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24. März 2010

Der Heilige der Slums

Heute vor 30 Jahren wurde Erzbischof Oscar Romero in El Salvador ermordet. Die Armen im Land verehren den Kirchenmann nach wie vor als Märtyrer.

  1. In El Salvador wird mit großen Prozessionen der Ermordung des Erzbischofs Oscar Romero vor 30 Jahren gedacht. Foto: AFP

  2. Wandbild Bischof Oscar Romero Foto: Pedro Nonualco

Luis Angel Garcia sitzt auf der Treppenstufe vor der windschiefen Holzhütte und poliert seine schwarzen Halbschuhe. Ein ehrgeiziges, aber eigentlich überflüssiges Vorhaben. Denn hier oben, in der Armensiedlung Colonia Los Andes in den Bergen am Stadtrand von San Salvador, gibt es keine Straßen zum Flanieren, nur Trampelpfade, und die sind aus Lehm und Geröll. In der heißen Mittagsluft schweben Wolken aus Staub, der sich überall festsetzt. Auch auf frisch polierten Schuhen.

Doch das kümmert Luis Angel Garcia nicht. Ihm soll man nicht auf den ersten Blick ansehen können, woher er kommt – deswegen die guten Schuhe. Während seine vier jüngeren Brüder mit einer leeren Cola-Dose Fußball spielen und die beiden Schwestern auf dem Feuer Maiskörner zu Brei kochen, träumt Luis von einem besseren Leben. Er will weg aus diesem Slum, am liebsten in die USA. Das Haus gegenüber steht leer, seine Bewohner wurden umgebracht. "Niemand weiß warum", sagt der 17-Jährige. Sein Onkel wurde vor vier Jahren ermordet, Rico, der Sohn der Nachbarin, ist verschollen. Seine Cousine Maria del Carmen musste sterben, weil sie die Liebe eines Anführers einer Jugendbande verschmäht hatte.

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Luis kramt einen Schlüsselanhänger aus der Hosentasche. "Er wurde vor 30 Jahren umgebracht", sagt Luis und betrachtet das Foto unter dem Plastiküberzug. Das Bild zeigt einen Mann mit schwarzer Hornbrille, buschigen Augenbrauen und leicht schiefem Kinn: Oscar Romero. Kein Rockstar aus den Staaten, sondern der ehemalige Erzbischof von El Salvador. Am 24. März 1980 wurde er während des Gottesdienstes in einer Krankenhauskapelle von einem Auftragskiller erschossen. "Monseñor hat sich für die Armen eingesetzt. Er hat für uns gesprochen und dafür musste er sterben", erklärt Luis.

Die arme Bevölkerung in El Salvador verehrt Oscar Romero wie einen Heiligen. In fast jeder Hütte hängt sein Bild. Romero hatte den Zorn der Mächtigen im Land auf sich gezogen. Denn er hatte öffentlich Ungerechtigkeiten und Korruption angeprangert, hatte die damals herrschende Militärjunta vieler Morde bezichtigt und im Namen Gottes verlangt, dass die Repressionen gegen die Bevölkerung endlich gestoppt werden.

Am Ende seiner Predigten verlas Romero regelmäßig lange Listen mit den Namen der Menschen, die jüngst ermordet worden waren. Die Messe wurde jeden Sonntag im Kirchenradio übertragen, mittwochs hatte er eine eigene Talksendung und das ganze Land hörte zu. Wer ein Rundfunkgerät besaß, stellte es ans Fenster und drehte auf volle Lautstärke.

Erst in seinen letzten drei Lebensjahren als Erzbischof hatte sich Romero vom gemäßigten Gottesmann zum entschlossenen, mutigen Kämpfer für die Armen gewandelt. Je mehr die Bevölkerung ihn verehrte und die Ideen der Befreiungstheologie in der Kirche an Einfluss gewannen, desto mehr wuchs jedoch auch der Hass der Machthaber. "Sei ein Patriot – töte einen Priester": Solche Botschaften kursierten in dieser Zeit in den konservativen Kreisen des mittelamerikanischen Staates.

