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09. Juni 2012

Tabus und Turteltäubchen

Liebe in Palästina: Ein Blick hinter keusche Kulissen – zwischen arrangierten Ehen, freiem Sex und einzigartigen Problemen.

  1. Tariq Tamimi Foto: yaron

  2. Khalil al-Laham Foto: Yaron

  3. und seine Frau Zainab Foto: Yaron

Es ist wohl der letzte Ort, an dem man Romantik sucht: Kaum etwas in Palästina ist bedrückender als ein Flüchtlingslager im Winter. Bunt zusammengewürfelte Häuser drängen sich dicht an dicht, wobei bunt eigentlich das falsche Wort ist. Wenn dunkle Wolkenhimmel von Regen künden und kalter Wind über die Berge Judäas pfeift, präsentiert sich der rohe Beton nur in Schattierungen von Grau. Flüchtlinge haben kein Geld für farbigen Anstrich. Stattdessen prangt kämpferisches Graffiti von den Wänden: Hier lächelt die "Märtyrerin" Leila Khaled, Großmutter der modernen Flugzeugentführung, mit einer Kalaschnikow in Händen, dort flattern farbige Poster palästinensischer Häftlinge, die wegen Terrorverdachts in israelischen Gefängnissen sitzen. Willkommen in Daheische, ein Flüchtlingslager bei Bethlehem und seit gut 50 Jahren das Zuhause von Khalil Muhammad al-Laham.

"Herein!" ruft der 92 Jahre alte Flüchtling, wenn man an der unabgeschlossenen Haustür klopft. Einerlei, wer um Eintritt sucht: In der eiskalten Wohnung wird jeder herzlich willkommen geheißen. Khalil und seine 82 Jahre alte Frau Zainab kauern vor einem kleinen Elektroofen, der einzigen Wärmequelle im dreieinhalb Meter hohen Wohnzimmer mit der Temperatur einer Tiefkühltruhe. Trotz der Kälte im Raum ist auch nach 75 Jahren Ehe die Wärme zwischen den beiden noch immer spürbar. Fast kitschig verliebt lächelt Zainab ihren Khalil mit zahnlosem Mund an, wenn er einen Witz reißt. Er dankt es ihr mit anerkennenden Blicken.

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Sie sind Cousins ersten Grades, kennen sich von Kindesbeinen an. Ehen zwischen Verwandten waren in Palästina früher Usus, was zum Teil auch heute noch gilt: "Es gab in unserer Familie nicht viele Frauen. Deswegen beschloss unsere Sippe, ihnen das Heiraten außerhalb der Sippe zu verbieten, damit wir unser Land nicht abgeben müssen", erläutert Khalil. Sie waren schon früh einander bestimmt: "Zainab war sieben Jahre alt und ich 17, als wir uns verlobten. Sie war damals ziemlich hübsch", sagt Khalil.

Auch heute werden noch rund 60 Prozent der Ehen im Land weiterhin von Eltern arrangiert, schätzt Tariq Tamimi. Der 47 Jahre alte Journalist aus Hebron ist die palästinensische Ausgabe von Alec Baldwin: 1,80 Meter groß, blaue Augen, graumeliertes Haar und ein gewinnendes Lächeln. Tariq spricht aus eigener Erfahrung: "Als ich 27 Jahre alt war, interessierte mich nur meine Arbeit. Die erste Intifada hatte gerade begonnen, wir arbeiteten wie verrückt. Wer hatte da Zeit, an Liebe zu denken? Aber meine Mutter, Tanten und Schwestern bestanden darauf, dass ich eine Frau finden müsse. Also ließ ich sie für mich suchen", sagt er.

Nach wenigen Wochen war eine Braut gefunden: "Ich ging mit meinen Eltern gemeinsam ins Haus ihrer Eltern. Sie war sehr höflich", beschreibt Tariq seine Lebensgefährtin, und man spürt, dass er positiv klingen will. "Zwei Monate lang trafen wir uns jeden Tag. Dann beschlossen wir zu heiraten." Für Tariq war es normal, sich mit der Wahl seiner Eltern zufriedenzugeben. Khulud stammt wie er aus einer gutbürgerlichen, alteingesessenen Hebroner Familie, ist stolz auf ihren Ruf: "Ihr Vater ist Rechtsanwalt, ihre Mutter Lehrerin", betont Tariq stolz. "Es war eine ,soziale Ehe’". Es geht um die Beziehungen zwischen zwei Sippen, zwischen denen ein Vertrag abgeschlossen wird, nicht um Liebe.

