. Er obsiegte nach zahlreichen Rückschlägen und verschiedenen spektakulären Aktionen wie die Überquerung des Atlantiks mit einem Bambusfloß. Die weltweite Aufmerksamkeit für den "verrückten Deutschen" sorgte für internationalen Druck und zum Schutz der Indianer.

Eine ganz besondere Verbindung zum Islam resultiert aus einer Reise durch die Wüste in Äthiopien, bei der sich seine einheimischen Begleiter schützend vor ihn stellten, als Nehberg von Banditen erschossen werden sollte. "So etwas habe ich nie zuvor erlebt." Damals traf er eine aus Äthiopien nach Eritrea geflüchtete Frau namens Aisha, die ihm erstmals von den genitalen Verstümmelungen erzählte. Dann las er das Buch "Wüstenblume", in dem das somalische Model Waris Dirie von solchen Verstümmelungen berichtete. "Das hat mich umgehauen. Ich musste einfach tätig werden", erzählt Nehberg. Zusammen mit seiner Frau gründete er "TARGET", eine Hilfsorganisation. Über 90 Prozent der Frauen in Äthiopien und anderen islamisch geprägten afrikanischen Ländern seien auf diese Weise verstümmelt, schätzen laut Nehberg die Vereinten Nationen (UNO). "Das hat Tradition, man spricht nicht darüber, es geschieht unter gesellschaftlichem Druck, den die Frauen untergrößten Schmerzen ertragen", berichtet er. Ein Moment, in dem die Mimik Nehbergs nach wie vor die Unfassbarkeit verrät. Unvorstellbare Schmerzen quälen die Mädchen ein Leben lang – oder sie sterben. "Es gibt selbsternannte Gelehrte, die das mit dem Koran begründen. Aber da steht es nicht drin", betont Nehberg. Das Problem: Viele Gläubige können nicht lesen und vertrauen auf das Wort ihrer vermeintlich Korankundigen. Deshalb gewann er die wichtigsten Gelehrten der islamischen Welt, Sultane, Staatschefs und Stammesfürsten dafür, die Genital-Verstümmelung zu ächten. Ein erster Etappensieg. Notiz nahmen zu diesem Zeitpunkt aber nur wenige davon. Mit einer Karawane zog Nehberg übers Land, verteilte ein Buch, das von den Gelehrten autorisiert wurde und das über diese Unwahrheit aufklärt. Und es wirkt. Noch sei die Mission noch nicht komplett erfüllt, sagt Nehberg. Doch: "Das ist in meinem Leben das Größte, was ich zustande gebracht habe." Langer Beifall und stehende Ovationen dankten dem Träger vieler Auszeichnungen für sein Menschenrechtsengagement.

Autor: Volker Münch