Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

19. Dezember 2009

"Schwimmen lernen"

BZ-Interview mit der Sozialarbeiterin Mary Peter Chinnammal über die Macht der Frauen in Zeiten der Katastrophe

  1. Mary Peter Foto: Caritas international

o Gefahr ist, wächst das Rettende auch, sagt der Dichter. So hat die Flut von 2004 den Küstenbewohnern Südindiens zwar Tod und Verwüstung gebracht, aber nicht nur. Stefan Hupka sprach darüber mit der Sozialarbeiterin Mary Peter Chinnammal.

W
BZ: Mary, im Süden Indiens, heißt es, habe der Tsunami nicht nur Fischerboote, sondern das ganze Sozialsystem durcheinander gewirbelt. Stimmt das?
Mary: Das kann man sagen. Vieles ist heute anders in unserem Zusammenleben. Und, so makaber das vielleicht klingt, vieles ist besser als vor der Flut.
BZ: Wie das?
Mary: Wenn ich früher versucht habe, etwa Dorfbewohnerinnen zur Gründung von Frauengruppen zu ermuntern, musste ich oft gegen einen heftigen Widerstand von Männern ankämpfen. Heute läuft das in vielen Gegenden fast wie von selbst.
BZ: Warum, haben die Männer plötzlich resigniert?
Mary: So würde ich das nicht nennen. Ich glaube, sie haben nach der Katastrophe erst richtig erkannt, was sie an ihren Frauen haben, wie stark sie auch zur Existenzsicherung auf die Frauen angewiesen sind. Plötzlich waren ihre Fischerboote kaputt, auch bekamen viele Angst vor dem Ozean und davor, dass er nochmal so brutal zuschlägt. Die Existenzgrundlage brach ihnen weg. Da war es ein Segen, dass Frauen begannen, ihre Sache selber in die Hand zu nehmen.

Werbung

BZ: Wie taten sie das?
Mary: In vielen Dörfern bei uns in der Diözese von Chengalpattu sorgen die Frauen seitdem – anfangs nach Kräften unterstützt von uns – für das notwendige Zusatzeinkommen der Familien, weil sie damals anfingen, selbst gezogene Nahrungsmittel und selbst geschneiderte Kleider auch selbst zu vermarkten. Inzwischen sind viele von ihnen in ökonomischen Fragen fitter als die Männer, die ja vor allem wussten, wie man Fische fängt.
BZ: Wie war das davor?
Mary: Die meisten Männer weigerten sich vorher, in ihren Frauen etwas anderes zu sehen als das Heimchen am Herd. Wenn ich Frauen zu Treffen eingeladen habe, dann bekamen wir von den Männern das Standardprogramm zu hören: Wer soll dann in der Zwischenzeit kochen, wer putzt heute, wer passt auf die Kinder auf? Sicher, das gibt es auch heute noch, aber es ist doch viel leichter geworden.
BZ: Sie haben sich nicht nur in den Fischerdörfern engagiert, sondern auch in Dörfern des Hinterlands, wo die Riesenwellen gar nicht hinkamen. Warum?
Mary: Weil es eben nicht nur die direkt Betroffenen an der Küste gab, sondern auch diese indirekt Betroffenen. Manche von ihnen waren sogar schlechter dran als die Fischer an der "Goldküste", wie man schon spottete angesichts der Konzentration der internationalen Hilfe dort. Von dieser Hilfe hatten viele Dörfer im Binnenland, die vom Handel mit den Fischern lebten, nämlich nichts.
BZ: Konnten Sie das ändern?
Mary: Ich glaube ja. Wir haben uns energisch gerade um die Dörfer der Dalits, der Kastenlosen, im Binnenland gekümmert. Auch dort sitzen jetzt Frauen und Männer gemeinsam am Ratstisch. Vorher war das ein Ding der Unmöglichkeit.
BZ: Eines Ihrer Hauptziele bei der CRDS ist es, den Dorfbewohnern, vor allem den Frauen, das Sparen beizubringen. Was bezwecken Sie damit?
Mary: Na, das ist nicht so schwer zu verstehen. Ausgegeben wird in den Haushalten, was an Geld da ist, von vielen Männern übrigens auch für Alkohol, und noch vor dem Monatsende ist man dann blank und muss sich verschulden. Wenn aber die Frauen systematisch – mit unserer Hilfe und Anleitung – einen Teil des Geldes auf ein Konto einzahlen, dann sichert das auch einen Teil ihrer Selbstbestimmung.
BZ: Stimmt es, dass an Südindiens Ostküste vor allem Frauen und Kinder Opfer des Tsunamis wurden?
Mary: Ja, das stimmt. Erstens waren viele Männer draußen auf See und haben von der Welle kaum etwas mitbekommen, erst später daheim im Hafen. Zweitens können viele Küstenbewohner tatsächlich nicht schwimmen. Vielen Frauen ist zudem der enge Sari (das traditionelle Wickelkleid, d. Red.) im Wasser zum Verhängnis geworden, sie hatten es schwer, der Flut zu entkommen. Deshalb propagieren wir seitdem "Schwimmen lernen" und haben vor fünf Jahren angefangen – auch das gab es früher nicht – Schwimmkurse für Frauen und Mädchen zu organisieren.
BZ: Das Unglück ist lange her. Möchte mancher nicht zu den alten Machtverhältnissen zurück?
Mary: Rückschläge wird es immer geben, aber die Tsunami-Hilfe war ein so großer Schub für die Gleichberechtigung, dass wir uns das durch nichts mehr nehmen lassen dürfen.

– Mary Peter Chinnammal (49) stammt aus einem Dorf in Tamil Nadu und arbeitet bei der "Chengalpattu Rural Development Society" (CRDS), der lokalen Caritas der Diözese Chengalpattu.

Autor: hup