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12. Juni 2012

Syrien

Spuren führen auch zu den Rebellen

Augenzeugen behaupten, die syrische Opposition sei für Massaker verantwortlich / Neutrale Untersuchung unwahrscheinlich.

  1. Der elfjährige Ali al-Sayed berichtete, die Angreifer seien Männer mit Bärten gewesen. Foto: DAPD

LIMASSOL/DAMASKUS. Zeugen des Massakers in der syrischen Ortschaft Hula, bei dem 108 Zivilisten getötet wurden, haben der Darstellung widersprochen, dass regierungsnahe Milizen dafür verantwortlich sind. Übereinstimmend berichteten sie, dass es sich bei den Opfern "nahezu ausschließlich um Familien der alawitischen und schiitischen Minderheit in Hula handelt, dessen Bevölkerung zu mehr als 90 Prozent Sunniten" sind. Dies berichteten sie unabhängig voneinander Reportern deutscher, holländischer, russischer und libanesischer Medien.

Die syrische Opposition hatte behauptet, gefürchtete Schabiha-Milizen seien "mordend von Haus zu Haus zogen". Der Nahost-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Rainer Hermann, berichtete dagegen am vergangenen Wochenende aus Damaskus: "So wurden mehrere Dutzend Mitglieder einer Familie abgeschlachtet, die in den vergangenen Jahren vom sunnitischen zum schiitischen Islam übergetreten sind." Der seit über 20 Jahren im Nahen Osten arbeitende Reporter beruft sich auf syrische Oppositionelle aus der Region von Homs, die den Einsatz von Gewalt ablehnen. Nach ihren Schilderungen "hätten die Täter ihre Opfer gefilmt, sie als sunnitische Opfer ausgegeben und die Videos im Internet verbreitet".

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Die russischen TV-Journalisten Marat Musin und Olga Kulygina erhärten die Darstellung in der FAZ. Nach ihren Recherchen zogen die Mörderbanden in Hula keinesfalls von Haus zu Haus, sondern gingen "zielgerichtet vor". Den Nachbarfamilien sei "kein Haar gekrümmt worden". Getötet wurden (zwei) "wohlhabende Familien, die für Verräter gehalten wurden, weil sie die Rebellen niemals durch Spenden unterstützten".

Die von der syrischen Opposition verbreitete Liste mit den Namen der Toten belegt, dass es sich bei den Opfern vor allem um die Großfamilien al-Sayed und Abdul Rasak handelt. Einer der Söhne der Sayeds, der 11-jährige Ali al-Sayed, überlebte das Massaker, weil es sich tot stellte und seine Kleidung mit dem Blut seiner ermordeten Mutter besudelte. In einem Bericht der Nachrichtenagentur AP beschreibt Ali die Angreifer als "kahl geschorene Männer mit langen Bärten"– eine Darstellung, die eher auf radikal-islamistische Rebellen als auf Assads Schabiha-Milizen zutrifft. Dass auch diese Banden zu allen Schandtaten fähig sind, steht außer Frage. Doch warum sollten sie ihre eigenen Leute, also Alawiten und Schiiten, umbringen, fragt auch der Guardian, nach dessen Recherchen die wenigen Überlebenden des Massakers von Hula mit "alawitischem Akzent" sprachen.

Auch die von dem holländischen Journalisten Martin Jansen befragte Leitung des südlich von Hula liegenden Klosters von Qara hegt Zweifel an der Schuld der Schabiha-Milizen. Die Ermordeten, heißt es in einer offiziellen Erklärung des Klosters, seien Opfer einer "endlosen Kette von Gewalt und Folter", der vor allem Menschen zum Opfer fallen würden, die sich weigerten, die Rebellen zu unterstützen. Die dem Vatikan nahestehende Nachrichtenagentur Fides macht in diesem Zusammenhang in einem am 30. Mai veröffentlichten Bericht darauf aufmerksam, dass unter den Opfern der Gewalteskalation in der Region von Homs auch Hunderte von Christen seien. Sie hätten nach dem Massaker von Hula die teilweise von Rebellen kontrollierte Region um Homs verlassen, weil sie befürchteten, als "Schutzbefohlene des Assad-Regimes vefolgt zu werden".

"Die Feinde Syriens haben Muslimbrüder rekrutiert, die die bisher friedlichen Beziehungen zwischen Muslimen und Christen untergraben sollen", zitiert Fides den französischen Bischof Philip Tournyol Clos, dessen Sicht der Lage natürlich einseitig ist. Gleiches trifft aber auch für die Verlautbarungen der syrischen Rebellen zu. Nur eine unabhängige Untersuchung könnte die wahren Schuldigen des Massakers bestimmen. Vermutlich ist es dafür aber schon zu spät. Denn viele der Spuren der jüngsten Gräueltaten in Syrien werden systematisch verwischt. In dem vorherrschenden Klima von Angst und Gewalt erscheint es unwahrscheinlich, dass die Wahrheit von Hula jemals ans Tageslicht kommen wird.

Autor: Michael Wrase