Nun begann die zweite Phase: "Nach palästinensischem Brauch muss der Bräutigam seiner Braut Gold schenken, etwa 400 Gramm," sagt Tariq. Außerdem musste er Khulud eine neue Garderobe kaufen. Danach durften sie heiraten: "In der Hochzeitsnacht funktionierte alles wunderbar, obwohl wir fürchterlich aufgeregt waren." Beide seien sehr unerfahren gewesen: Sexuelle Aufklärung ist in den Schulen unbekannt, Eltern sprechen mit Kindern nicht über Sex: "Palästinensern fehlt generell der Zugang zu Sex", meint Tariq.

"Von wegen!", meint dazu Mahmoud (Name von der Redaktion geändert). Cool schnippt der Playboy die Asche von seiner Zigarette und lehnt sich im Stuhl zurück. Die tiefe Stimme des jungen Journalisten durchdringt den Lärm im "Jasmine", einer beliebten Wasserpfeifenbar in Ramallah. Mahmoud ist ein sprühender Geist Anfang dreißig, leicht übergewichtig, mit Stoppelbart und kurz geschnittenem Haar. "Man kann auch in Palästina außerehelichen Sex haben", sagt Mahmoud, und spricht aus Erfahrung. "Man muss alles vorher nur minutiös besprechen. Die Jungfräulichkeit darf auf keinen Fall verletzt werden, aber es gibt ja viele Alternativen." Liebschaften lerne man über gemeinsame Bekannte kennen: "Es muss geheim bleiben. Es würde der Frau schaden – kein Mann würde sie mehr heiraten wollen, ihre Familie würde sie, der Ehre willen, vielleicht sogar ermorden. Auch für Männer sind Liebeleien gefährlich", sagt Mahmoud.

Das Ende seiner Schürzenjäger-Laufbahn begann auf einer Party vor elf Jahren: "Ich sah sie und erkannte sofort: Sie war das schärfste Mädel vor Ort. Also wurde sie das Ziel, zumindest für den Abend", sagt Mahmoud. Fatima (Name von der Redaktion geändert) war damals 16, er 21: "Minderjährig? Den Begriff gibt es bei uns nicht", sagt Mahmoud. Er ging schnurstracks auf Fatima zu: "Du magst mich!", war sein erster Satz. "Nee, gar nicht", lautete ihre Antwort. "Ich glaube das solltest du dir nochmal überlegen." Der Grundstein war gelegt.

"Drei Monate später klingelte das Telefon", sagt Fatima, eine Freundin war am anderen Ende. Nachdem ihre Mutter ihr den Hörer überreichte, meldete sich plötzlich Mahmoud zu Wort: "Meine Mutter stand neben mir, und er sagte mir: Lass dir nicht anmerken, dass ich es bin. Das war ganz schön aufregend. Ich war glücklich und ängstlich zugleich", sagt die junge Versicherungskauffrau mit dem langen, pechschwarzen Haar und den funkelnden braunen Augen. "Man darf nicht einfach bei einer Frau anrufen", erläutert Mahmoud die indirekte Taktik. Der junge Journalist und die Schülerin trafen sich heimlich: "Solange man nicht verlobt ist, sind solche Treffen verboten. Wir waren sehr vorsichtig", sagt Mahmoud. Vier Jahre lang hielten sie eine einseitig offene Beziehung aufrecht, bevor Mahmoud "verstand, dass ich sie liebe."

Tariq, der gutaussehende Journalist, hingegen begriff sofort den Unterschied zwischen dem, was er für seine Frau empfand, und dem, was ihm 2002 jäh widerfuhr: "Ich hatte einen Fernsehsender, und Sahar bewarb sich um einen Job als Nachrichtensprecherin." Nach dem Gespräch bekam Tariq die junge Studentin mit dem schwarzen Haar und den hellblauen Augen nicht mehr aus dem Kopf: "Ich wollte vor der Wahrheit flüchten. Schließlich war ich bereits verheiratet, hatte eine Familie. Wenn es dabei geblieben wäre, hätte ich mich nie beschwert. Meine erste Frau ist völlig in Ordnung."

