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04. April 2013

Syrienkonflikt

Die arabische Revolution hat den Kurden Freiheit gebracht

Die arabische Revolution hat den syrischen Kurden Freiheit und Stabilität gebracht, manche wünschen sich nun eine Vereinigung mit dem kurdischen Nord-Irak.

  1. Die Förderanlagen bei Rumeilan sind vorübergehend stillgelegt, bald soll hier wieder Öl sprudeln. Foto: Wrase

Mitte Januar zog auch der syrische Geheimdienst seine Spitzel ab. Seither ist Derik eine "freie kurdische Stadt", wie die Bewohner sagen. "Zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte unseres Volkes", freut sich Mohammed vom "Volksrat für West-Kurdistan". Unter dem syrischen Präsidenten Assad trug die Stadt mit 80 000 Einwohnern den arabischen Namen Malikiya – die Kurden haben ihn inzwischen von allen Straßenschildern getilgt. Mohammed ist Student der Bohr- und Produktionstechnik. Wir mussten bei dem 25-Jährigen vorsprechen, in seinem Büro einen versiegelten Brief abgeben.

Das für unsere Arbeit notwendige Schreiben hat Gemas, ein Chef der kurdischen "Asaish" (Sicherheit) nach einer viertelstündigen Befragung aufgesetzt. Der hagere Kurde mit dem maliziösen Dauerlächeln arbeitet in einem windschiefen Wohncontainer am Rande von Zeimalka. Die Ortschaft liegt am syrischen Ufer des Tigris, der im äußersten Osten von Syrien die Grenze zu den kurdischen Autonomiegebieten des Nord-Irak bildet. Den während der Schneeschmelze reißenden, etwa 800 Meter breiten Fluss haben wir mit einem Motorboot überquert. Auf beiden Seiten des Ufers wehen die rot-weiß-grünen Fahnen mit der goldenen kurdischen Sonne. Es dauert fast zwei Stunden, bis wir von Zeimalka ins 35 Kilometer entfernte Derik weiterfahren können. Die syrischen und irakischen Kurden vermitteln mit langwierigen "Grenzkontrollen" offenbar ganz bewusst den Eindruck, dass die Schaffung eines "Greater Kurdistan" nicht in ihrem Interesse ist.

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"Wir wollen keinen eigenen Staat wie unsere kurdischen Brüder im Irak", erklärt Mohammed vom "Volksrat" in Derik. Erklärtes Ziel der syrischen Kurden ist die Umsetzung des "Demokratischen Konföderalismus", den Abdullah Öcalan, der in der Türkei inhaftierte Chef der verbotenen Kurdenpartei PKK, in seinen Schriften dargelegt habe. Es gehe langfristig um die Abschaffung des Staates mit seinen Hierarchien, betet Mohammed die politischen Konzepte Öcalans herunter. Und um den Aufbau einer demokratischen Selbstverwaltung von der Basis aus.

Tatsächlich hat die PKK-nahe "Partei der Demokratischen Einheit" (PYD) im syrischen Kurdistan inzwischen halbstaatliche, wenn nicht sogar staatliche Strukturen aufgebaut. Mit Ministerien vergleichbare Volkskomitees für Soziales, Gesundheit, Bildung, Kultur sowie für die Gleichstellung der Frau organisieren das zivile Leben. Für spürbare Sicherheit garantieren neben der "Asiash"-Organisation die kurdischen "Volksverteidigungseinheiten" (YPG), die mittlerweile fast 20 000 Kämpferinnen und Kämpfer haben.

Die syrisch-kurdische Streitmacht ist hervorragend ausgerüstet. Kalaschnikows und Panzerfäuste gehören neben schusssicheren Westen und amerikanischen Funkgeräten zur Grundausstattung der Milizsoldaten. Auf der Straße von Derik nach Qamischli befindet sich alle zehn Kilometer ein gut gesicherter Kontrollposten der YPG. Ein Passierschein der "Asiash", den junge Frauen kontrollieren, garantiert die Weiterfahrt.

Nach dem erzwungenen, in einigen Regionen auch taktischem Rückzug von Assads Armee und Geheimdiensten herrscht im syrischen Kurdistan eine geradezu euphorische Aufbruchstimmung. Einen Tag vor dem kurdischen Neujahrsfest Newroz tanzen die Menschen auf den Straßen. Aus riesigen Lautsprecherboxen, die auf den Ladeflächen von Pritschenwagen gestellt wurden, dröhnen die Lieder des kurdischen Sängers Ciwan Haco. Er singt: "Mein Heimatland, du hast mir die Kraft gegeben, du heilst meine Wunden."

Im syrischen Kurdistan herrscht Aufbruchstimmung

Haco stammt aus Qamischli, der mit über 600 000 Menschen größten Stadt im freien syrischen Kurdistan. Auf einer Kundgebung erinnert dort ein Sprecher der PYD-Partei an den Kurdenaufstand von 2004. Damals ist es bei einem Fußballspiel zu Zusammenstößen zwischen kurdischen und arabischen Fans gekommen. 15 Anhänger der kurdischen Heimmannschaft wurden von der Assad-Armee erschossen, Hunderte von Kurden, die anschließend friedlich protestierten, verhaftet und gefoltert.