Morddrohungen

beeindruckten ihn nicht

"Wir wussten, dass Oscar umgebracht werden würde, er selber auch", erinnert sich sein heute 80 Jahre alter Bruder Gaspar. "Sogar im Vatikan waren Morddrohungen gegen ihn eingetroffen." Doch Romero ließ sich davon nicht beeindrucken. Die Kirche würde ihre Liebe zu Gott und ihre Treue zum Evangelium verraten, wenn sie aufhöre, die Stimme der Stimmlosen zu sein, sagte er. "Oscar war vorbereitet zu sterben", erinnert sich sein Bruder. "Am Anfang hatte er Angst. Doch irgendwann war ihm klar, dass er seinen Weg gehen musste und wurde ganz ruhig." In den letzten Monaten seines Lebens entließ Oscar Romero seinen Fahrer: Der Erzbischof bestand darauf, sein Auto selber zu fahren. Und zuhause schlief er ohne Wachen vor dem Haus. "Er wollte niemanden in Gefahr bringen", sagt Gaspar.

Romeros Wohnhaus, ein schlichtes Gebäude mit zwei kleinen Zimmern, liegt im Stadtteil Sisimiles am Fuße des Vulkans San Salvador. Heute dient es als Museum und ist für seine Anhänger zur Pilgerstätte geworden. Dort steht sein Schaukelstuhl, sein Bett. Das Tonbandgerät ist ausgestellt, auf das er diktierte, was er den Tag über erlebt hatte. Am Kleiderschrank lehnt der Hirtenstab, das Rasierzeug im Bad ist unberührt – man habe seit dem 24. März 1980 so gut wie nichts verändert, sagt Aurora Bárcenas, eine grauhaarige, gebückt gehende Frau, die jeden Tag Besucher durch das Haus führt.

In einer Glasvitrine im Wohnzimmer hängen die Kleider, die der 62-jährige Kirchenmann am Tag seiner Ermordung getragen hatte. Die weiße Albe unter dem lilafarbenen Messgewand und das hellgraue Hemd sind von Blut durchtränkt. Auf diese drastische Art des Gedenkens, die Europäer vermutlich eher abstößt, trifft man in El Salvador immer wieder. Denn seit Jahrzehnten prägt Gewalt den Alltag in El Salvador – und das stumpft ab. In einem Land, in dem die Medien von Konservativen gesteuert werden und in dem in historischen Museen und Schulbüchern versucht wird, die Erinnerung an Romero in den Hintergrund zu drängen, erscheinen die blutverschmierten Kleider wie ein verzweifelter Versuch, die historische Wahrheit in aller Deutlichkeit festzuhalten.

Jeder gegen jeden: In El Salvador geht es auch 30 Jahre nach Romeros Tod immer noch gewalttätig zu. Vor der Pizzabude, dem Copyshop und vor jeder Apotheke stehen Sicherheitsmänner mit geschulterten Pump-Guns. Das Gefälle zwischen Arm und Reich ist groß – obwohl El Salvador das industriell am weitesten entwickelte Land Zentralamerikas ist. Der Lebensstil der USA mit Fastfood-Ketten und großen Einkaufspalästen hat Einzug gehalten. Dennoch müssen 40 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar am Tag zurecht kommen.

Das hat neben anderem zur Folge, dass selbst die Häuser der unteren Mittelschicht zu stacheldrahtumspannten Wohnburgen ausgebaut sind. Polizei und Militär patrouillieren in den Straßen, machen rücksichtslos Jagd auf die Maras, jene etwa 30 000 Jugendlichen, die sich zu den gefürchteten Banden zusammengeschlossen haben. "Ich habe immer Angst, dass meine Mutter oder eines meiner Geschwister abends nicht nach Hause kommen", sagt Luis. Zwischen 12 und 15 Menschen werden pro Tag in El Salvador umgebracht, das sind im Jahr mehr als 83 Morde pro 100 000 Einwohner. In Deutschland liegt diese Zahl bei 1,1. Damit hat das kleine Land am Pazifik mit seinen 5,7 Millionen Einwohner die höchste Mordrate Lateinamerikas. Nur zehn Prozent der Kapital-Verbrechen werden bei der Polizei angezeigt, nur vier Prozent juristisch verfolgt.

Auch für den Mord an Erzbischof Romero sind die Schuldigen nie offiziell genannt worden. Der beauftragte Mörder wurde gedeckt, der Auftraggeber Roberto D’Aubuisson nie zur Verantwortung gezogen. Der Major, Gründer der späteren Regierungspartei Arena, sprach von Priestern als verkleideten Kommunisten. Viele Salvadorianer setzen nun große Hoffnungen in die Regierung von Mauricio Funes. Mit dem neuen Präsidenten hat erstmals die FMLN, die Partei der ehemaligen Guerilla, die Macht übernommen. Er stehe – ganz wie damals Oscar Romero – auf der Seite der Armen und Ausgeschlossenen, erklärte der 49-Jährige noch in der Wahlnacht.

