Wechselhafte Strömungen

Dorothee Philipp

Von Dorothee Philipp

Fr, 02. März 2018

Müllheim

Über Pazifismus und Militarismus: Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette in Müllheim.

MÜLLHEIM. "Der Friede ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben. Hinter dem Frieden gibt es keine Existenz mehr", sagte Gustav Heinemann am 1. Juli 1969 in seiner Antrittsrede als neu gewählter Bundespräsident. Das Paradox von Frieden und "Ernstfall" wählte der Historiker und Friedensforscher Wolfram Wette als Titel für sein neues Buch "Ernstfall Frieden", in dem er versucht, Lehren aus der deutschen Geschichte seit 1914 zu ziehen. Am vergangenen Dienstag war er zu Gast am Markgräfler Gymnasium in Müllheim.

Eingeladen zu der Veranstaltung hatten der DGB-Ortsverband, der Arbeitskreis Frieden, die Buchhandlung Beidek und das Markgräfler Gymnasium. Wette sprach über die "größte Errungenschaft, die der Kontinent Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht hat", nämlich sieben Jahrzehnte Frieden und Stabilität der Staaten. Mit dem präzisen Begriffsinstrumentarium des Wissenschaftlers zeigte er die Hauptlinien der Entwicklung von Pazifismus und Militarismus in Deutschland seit dem Kaiserreich Wilhelms II. auf. Schon damals gab es nicht nur militärisches Säbelrasseln, sondern auch eine starke Gegenbewegung.

Wette zeichnete ein differenziertes Bild, wie diese gegensätzlichen Strömungen in ihrem Kräfteverhältnis wechselten, wie der Elan der Kriegsgegner in den 1920er-Jahren erlahmte und dem auf Revanche bedachten, von sozialdarwinistischen Lehren beeinflussten Nationalismus unterlag. Wie 1945 die zweite große Chance nun endlich ergriffen wurde und ein schrittweises friedenspolitisches Lernen in der Politik einsetzte. Damals lehnte die Bevölkerung die Wiederbewaffnung Deutschlands ab, eine Haltung, die bis heute von Dauer ist, wie Wette anhand von Umfragewerten aus der neusten Zeit belegte. Gustav Heinemann hat laut Wette mit seiner Rede vom Frieden als Ernstfall diese leise Entwicklung klar benannt, die sich dann mit der Politik der sozialliberalen Koalition und der Annäherung an Polen und Russland fortsetzte, die auf lange Sicht mehr erreichte als das Wettrüsten des Kalten Krieges. Heinemann habe mit der Autorität des Staatsoberhauptes der Entmilitarisierung des Denkens einen Schub verliehen.

Das Erstarken der konservativen Kräfte in der Bundeswehr machte Wette unter anderem an den Namen Heinz Karst und Manfred Wörner fest. Karst hatte als Brigadegeneral schon in den 1960er-Jahren den selektiven Einsatz von Atomwaffen befürwortet und war für das Erziehungs- und Bildungswesen im Heer verantwortlich. Wörner war 1982 bis 1988 Verteidigungsminister in der Regierung Kohl. Für Wette bedeutet das Jahr 1999, als die ersten Auslandseinsätze der Bundeswehr im Kosovo stattfanden, einen Einschnitt und Paradigmenwechsel in der Geschichte der Bundeswehr. Dass es ausgerechnet eine rot-grüne Regierung war, die hier handelte, nützte der Akzeptanz in der Bevölkerung.

Wette diagnostiziert in der jüngeren deutschen Politik ein "doppeltes Gesicht". Zum einen beschwöre sie den Frieden, zum andern trage sie Gewalt nach außen in Form von militärischen Auslandseinsätzen und Waffenexporten. Auch die politische Sprache werde mehr und mehr von Vokabeln kriegerischer Gewalt durchzogen. Als Lichtblick bezeichnete Wette die seit Kriegsende 1945 anhaltende mehrheitliche Ablehnung militärischer Gewalt in der Bevölkerung: "Die Zivilisierung der Gesellschaft verträgt auch Belastungen", folgerte er. Dass diplomatische Erfolge und "Good News" nicht von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, vermittle vielfach den Eindruck, die Welt sei in einem globalen Kriegszustand. Daran seien auch die Medien beteiligt. Die globalen Kriege seien nicht durch militärische Mittel zu lösen, sondern müssten mit anderen Mitteln und Phantasie angegangen werden. Dazu könne Europa als Modell dienen.

Die nachfolgende Diskussion zeigte, dass Wette den einen in seinem Pazifismus und seiner vorsichtig optimistischen Einschätzung zu wenig radikal ist. Andere warfen ihm vor, die Rolle Heinemanns und die Bedeutung der deutschen Auslandseinsätze falsch einzuschätzen.