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08. September 2012

Südafrikas Bergbau-Industrie kämpft ums Überleben

Nach dem Minen-Massaker von Marikana streiken Tausende Arbeiter / Die Branche hatte schon zuvor Probleme.

  1. Minenarbeiter im Streik Foto: dpa

PRETORIA/JOHANNESBURG. Nach dem Minen-Massaker von Marikana bangen die Menschen am Kap der Guten Hoffnung um die Bergbau-Industrie. Aufgeschreckte Experten befürchten, der seit vier Wochen anhaltende Streik in der Platinmine des Lonmin-Konzerns, in dessen Verlauf bereits 44 Menschen getötet wurden, könnte die gesamte Minenbranche in seinen Strudel ziehen. Zigtausende von Arbeitern haben in zwei Goldminen des Landes zumindest vorübergehend ihre Werkzeuge niedergelegt. "Das könnte der Anfang eines Frühlings der Bergarbeiter sein", sagt Arbeitsrechtsexperte Tony Healy in Anspielung auf die Umwälzungen in der arabischen Welt. Jedenfalls stünden den südafrikanischen Bergbaukonzernen turbulente Zeiten bevor.

Bodenschätze sind die Lebensader der größten Ökonomie des Kontinents: Fast ein Fünftel seines Bruttosozialproduktes gewinnt das Land aus seinen Minen. Südafrika war lange Zeit der größte Goldproduzent der Welt, es verfügt über 80 Prozent aller Platinvorkommen. Trotzdem zeichneten sich bereits vor dem Massaker von Marikana dunkle Wolken am Horizont ab. Denn angesichts zunehmender Energie- und Lohnkosten wird die Ausbeutung der Mineralien immer teurer, die Kumpels müssen immer tiefer einfahren; im Fall von Gold teilweise über 4000 Meter tief. Zumindest im Goldsektor werden die steigenden Kosten von höheren Preisen aufgefangen. Gab etwa Gold Fields, der Welt viertgrößter Produzent des Edelmetalls, vor fünf Jahren noch gut 600 Dollar zur Gewinnung einer Unze aus, so waren es im vergangenen Jahr mit 1360 Dollar mehr als doppelt so viel, im gleichen Zeitraum schnellte allerdings auch der Wert des Edelmetalls von 660 auf 1570 Dollar in die Höhe. Im Platin-Sektor war das anders: Während der Wert des vor allem von der Autoindustrie verwendeten Metalls im Boomjahr 2007 einen historischen Höchststand erreichte, brachen die Preise wegen der Wirtschaftskrise ein.

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Schon bevor die Hauer in Lonmins Marikana-Mine in den Ausstand traten, um eine Verdoppelung ihres Lohns zu fordern, standen die Zeichen beim drittgrößten Platinproduzenten der Welt auf Sturm. Allein im Juni ging der Verkauf um sechs Prozent zurück, der Konzern sitzt auf fast 100 Millionen Euro Schulden. Würde die Firmenleitung den Forderungen der Kumpels nachkommen, kämen 30 Millionen Dollar an zusätzlichen Kosten auf den Konzern zu. Wenn der Streik noch weiter anhalte, müssten 40 000 Arbeitsplätze abgebaut werden, droht die Geschäftsleitung. Die streikenden Kumpels lassen sich davon nicht einschüchtern. Sie verweisen auf ihre mageren Monatslöhne, umgerechnet etwa 500 Euro. Bislang hatte die mit dem regierenden ANC verbündete Nationale Minengewerkschaft für sozialen Frieden gesorgt. Doch den Funktionären kommen seit geraumer Zeit ihre Klienten abhanden. In ihrer Kungelei mit den neuen Machthabern hätten die Arbeitnehmervertreter die Interessen des Proletariats verraten, schimpfen die Kumpels. Sie ließen sich von realitätsfernen Populisten aufwiegeln, schimpfen die Funktionäre zurück.

Im Zentrum des Streits steht die Frage nach dem fairen Lohn; und ob die Minenunternehmen genug getan haben, um nach der politischen Apartheid auch die wirtschaftliche zu überwinden. Für Minenministerin Susan Shubangu geht die Transformation nicht schnell genug: "Wie kann es sein, dass Minenarbeiter in Australien am Wochenende auf Kosten des Unternehmens nach Hause geflogen werden, während sie hier in trostlosen Hüttchen neben den Bergwerken sitzen."

Anders als die jüngeren Platinkonzerne pflegen die Betreiber der Goldminen ihren Angestellten Unterkünfte zu stellen; ein Grund, weshalb die Unzufriedenheit in diesem Sektor wesentlich geringer ausfällt. Ein von Abgaben zu einer Lebensversicherung ausgelöster Streik Tausender Goldminenarbeiter wurde diese Woche ohne Blutvergießen beigelegt.

Autor: Johannes Dieterich