Mit dem Tod Romeros am 24. März 1980 war die Situation im Land eskaliert. Es begann ein blutiger Bürgerkrieg, in dem binnen zwölf Jahren 70 000 Menschen getötet wurden. Die USA, deren Lateinamerikapolitik geprägt war durch die panische Angst, der Kommunismus könne in ihrem Hegemonialgebiet Fuß fassen und sich womöglich ausbreiten, stockten nur wenige Stunden nach dem Mord an Romero ihre Militärhilfe für die Junta massiv auf.

"Befreiungstheologie wurde und wird oft immer noch mit Kommunismus gleichgesetzt", erklärt Magdalena Holztrattner, innerhalb von Adveniat, dem Lateinamerika-Hilfswerk der Katholischen Kirche, die Expertin für El Salvador. "Die US-Regierung unterstützte deshalb massiv die konservativen Anführer und die Entsendung freikirchlicher Missionare, um die politische Linke und die Arbeit der Befreiungstheologie zu schwächen."

Am Tag von Romeros Beerdigung versammelten sich Hunderttausende Trauernde in der Hauptstadt vor der Kathedrale. Der Sarg des Erzbischofs war vor dem Hauptportal aufgebaut. Taxifahrer Alfonso Zapatero, der damals 30 Jahre alt war und seine Großmutter zur Trauerfeier begleitete, erinnert sich: "Immer mehr Menschen strömten auf den Platz. Es war wahnsinnig eng. Ich sah Scharfschützen, die geduckt auf den Dächern der umliegenden Gebäude hin und her liefen. Plötzlich wurde in die Menge geschossen, Panik brach aus, alle rannten los." Doch die Militärs hatten die Zugangsstraßen abgeriegelt, viele Menschen starben.

Alfonso Zapatero und die meisten Salvadorianer verehren Romero wie einen Heiligen. "Für uns ist er San Romero de las Américas," sagt Zapatero. Der Vatikan hingegen konnte sich bis heute nicht zur Heiligsprechung durchringen. "Da er einen Märtyrertod starb, muss Romero nach den Regeln der katholischen Kirche gar kein Wunder vollbracht haben", erklärt die Expertin von Adveniat. "Zwar ist das kirchenrechtliche Verfahren schon lange eingeleitet – weitere Schritte sind aber nicht erfolgt."

Der Vatikan sitzt

die Heiligsprechung aus

Auch Rom, allen voran die Organisation Opus Dei, hat Oscar Romero unter Kommunismus-Verdacht gestellt. "Benedikt XVI. sagte zwar, Romero sei ein guter Mann gewesen, aber so lange er politisch missbraucht würde, sei für die Heiligsprechung vielleicht noch nicht der richtige Zeitpunkt", erklärt Jesuitenpater Jon Sobrino. Der 71-Jährige lehrt an der Katholischen Universität UCA in San Salvador und zählt zu den bekanntesten Vertretern der Befreiungstheologie.

Das sind Worte, die viele Salvadorianer dem Papst übel nehmen und gegen die sie auf ihre Art protestieren. In kaum einem Haushalt und auch nur in wenigen Kirchen hängt ein Foto des gegenwärtigen Pontifex. "Es ist für jedermann ersichtlich, dass Oscar Romero ein Heiliger war. Aber man kann auch ohne die Kirche heilig gesprochen werden", sagt Jon Sobrino und lächelt. "An Westminster Abbey in London sind Statuen von zehn Märtyrern des 20. Jahrhunderts aufgestellt", erklärt der gebürtige Katalane. "Romero steht dort zwischen Martin Luther King und Dietrich Bonhoeffer."

Im Kongo werde Erzbischof Christophe Munzihirwa, der 1996 ermordet worden ist, der Romero von Afrika genannt, erzählt Sobrino. Und der US-amerikanische Globalisierungskritiker Noam Chomsky habe ein Foto von Romero in seinem Arbeitszimmer stehen. Er nenne ihn sein Vorbild und bezeichne ihn als Motivation für seinen Kampf. "Das ist aus meiner Sicht", sagt der Jesuit, "auch eine Art Heiligsprechung."

Autor: Gaby Herzog