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09. August 2012

Lateinamerika

In Kolumbiens Wäldern bilden US-Soldaten Drogenkrieger aus

Das "Comando Jungla" gilt als eines der härtesten Trainingslager der Welt: Rekruten kommen aus Brasilien, Bolivien, aus Mexiko und der Dominikanischen Republik. Sie wollen sich für den Kampf gegen den Drogenhandel ausbilden lassen.

  1. Krieger gegen die Drogen in einem der härtesten Trainingslager der Welt Foto: Sandra Weiss

Manchmal geht es mitten in der Nacht los, um drei, vier Uhr früh. Heute ist die Sonne schon aufgegangen und taucht die kahlen, schroffen Bergwände rund um das Camp in ein sanftes, rosaorangenes Licht. Aus der Ferne ist das Rauschen des Coello-Flusses zu hören. In vier Stunden wird das Thermometer 35 Grad erreichen, aber noch ist es kühl im Hauptquartier des Dschungelkommandos, mitten im kolumbianischen Tiefland.

Sechs Dutzend schwerbewaffnete Männer bereiten sich hier auf ihre Mission vor: Tarnbemalung, Helm, ein 20 Kilogramm schwerer Überlebensrucksack, zwei Wasserflaschen und die Waffe. Wortkarg schultern sie ihre US-amerikanischen Gewehre und nehmen ihre Befehle entgegen. Die Männer wissen nicht genau, was sie erwartet. Ein Hinterhalt, eine Entführung, ein Minenfeld, ein mehrtägiger Gewaltmarsch, eine Abseilaktion aus dem fliegenden Hubschrauber? Ihren Einsatzort werden sie wie immer erst kurz vor dem Angriff erfahren.

Statt Kommunisten werden nun Drogenbarone gejagt

Spezialkommandos müssen effizient sein, verschwiegen, anonym. Sie tauchen aus dem Nichts auf, erledigen ihren Job und verschwinden wieder. "So schützen wir uns vor dem Feind – und vor uns selbst", sagt Unteroffizier Animas aus Mexiko. Eine bittere Anspielung. Nirgendwo hat die Drogenmafia die Sicherheitskräfte so infiltriert wie in seiner Heimat.

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Seit vier Monaten schon sind Animas, Méndez, Chávez, Pérez, Sánchez und Sousa mit ihren Kameraden im Dschungelcamp. Der Kopf rasiert, die Muskeln gestählt. Sie wissen, wie man ohne Streichhölzer Feuer macht, welche Pflanzen man im Urwald bedenkenlos essen kann und wie man aus Bambus, einem Stück Stoff und etwas Kohle Wasserfilter baut. Der Brasilianer Aviles hat gelernt, in fünf Minuten ein Mittagessen herunterzuschlingen oder ganz ohne Essen auszukommen – zehn Kilogramm hat er seit Beginn der Ausbildung abgenommen.

Das "Comando Jungla" gilt als eines der härtesten Trainingslager der Welt. Einst ließen sich hier kolumbianische und andere lateinamerikanische Soldaten vom britischen Geheimdienst im Anti-Guerilla-Kampf schulen. Inzwischen wurden die britischen Lehrer durch US-amerikanische ersetzt. Aus Brasilien, Bolivien, aus Mexiko und der Dominikanischen Republik kommen die Aspiranten. Gewechselt hat auch der Feind. Statt Revolutionären hat man nun Drogenhändler im Visier. Auf den 17 000 Hektar drei Stunden südlich von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá entsteht derzeit für 90 Millionen Dollar ein hochmodernes Elite-Trainingscamp der Spitzenklasse. Schießstände, Hubschrauberplattformen, Hindernisparcours zu Lande und zu Wasser, Offizierskasino – und sogar experimentelle Drogenplantagen mit angeschlossenem Drogenlabor. Ein Teil davon ist schon fertig, aber noch immer wird eifrig gebaut.

Die US-Amerikaner finanzieren den Großteil davon aus ihrem sieben Milliarden Dollar schweren Etat für den Drogenkrieg in Kolumbien – und stellen auch einen Teil der Ausbilder. Eine Neuauflage der "School of the Americas", in der in den 60er und 70er Jahren im US-Bundesstaat Georgia Südamerikaner im Kampf gegen den Kommunismus ausgebildet wurden. Nur dass jetzt die kolumbianische Polizei die Federführung innehat. Das ist diplomatisch unverfänglicher.

