Leute in der Stadt

Murat Kücük lebt im Rieselfeld und hat eine bunte, interessante Biografie

Simone Lutz

Von Simone Lutz

Di, 06. Februar 2018

Freiburg

Er ist Kurde aus der Türkei und lebt in Deutschland, war Chefredakteur in Istanbul, schreibt Bücher und arbeitet im Rieselfelder Marktladen, Abteilung Obst und Gemüse – die Biografie von Murat Kücük ist bunt und interessant.

FREIBURG. Kein Wunder, dass er sich bei den Biografiegesprächen engagiert, die im Sommer zum achten Mal stattfinden. Hier treffen sich Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte und erzählen einander ihr Leben.

"Menschen sind so vielfältig und unterschiedlich", sagt Murat Kücük, "aber wenn jemand von seinem Leben erzählt, merkt man, wie ähnlich wir uns alle sind." Er selbst hat viel zu sagen. Im Rieselfeld, wo er mit seiner Frau Karin und den beiden Kindern lebt, schreibt der 50-Jährige Bücher – zur Zeit einen Liebesroman, der in Istanbul spielt – und arbeitet im Marktladen. Dort sprach ihn vor drei Jahren ein Kunde, Niko Georgi, an: Ob er nicht vor anderen Leuten über sein Leben sprechen und im Gegenzug von ihrem hören wolle? Georgi selbst war einer der Moderatoren der Biografiegespräche; diese sollen das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Migrationserfahrung leichter machen.

Murat Kücük sagte zu, und dann, an einem Wochenende im Studienhaus Wiesneck in Buchenbach, erzählte er: Wie er in der Türkei aufwuchs und mit den Eltern oft umzog, weil der Vater Offizier war, wie er in Izmir Kommunikationswissenschaften studierte, wie er sieben Jahre als Journalist arbeitete, erst bei der Tageszeitung Hürriyet, später bei einem Magazin.

Sprachkenntnisse sind entscheidend

Und wie er dann in Istanbul seine deutsche Frau kennenlernte, die als Islamwissenschaftlerin ihre Masterarbeit über die alevitische Glaubensgemeinschaft schrieb und den Aleviten Murat Kücük ausgesprochen nett fand, wie die beiden sechs Jahre lang zusammen in Istanbul lebten, dann Kinder wollten und sich 2001 für Deutschland entschieden. Wie sie erst bei den Eltern seiner Frau in Littenweiler lebten, er kein Wort Deutsch konnte, beim Edeka Obst und Gemüse einsortierte ("das scheint mein Schicksal zu sein") und in seiner Freizeit mit dem Walkman und Hörbüchern, die er in der Bibliothek ausgeliehen hatte, Deutsch lernte, beim Kinderwagenschieben. "Ich habe die deutsche Sprache von Anfang an geliebt", sagt er, es war ihm immer klar, dass Sprachkenntnisse darüber entscheiden, ob man in einer Gesellschaft ankommt oder nicht.

Murat Kücük versorgt die Kinder, putzt das Bad, kocht das Abendessen, seine Frau geht ganztags arbeiten. "Meine Mutter sagt immer, was du machst, macht kein Mann in der Türkei", sagt Kücük und lächelt liebenswürdig, "aber ich finde das normal in Deutschland."

Die anderen Teilnehmer der Biografiegespräche hörten ihm zu, fragten nach und erzählten dann reihum von sich selbst, je für eine Stunde. Pro Gruppe kommen acht Männer und Frauen zusammen, die sich vorher nicht kannten, plus das Moderations-Tandem. Es gehe, sagt Kücük, immer um die gleichen Themen, egal in welchem Kulturkreis: Familie, Werte, auch Religion. Und spannend sei, dass man vorher ein Bild von jemandem habe und danach vielleicht ein ganz anderes, echtes.

Inzwischen macht Kücük bei den Biografiegesprächen als Moderator mit, mit Gewinn, wie er sagt. "Sowas sollte man auch in der Türkei weiterentwickeln." Denn die Türkei sei wunderschön, aber es fehle an einer gemeinsamen Sprache für die vielen Völker und Glaubensrichtungen. Doch Biografiegespräche, "das ist wie ein Friedensprojekt für die Gesellschaft".

Biografiegespräche 2018, am Freitag, 8. Juni, bis Samstag, 9. Juni, oder Samstag, 15. September, bis Sonntag, 16. September. Teilnahme kostenlos, noch sind Plätze frei. Infos und Anmeldung beim Amt für Migration und Integration, Tel. 0761/201-6334, Mail yvonne.eckenbach@stadt.freiburg.de