24. Juni 2009

In Polen nehmen Attacken auf Juden zu

Schmierereien in Danzig | Foto: Abramowicz
DANZIG. "So viele Anschläge auf unsere Synagogen und Friedhöfe hatten wir noch nie." Und Piotr Kadlcik, der Vorsitzende des jüdischen Gemeindeverbundes in Polen, geht davon aus, dass die Zahl der antisemitischen Attacken in Polen noch steigen wird. "Juden – ab in den Ofen! Dort ist euer Platz", ritzte ein Unbekannter in die Eingangstafel zum jüdischen Friedhof in Danzig. Zur gleichen Zeit schmierten Vandalen die Parole "Jude raus" an die Synagoge zum Weißen Storch in Breslau. Nur wenige Tage zuvor schändeten Antisemiten das Grab eines Rabbiners in Gora Kalwaria.

"Der Antisemitismus in Polen nimmt rasant zu. So viele Anschläge auf unsere Synagogen und Friedhöfe wie in den letzten Wochen hatten wir noch nie", sagt Piotr Kadlcik, Vorsitzender des Jüdischen Gemeindeverbundes in Polen. In Danzig reagierte Oberbürgermeister Pawel Adamowicz sofort, als er von der erneuten antisemitischen Attacke auf den jüdischen Friedhof hörte: "Ich schäme mich", schrieb er in einem Brief an die Danziger Juden. "Ich schäme mich als Einwohner der Stadt Danzig." Der eindeutige Brief war sofort Tagesgespräch. Er wurde von der Presse und im Internet veröffentlicht. "Danzig war immer eine Stadt vieler Kulturen, Nationen und Religionen", heißt es in seinem offenen Brief an die jüdische Gemeinde. "Wir sollten nicht erlauben, dass diese schändliche Ausschreitung sich wie ein Schatten auf unsere Tradition legt."

Werbung


In ganz Polen überlegen nun die jüdischen Gemeinden, wie sie die Sicherheitsvorkehrungen erhöhen können. "Da die polnische Polizei nicht in der Lage oder willens ist, uns zu schützen, müssen wir nun zur Selbsthilfe greifen", sagt Jozef Kozuch, der Vorsitzende der Breslauer jüdischen Gemeinde. Ein Kamerasystem müsse demnächst rund um die Uhr alles aufzeichnen. Zudem müsse ein privater Wachdienst engagiert werden. Am schlimmsten sei das Gefühl, mit diesen Attacken alleingelassen zu werden, sagt Kozuch.

Kadlcik, Vorsitzender des jüdischen Gemeindeverbundes in Warschau, nimmt an, dass es in Zukunft noch mehr antisemitische Anschläge in Polen geben wird. "Der Staat tut ja auch nichts. Die Kirche auch nicht. Es gibt zwar mehr und mehr jüdische Kulturfestivals, die von Nichtjuden organisiert werden, aber keine systematische Aufklärung und Bildung." Polnische Staatsanwälte und Richter seien sich darin einig, dass bei antisemitischen Straftaten nur ein geringer gesellschaftlicher Schaden in Polen entstehe. "Das ist bitter", sagt Kadlcik. "So verbreitet sich der Antisemitismus in unserem Land immer mehr."  

Autor: Gabriele Lesser



0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.