Dicht an dicht pirscht die Truppe von Méndez durch das Gestrüpp. "Peng, peng, peng", ertönt es plötzlich von links. Diesmal fliegen den Soldaten keine echten Kugeln und auch keine Farbpatronen um die Ohren. Aus dem Gebüsch ertönen nur die Rufe der Ausbilder, die die Truppe in einen Hinterhalt gelockt haben. Sofort schmeißt sich Méndez’ Truppe auf den Boden, die Waffe im Anschlag, einer nach links, einer nach rechts zielend. "Peng, peng, peng." "Was ist los, Comandante? Du kommst hier nicht raus, die erschießen deine Leute, einer ist schon verletzt!" brüllt der kolumbianische Ausbilder Ever Sánchez. "Ein Tunnel!", reagiert Méndez, und die Kämpfer hinter ihm robben einen halben Meter seitwärts. So entsteht zwischen den Soldaten ein einigermaßen geschützter Tunnel, durch den die Angegriffenen sich gebückt rennend zurückziehen, einer hinter dem anderen. Ein martialisches Ballett.

Obwohl die Kugeln nur imaginär sind – die Szenerie, das Geballer, das Gebrüll lässt das Adrenalin in die Höhe schießen. Das ist gewollt. "Ziel der Ausbildung ist, dass die Jungs in Krisensituationen schnell und richtig reagieren", sagt Armando Lozano, der joviale Verantwortliche des Dschungelcamps und Veteran des Kommandos. Er weiß um den schlechten Ruf, den die Sicherheitskräfte in Lateinamerika genießen. "Menschenrechte sind bei uns ganz wichtig", beteuert er.

Für Díaz, mit 40 der Älteste, war der Anfang besonders schwer. Er musste abspecken und viele Extraeinheiten Liegestütze machen. Méndez stammt aus der Wüste Nordmexikos. Die "Wasserwoche" hätte er sogar fast nicht überstanden: Tagelanges Waten durch Schlamm und Sümpfe, schlaflose Nächte, gebratene Schlangen und Insekten zum Mittagessen – ohne die Unterstützung der Kameraden hätte Méndez wohl kapituliert.

Anders als im Fernseh-Dschungelcamp ist im kolumbianischen Busch Teamgeist gefragt. Jeder Rekrut erhält zu Beginn des Kurses einen Kollegen zugeteilt. Mit ihm muss er durch dick und dünn, lässt er ihn hängen, gibt es Minuspunkte. Jede Woche wird bilanziert. Ein Drittel schafft den Kurs nicht bis zum Ende. Am zähesten seien Mexikaner, Argentinier, Chilenen und Bolivianer, sagt Campchef Lozano. Ganz im Gegensatz zu den Afghanen, die man ihm einst ins Lager geschickt habe, sagt er schmunzelnd. "Die haben sich sogar standhaft geweigert, ins Wasser zu gehen." Zudem mussten sie das Training alle paar Stunden zum Beten unterbrechen, erzählt er.

Nur was nützt das härteste Dschungeltraining gegen einen unsichtbaren Feind, der sich in den Städten versteckt, sich unter die Zivilbevölkerung mischt und zuschlägt, wenn niemand damit rechnet? Eine wirkliche Antwort darauf haben auch die kolumbianischen Ausbilder nicht. Trotz unzähliger festgenommener Verbrecher, trotz Hunderter vernichteter Kokaplantagen – ihr Land bleibt weiterhin das größte Anbaugebiet von Koka, dem Rohstoff für das kostbare Kokain.

Lieber lassen sie die Truppe eine "urbane Operation" demonstrieren. Zu Übungszwecken wird das Büro Lozanos eingenommen. Lautlos im gebückten Gänsemarsch, das Gewehr immer auf der Schulter des Vordermanns aufgelegt, pirschen sich die Männer an den Haupteingang heran. Ein kurzer Blick ins Innere, ein Zeichen mit der Hand, dann wird das Gebäude mit Gebrüll gestürmt. Innerhalb von Sekunden liegen die Angestellten wehrlos auf dem Boden, sind Flure und Ausgänge gesichert.

"Als ich vor drei Jahren zur Bundespolizei kam, hatten wir noch nicht einmal genügend kugelsichere Westen und moderne Waffen", sagt ein stolzer Antonio Vargas kurz danach. Mit 24 ist der Mexikaner einer der Jüngsten im Kurs. "Wir waren leichte Beute für die Drogenkommandos. Wenn wir zurückkommen, kämpfe ich zumindest auf Augenhöhe."

Autor: Sandra Weiss