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23. September 2017

Bergwerksunternehmen verdrängen Indios in Brasilien

Goldsucher haben in Brasiliens Amazonasregion viele Ureinwohner ermordet. Das Massaker ist ein Symptom für den fehlenden Schutz der indigenen Völker in dem südamerikanischen Staat. Die Regierung will zudem deren Reservate zur Ausbeutung von Bodenschätzen frei geben.

  1. Raubbau im Urwald des brasilianischen Amazonasgebiets zerstört die Lebensgebiete von Indios. Foto: dpa/AFP

RIO DE JANEIRO. Goldsucher haben in Brasiliens Amazonasregion viele Ureinwohner ermordet. Das Massaker ist ein Symptom für den fehlenden Schutz der indigenen Völker in dem südamerikanischen Staat. Die Regierung will zudem deren Reservate zur Ausbeutung von Bodenschätzen frei geben.

Wie viele Menschen durch das Massaker in einem abgelegenen Winkel Brasiliens ums Leben gekommen sind, ist noch unklar. Waren es zehn oder gar zwanzig? Bisher gibt es dazu nur Gerüchte. Doch das Faktum des Mordes an Ureinwohnern im brasilianischen Bundesstaat Amazonas steht fest. Alle Opfer gehörten einem so genannten nicht-kontaktierten Stamm an: Indios also, die keinen Austausch mit der Außenwelt pflegen.

Das Massaker, das offenbar schon im August stattgefunden hatte, aber erst jetzt bekannt wurde, ereignete sich im isolierten Dreiländereck zwischen Brasilien, Peru und Kolumbien. In der Region liegt das Reservat Vale do Javari, in dem mindestens 14 der mehr als 100 unkontaktierten Völker Brasiliens leben. Das Reservat ist fast so groß wie Portugal und bietet rund 7000 Indios Schutz – die wiederum den Amazonaswald und dessen Flüsse beschützen. Die mutmaßlichen Mörder der Indios sind Goldsucher, die in der Region illegal schürften.

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An die Öffentlichkeit kam der Vorfall nur deshalb, weil einige von ihnen in einer Bar an der kolumbianischen Grenze mit ihrer Tat geprahlt hatten. Sie sollen dort erzählt haben, wie sie die Menschen zerstückelt und deren Leichenteile in einen Fluss geworfen hätten. Angeblich hätten sie nur die Alternative gehabt: Entweder töten wir sie – oder sie töten uns. Zum Beweis sollen die Goldsucher Pfeile vorgezeigt haben und ein handgeschnitztes Paddel der Indios, die man in der Region als "Flecheiros" kennt. Als Mitarbeiter der brasilianischen Indio-Behörde von der Geschichte hörten, alarmierten sie die brasilianische Bundespolizei. Diese hat zwei der Goldsucher festgenommen, bei denen sie Waffen fand. Die Union der indigenen Völker im Javari-Tal (Univaja) bestätigte inzwischen das Massaker und beklagte den fehlenden Schutz vor Eindringlingen.

Das Massaker an den "Flecheiros" wäre bereits das zweite in der Region in diesem Jahr. Im Februar wurden zwischen zehn und 20 Angehörige des isolierten Stammes der Warikama Djapar umgebracht. Die Täter handelten damals offenbar im Auftrag eines Großgrundbesitzers, der Jagd, Fischzucht und Holzhandel betreibt und immer wieder illegal auf das Land der Indios vordringt. Solche Aktionen sollen alle in dem jeweiligen Gebiet lebenden Indios vertreiben. Ist das gelungen, rodet man den Urwald. Das ist zwar gegen das Gesetz, aber die brasilianische Staatsgewalt ist schwach in der abgelegenen Amazonasregion, die lokalen Behörden kooperieren daher häufig mit den Großgrundbesitzern.

Begünstigt wird die Vertreibungen der Ureinwohner durch die Politik von Präsident Michel Temer. Der Konservative gelangte vergangenes Jahr unter fragwürdigen Umständen an die Macht. Seitdem hat er viel getan, um die wirtschaftliche Ausbeutung der Amazonasregion voranzutreiben. Damit will er sich die Unterstützung von Kongressabgeordneten sichern, die die Interessen der Agrarindustrie und der Minenindustrie vertreten. Beide Wirtschaftszweige drängen auf die Öffnung der Amazonasregion. Im August haben ihre Interessenvertreter im Kongress folgerichtig Untersuchungen gegen Temer wegen Korruption abgelehnt.

Nun hat Temer auch noch das Budget der Indio-Schutzbehörde Funai drastisch gekürzt, von umgerechnet zwei Millionen Euro auf 600 000. Zudem wurden fünf Funai-Stützpunkte aufgelöst, die sich um unkontaktierte Völker gekümmert haben, drei davon in Vale do Javari, dem Reservat. Dabei wäre staatlicher Schutz nötiger denn je, denn schon seit einiger Zeit ist zu beobachten, dass vermehrt illegale Goldsucher in das Reservat eindringen. Sie verseuchen nicht nur die Flüsse mit Schwermetallen, sondern bringen auch Prostitution, Drogenhandel und Gewalt mit. Die Goldsucher selbst stammen meist aus armen Verhältnissen und arbeiten unter erbärmlichen Bedingungen für Investoren im Hintergrund.

Die Menschenrechtsorganisation Survival International, die sich für die Rechte von Ureinwohnern einsetzt, macht Präsident Temer für das jüngste Massaker direkt verantwortlich. Die Brasilien-Expertin Sarah Shenker sagte, die Regierung sende das eindeutige Signal aus, dass der Schutz des Amazonas und dessen Ureinwohner keine Priorität mehr habe. "Die Regierung ist nicht willens, die Ureinwohner zu schützen. Sie bricht die Verfassung, die sie dazu verpflichtet." Der Klage schließt sich die Union der indigenen Völker im Javari-Tal an. Zahlreiche Indio-Gruppen seien auf der Flucht, wovon die Öffentlichkeit nichts mitbekomme.

Erst vor wenigen Wochen ließ Präsident Temer ein riesiges Naturschutzgebiet für die Minenindustrie öffnen. Zwar stoppte ein Gericht das Vorhaben, doch weitere liegen in der Schublade. Der Druck auf Brasiliens Ureinwohner und den Amazonaswald erhöht sich weiter.

Autor: Philipp Lichterbeck