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11. Januar 2010 00:05 Uhr
BZ-Interview
Nobelpreisträgerin Shirin Ebadi über die Lage im Iran
Im Iran spitzt sich der Konflikt zu: Mit brutaler Gewalt geht die Staatsmacht gegen Demonstranten vor. BZ-Redakteurin Annemarie Rösch sprach darüber mit der Teheraner Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi.
BZ: Frau Ebadi, wann kehren Sie wieder in den Iran zurück?
Ebadi: Meine Basis ist der Iran. Mein Mann ist dort, meine Familie. Aufgrund der schwierigen Lage kann ich aber meinem Land zurzeit im Ausland besser dienen. Wenn ich in den Iran zurückkehre, kann mir alles passieren. Sehen Sie, meine Schwester ist erst kürzlich verhaftet worden. Weil keines meiner Kinder im Iran ist, hat man meine Schwester zur Geisel genommen. Mein Mann ist im Iran ebenfalls in Gefahr. Trotzdem werde ich nicht tun, was sie von mir verlangen, und schweigen.
BZ: Sehen Sie sich als Oppositionelle?
Ebadi: Ich bin eine Menschenrechtlerin. Aus diesem Grund darf ich nicht Position für eine Seite beziehen. Ich gehöre keiner der oppositionellen Gruppen an.
BZ: Derzeit sieht es so aus, als nähme der Protest zu. Wie beurteilen Sie das?
Ebadi: Es gibt inzwischen auch Proteste selbst in kleineren Städten. Obwohl die Menschen wissen, dass sie bei Demonstrationen sogar getötet werden können, gehen sie weiter auf die Straße. Das zeigt, wie ernst sie es meinen mit ihrem Protest gegen das Regime. Den Aufrufen von Ahmadinedschad, für das Regime zu demonstrieren, sind dagegen gar nicht so viele Menschen gefolgt. Und das, obwohl Ahmadinedschads Leute ihnen dafür Geschenke gemacht haben.
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BZ: Wollen die Demonstranten das Regime von innen heraus reformieren oder es lieber gleich beseitigen?
Ebadi: Im Moment lauten die Rufe noch "Tod dem Diktator". Das heißt, die Demonstranten wollen vor allen Dingen, dass Ahmadinedschad abtritt. Ihre friedlichen Proteste zeigen, dass sie eine friedliche Reform von innen wollen. Im Moment noch. Ich könnte mir aber vorstellen, dass die Menschen irgendwann auch "Tod dem System" rufen werden. Das Regime sollte darauf hören, was die Iraner wollen. Tut es das nicht, werden die Demonstranten radikaler werden.
BZ: Kann es sich Revolutionsführer Ali Khamenei überhaupt noch leisten, an Präsident Ahmadinedschad festzuhalten, dem die Opposition Wahlbetrug vorwirft?
Ebadi: Im Moment gibt es noch keine Anzeichen dafür, dass Khamenei Ahmadinedschad aufgeben möchte. Doch alles ist möglich im Iran.
BZ: Wie interpretieren Sie das aggressive Vorgehen gegen die Opposition?
Ebadi: Khamenei und Ahmadinedschad wissen, wie gefährlich die Lage für sie ist. Daher steigt auch die Gewalt. Überall auf der Welt ist es so, dass die Gewalt steigt, wenn sich ein Regime bedroht fühlt.
BZ: Ahmadinedschad soll seine Macht gegenüber der Geistlichkeit ausgebaut haben. Wie sehen Sie das?
Ebadi: Ajatollah Khamenei bestimmt immer noch alles. Es fragt sich allerdings, wie lange noch.
BZ: Welche Rolle spielen die paramilitärischen Revolutionsgarden, die so brutal gegen Demonstranten vorgehen?
Ebadi: Was auf jeden Fall auffällt ist, dass Ahmadinedschad die Revolutionsgarden heute in viele wichtige Positionen gehievt hat. Sogar der Oberste Staatsanwalt hat heute einen Berater, der zu den Revolutionsgarden gehört. Bisher gab es das noch nicht, dass ein Militär einen so wichtigen Posten in der Justiz einnimmt.
BZ: Könnte das Regime der Geistlichen von einer Militärdiktatur abgelöst werden?
Ebadi: Wie gesagt, zurzeit ist alles im Iran denkbar. Auch das.
BZ: Könnte der Iran vielleicht zur ersten Demokratie im Nahen Osten werden?
Ebadi: Ich wünsche mir das. Ich hoffe, dass es Verhandlungen zwischen Regime und Opposition gibt, bevor die Gewalt eskaliert. Da die Iraner noch gut in Erinnerung haben, wie schmerzvoll die Revolution vor 30 Jahren war, wie viele Tote es gegeben hat, hoffe ich, dass es doch noch zu einer Aussöhnung der verschiedenen politischen Lager kommt.
BZ: Welche Art von Demokratie schwebt den Demonstranten vor?
Ebadi: Sicherlich wollen viele eine Demokratie, in der es eine Trennung von Staat und Religion gibt. Auch mir wäre das am liebsten. Doch das Wichtigste ist mir diese Trennung nicht. Es gibt auch Staaten, die zwar säkularisiert sind, aber trotzdem keine Demokratien genannt werden können. Was der Iran braucht, sind wirklich freie Wahlen. Wie genau dann diese Demokratie aussehen wird, das muss ausgehandelt werden.
Autor: ar