Eine Zweitfrau

- das gilt als primitiv

Doch eines Tages mussten Tariq und Sahar sich der Realität stellen: "Wir waren bis spät bei der Arbeit – ich fuhr sie nach Hause. Wir verstanden, dass wir nicht mehr getrennt voneinander leben können." Gemäß seiner Religion dürfte Tariq eigentlich vier Frauen heiraten. "Unter urbanen, gebildeten Palästinensern ist es aber schlecht angesehen, mehr als eine Frau zu ehelichen. Das gilt als primitiv", sagt Tariq. Sahar, eine liberale, gebildete Frau von Welt, konnte sich nur schwer vorstellen, "Zweitfrau" zu werden. "Aber es war die einzige Lösung für unsere Liebe", sagt Tariq, der sich mit Tagträumen nicht zufriedengab: "Alle Träume dieser Welt können sich doch nicht mit einer Nacht mit meiner Herzallerliebsten vergleichen." Tariq und Sahar heirateten heimlich, Khulud und Tariqs Familie erfuhren später erst davon: "Khulud war tief getroffen. Meine Mutter stand zu ihr. Ich kann beide gut verstehen. Schließlich habe ich ihr wehgetan", sagt Tariq, und blickt betreten zu Boden: "Es tut mir so leid, dass ich sie nicht lieben kann, obwohl ich sie sehr schätze."

In seinem Bekanntenkreis hat niemand zwei Ehefrauen. Khulud verließ das Haus. Drei Monate verbrachte sie bei ihren Eltern, dann kam sie zurück: Sie vermisste ihre Kinder, die nach islamischem Recht beim Vater geblieben waren. Um Khulud die Lage zu erleichtern, baute Tariq ein neues Haus, wo sie mit den Kindern einzog. Irgendwann glätteten sich die Wogen: "Sie ignorierte meine zweite Ehe einfach." Tariq schläft jede Nacht abwechselnd bei einer seiner zwei Frauen: "Das schreibt der Islam so vor." Nach drei Jahren lernten Tariqs Ehefrauen einander kennen. Mit beiden Frauen zeugte Tariq weitere Töchter. Die Tamimis, so sagt Tariq, sind heute eine glückliche Familie.

Der Playboy Mahmoud und seine Fatima haben noch keine Kinder: "Als ich verstand, dass ich Fatima liebe, begann die Zeit für ernsthafte Gesten: Ich stellte sie meinen Eltern vor", sagt Mahmoud. Auf Fatimas Seite wurden die Verwandten eingeschaltet. Da ihr Vater verstorben war, sprach Mahmoud bei ihrem Onkel vor. Fatimas Familie "war nicht glücklich über meine Wahl". Als Einwohnerin von Jerusalem besitzt sie eine israelische Identitätskarte. Das gewährt ihr volle Bewegungsfreiheit und Zugang zur israelischen Kranken- und Sozialversicherung. Mahmoud hat hingegen nur einen palästinensischen Ausweis. Sein Zugang nach Jerusalem ist beschränkt: "Ich darf nur drei Mal alle drei Monate für einen halben Tag in die Stadt." Die Familie wollte die Hochzeit verhindern, forderte 500 Gramm Gold im Wert von umgerechnet 23 000 Euro. Mahmoud kaufte Fatima Goldringe, Halsketten und Armbänder, kam "aber nie auf 500 Gramm, bin doch nicht Krösus", schnauft er.

Heute steht das junge Paar vor einem Problem, das ältere Generationen in Palästina nicht kannten. Fatima zog nach Kufr Akab zwischen Ramallah und Jerusalem, auf der anderen Seite der Trennmauer, um mit Mahmoud leben zu können. Er will keine Jerusalem-ID: "Ich bleibe lieber waschechter Palästinenser", sagt Mahmoud. So laufen sie Gefahr, dass die israelischen Behörden Fatima eines Tages ihre blaue ID und damit ihren Sonderstatus entziehen. Zum ersten Mal an diesem Abend hat sie ihr Lächeln verloren und ist todernst: "Wenn man jemanden liebt, ist man bereit, vieles für ihn zu opfern. Aber nie mehr nach Jerusalem zu gehen und meine Familie nie mehr zu sehen – das ist für mich zu viel verlangt." Palästinas Jugend kann heute zwar freier lieben als ihre Eltern, aber wirklich frei ist man hier nicht.

PALÄSTINA

Die palästinensischen Autonomiegebiete beinhalten den Gazastreifen und Teile des Westjordanlandes. Die großteils muslimischen Palästinenser streben einen eigenständigen Staat an und befinden sich seit Jahrzehnten in einem erbitterten Konflikt mit Israel um territoriale Ansprüche. Auch untereinander sind die Palästinenser gespalten: Im Gazastreifen herrscht die radikalislamische Hamas, die im von Israel besetzten Westjordanland liegenden Gebiete werden von der gemäßigteren Fatah-Regierung geführt. Die vier Millionen Palästinenser leiden unter der Situation, die Versorgung mit Lebensmitteln ist schlecht.  

Autor: phi

Autor: Gil Yaron