"Wir Kurden hatten schon 20 Jahre vor dem Beginn der syrischen Revolution für unsere Rechte gekämpft. Wir waren die Ersten, die sich gegen die Assads erhoben haben", sagt Renas, ein Mitglied des "Volksrats" von Rumeilan. Eine mögliche taktische Allianz mit dem Assad-Regime habe es nie gegeben, obwohl der Diktator vor einem Jahr die meisten seiner Truppen aus den syrischen Kurdengebieten abgezogen und 300 000 vormals staatenlosen Kurden die Staatsbürgerschaft verliehen hat.

"Unsere Loyalität konnte Assad damit nicht gewinnen", behauptet Renas. "Wir sind gegen den Diktator, aber auch gegen die von Islamisten dominierte syrische Opposition." Diese hatte Ende letzten Jahres bei Ras el Ain versucht, auf kurdisches Gebiet vorzudringen. Bei den aus Sicht der syrischen Kurden von der Türkei begonnenen Kämpfen starben über 100 Islamisten und mehr als 40 Kämpfer der kurdischen Einheiten.

Ziel der islamistischen Rebellengruppen war die Eroberung der riesigen Ölfelder im syrischen Kurdistan. Seit Dezember letzten Jahres werden die Felder von kurdischen Milizen gesichert, Öl sprudelt derzeit nicht aus der Tiefe. Die aus Rumänien und China importierten Erdölpumpen in der Region von Rumeilan sind nach der Sprengung der Pipeline ins zentralsyrische Homs stillgelegt worden. Man werde das kurdische Erdöl jedoch mit allen Mitteln verteidigen und zu gegebener Zeit nach Exportmöglichkeiten suchen, hofft Renas.

Eine Vermarktung des syrischen Erdöls wäre vielleicht über das irakische Kurdistan möglich. Von dort erhalten die syrischen Kurden inzwischen Benzin und Diesel, das in zwei riesigen Schläuchen über den Tigris gepumpt wird. Auch Mehl, Zement und andere Gebrauchsgüter werden zum irakischen Tigrisufer transportiert und von dort per Schiff nach Syrien gebracht. Die Überlebenshilfe aus dem kurdischen Nord-Irak hat die wirtschaftliche Lage im syrischen Kurdistan stabilisiert.

Die meisten Kurden sind gegen Assad und gegen die Islamisten

Während in anderen Teilen Syriens der Bürgerkrieg weiter eskaliert, können hier über drei Millionen syrische Kurden und 400 000 syrische Christen inzwischen weitgehend normal leben. Alle Schulen, in denen Arabisch nicht mehr als Hauptsprache, sondern inzwischen als "erste Fremdsprache" unterrichtet wird, sind geöffnet. In den Basaren von Qamischli, Rumeilan und Derik machen die Händler trotz Lieferausfällen aus Aleppo gute Geschäfte. Selbst einige textilverarbeitende Betriebe konnten ihre Produktion wieder aufnehmen.

"Vergleicht man unsere Situation mit den anderen Landesteilen, dann geht es uns richtig gut", sagt der Arzt Ibrahim, der aus Bremerhaven nach Derik gekommen ist, um seinen Vater zu beerdigen. Doch die von der PYD garantierte Stabilität habe aber auch "einen Preis", gibt Ibrahim halblaut zu bedenken. Man müsse die Autorität der Volksräte akzeptieren und das neue System mit "freiwilligen Abgaben" mitfinanzieren.

Politisch unterdrückt fühlt sich der Allgemeinmediziner nicht. Auch die anderen kurdischen Parteien hätten in dem von der "Demokratischen Partei" geführten "Kurdischen Nationalrat Syriens" ein Mitspracherecht. Das letzte Wort habe jedoch die PYD, deren "demokratischer Konföderalismus" dem einfachen Volk nur schwer zu vermitteln sei.

"Was für uns zählt, ist die Freiheit", unterstreicht Nazamin, die an der Universität von Qamishli Soziologie studiert. Gegen eine kommunale Selbstverwaltung, wie sie Öcalan propagiere, habe sie nichts einzuwenden. Sehr viel erstrebenswerter sei jedoch die Schaffung eines die nationalen Grenzen überschreitenden "Großen Kurdistan". Diese "historische Chance, dieser Traum eines jeden Kurden" müsse jetzt verwirklicht werden.

Einer Vereinigung mit dem kurdischen Nord-Irak, glaubt die junge Studentin, stünde eigentlich nichts im Wege. Und nach Öcalans Friedensangebot an die türkische Regierung in Ankara zeichne sich auch in den türkischen Kurdengebieten eine Entspannung ab. Die arabische Revolution hat den Kurden im Nahen Osten die größte Freiheit ihrer Geschichte beschert. "Darauf müssen wir nun weiter aufbauen", fordert Nazamin.

Autor: Michael Wrase