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15. September 2017

Temporeiche Melange aus Text und Ton

Passen gattungsmäßig nicht so recht in eine Schublade: Das Duo "Kleister" tritt am heutigen Freitagabend im Warteck in Niederweiler auf.

  1. Luke (Lukas Derungs, links) und Face (Johannes Fäßler) Foto: privat

MÜLLHEIM-NIEDERWEILER. Für den Auftritt, den das Duo "Kleister" heute Abend im Warteck in Niederweiler angekündigt hat, gibt es gattungsmäßig keine Schublade, die schnell passen würde. "Face" und "Luke" sind zwei Künstler, die es sowohl mit dem Wort als auch mit dem Ton sehr genau nehmen. Mit der Feststellung "Heinrich war Kleist, doch sie sind Kleister" rückt sich das Duo durchaus gewollt in die Nähe eines der größten Sprachkünstler der klassischen Literatur, nimmt dabei aber auch die Assoziation "Leimtopf" in Kauf.

Dem Publikum wird dabei einiges abverlangt, denn die Texte von Face sind so dicht gestrickt, dass jedes Wort, jede Silbe mit Bedeutung aufgeladen ist. Literarische Bezüge sind dabei ebenfalls gewollt. Bei dem hohen Tempo des Vortrags und der künstlerisch gleichberechtigt auftretenden Klang-Performance eine echte Herausforderung. HipHop oder Rap wäre vielleicht noch vergleichbar, wenn da nicht die literarische und musikalische Qualität das Ganze auf eine neue Ebene heben würde. Auch Poetry-Slam ist zu kurz gegriffen bei dieser einzigartigen Melange aus Text und Ton. Luke, das ist Lukas Derungs, geboren in Müllheim, mit nagelneuem Bachelor-Abschluss für Jazzpiano und Schulmusik und mit bereits zwei Wettbewerbspreisen (Yamaha Jazz Piano in Nürnberg und International Jazz Piano in Langenau, Schweiz). Mit dem Jazztrio "trio de lucs" war er schon dreimal in Müllheim, als Beatboxer tritt er auch ab und zu mit dem Freiburger Jazzchor auf (am 27. Oktober in Weil am Rhein). Er kümmert sich um die musikalische Seite der Performance, wobei eine raffiniert geloopte Beatbox-Technik live die Möglichkeiten elektronischer Tonerzeugung und -multiplikation virtuos ausschöpft. Das Jazzpiano bricht bei ihm zu ganz neuen Ufern auf. Das Ganze habe im Frühjahr 2015 in der Wohngemeinschaft in Mannheim begonnen, berichtet Derungs im Gespräch mit der BZ. Zusammen mit "Face" habe er mit einer Heimstudio-Ausrüstung herumexperimentiert, und bald darauf war die erste CD schon fertig: "Paperlapapp-Maschee" von Kleister: "Mit Paperlapapp gegen den schlechten Geschmack". Die erste Bühnenversion bekam die Wohngemeinschaft zu sehen, seither tourt das Duo, das sich nach eigenen Worten "aus dem Sumpf des deutschen HipHop ausgegraben" hat, durch Deutschland und die Schweiz von Nürnberg bis Halle, von Zug bis Frankfurt. "Kein Pseudogangstarap, kein sexistischer Mist, keine flachen Floskeln, die einem weismachen wollen, alles sei easy", dafür metaphorische und kraftvolle Texte im Kielwasser von Kleist, Kafka und Böll, rotzfrech vorgetragen, lautet die Marschrichtung von "Kleister". Es sei nicht ganz einfach, als noch unbekannter Künstler ein neues Genre zu beackern, sagt Derungs. Viele Veranstalter seien erst einmal skeptisch, die wollten etwas, das man in wenigen Worten einordnen kann, und auch die Klicks und Likes in Youtube und den sozialen Medien spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Weg zu einer gewissen Bekanntheit ist steil und steinig. Inzwischen hat das Duo ein kleines Musiklabel gefunden, das seine CDs vertreibt, aber das Leben als frei schaffender Künstler verlangt viel Stehvermögen. "Vielen Leuten ist der emotionale Wert von Live-Musik und Musik von Tonträgern bewusst, aber sie verbinden damit kaum noch einen monetären Gegenwert", sagt Derungs. Vor allem die junge Generation habe sich an die kostenlose Verfügbarkeit von Musik gewöhnt, was vor allem die Sparten betrifft, in denen "Kleister" jetzt unterwegs sind. Ein großer Unterschied zu klassischer Musik und Jazz. Aber trotz aller Schwierigkeiten möchten die beiden erst mal als frei schaffende Musiker arbeiten.

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Konzert mit "Kleister", heute, Freitag, 20 Uhr, Warteck Niederweiler; Infos zu den Künstlern im Internet: http://www.kleisterrap.de Einen Vorgeschmack gibt’s unter anderem auf Youtube: http://mehr.bz/kleister

Autor: Dorothee Philipp