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04. Februar 2011

Nordamerika

USA bauen Mauer an der Grenze zu Mexiko aus

Kaum ein Thema polarisiert in den Vereinigten Staaten so sehr wie die illegale Einwanderung. Jetzt bauen die USA die Mauer an der Grenze zu Mexiko aus und verschärfen zudem die Kontrollen.

  1. Stahlplatten gegen Armutsflüchtlinge: Grenze bei San Diego Foto: DPA

"Wall of shame", Mauer der Schande, nennt Enrique Morones dieses Band aus rostbraunen Metallplatten, das sich schier endlos durch die karge Landschaft zieht. Im Vietnamkrieg nutzte die US-Armee solche Eisenplatten, um im Dschungel Landepisten anzulegen. Heute dienen die ausgemusterten Plattformen als Grenzzaun, der die USA von Mexiko trennt. "Jedes Jahr sterben an dieser Mauer mehr Menschen als insgesamt an der Berliner Mauer ums Leben kamen", sagt Enrique voller Bitterkeit.

Nach Jucumba, einem gottverlassenen Nest mitten in der südkalifornischen Wüste, sind Enrique und der 17-jährige Angel an diesem Nachmittag über staubige Schotterpisten gefahren, um vor Einbruch der Dunkelheit Wasserkanister in der ausgetrockneten Umgebung zu verteilen. Die beiden wissen aus Erfahrung: Wer es nach stundenlangem Marsch in der Nacht schafft, über den drei Meter hohen Zaun zu klettern, hat Durst. Angel, dessen Eltern einst selbst illegal über die Grenze kamen, und Enrique, der neben dem US-Pass auch die mexikanischen Staatsangehörigkeit hat, gehören zu den "Border Angels", den Grenz-Engeln, die sich für eine menschenwürdigere Einwanderungspolitik in den USA einsetzen.

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Milliarden von Dollar lassen es sich die USA kosten, ihre gut 3000 Kilometer lange Südgrenze zu Mexiko abzuriegeln. Neben den ausgemusterten Landeplatten, die in den 90er Jahren zunächst im Raum San Diego montiert wurden, ehe sie sich weiter Richtung Arizona fraßen, zerschneiden inzwischen nagelneue Hochsicherheitszäune die Landschaft. Strahler machen die Nacht zum Tage, Sensoren im Boden und Kameras registrieren alle Übertritte. Im küstennahen Hügelland zwischen Tijuana und San Diego werden vereinzelt Schluchten mit Abraum gefüllt, um Schleichwege unpassierbar zumachen.

Parallelen zur Berliner Mauer drängen sich angesichts dieser Szenerie unter Kaliforniens warmer Januarsonne auf. Schätzungsweise 400 Menschen verlieren jedes Jahr ihr Leben beim Versuch, illegal über die Grenze zu kommen. Hitze und Kälte setzen ihnen zu, Wassermangel und Erschöpfung schwächen zusätzlich, überall lauert die Gefahr von Schlangenbissen oder tödlichen Stürzen – der Weg durch die Wüste ist lebensgefährlich. An San Diegos Autobahnen warnen gelbe Schilder die Autofahrer vor flüchtenden Menschen ohne Gepäck, die plötzlich die Fahrbahn queren.

Zäune können den Einwanderungsdruck aus dem armen Süden letztlich kaum stoppen. In dieser Einschätzung sind sich Enrique und sein Gegenspieler Jerome Conlin von der Grenzpolizei San Diego einig. "Das ist kein Zaun, der Menschen abhält", sagt Conlin mit Blick auf die vielen Flickstellen im neuen Eisenwall, die von gelungenen Grenzdurchbrüchen zeugen. "Er macht uns nur die Arbeit ein Stück leichter."

"Sie können zwölf Millionen rausschmeißen. Aber wer
spült dann die Teller?"
Pete Navarro, Gärtnereibesitzer
Amerikas Südgrenze ist löchrig, trotz immer neuer technischer und personeller Aufrüstung. 2500 Beamte,1000 mehr als noch vor vier Jahren, bewachen inzwischen den knapp 100 Kilometer langen Grenzabschnitt von San Diego. Von den 1200 Nationalgardisten, die Präsident Barack Obama im vorigen Sommer an die Südgrenze beorderte, leisten knapp 300 ihren Dienst in Conlins Sektor. Seit auf einer Länge von 76 Kilometern Zäune stehen, ist die Zahl der illegalen Grenzübertritte hier allerdings deutlich zurückgegangen. Im vergangenen Jahr wurden noch 70 000 Menschen bei dem Versuch festgenommen, die Grenze zu überwinden. 2007 waren es noch doppelt so viele. 1992, als der Weg über die Grenze noch ein Spaziergang war, erwischte die Grenzpolizei allein rund um San Diego 565 000 Menschen. Geschätzt doppelt so viele gelangten damals unentdeckt ins Land. Heute haben sich die Fluchtrouten in schlechter bewachte und einsamere Gegenden verlagert, von Südkalifornien hinüber nach Arizona und nach Texas.

Weil es schwieriger geworden ist, einen Weg über die Grenze zu finden, kurbelt dies vor allem das Geschäft der Schlepper an. Bis zu 3000 Dollar verlangen die "cojotes" für den Weg durch die Wüste.

Von Zäunen und Grenzsperren lassen sich nur wenige abhalten, die Mexikos Misere entfliehen wollen. "Zeige mir eine 50 Fuß hohe Mauer, und ich zeige dir eine 51 Fuß lange Leiter", pflegte Janet Napolitano zu sagen, als sie noch Gouverneurin von Arizona war. Als Heimatschutzministerin ist die Demokratin inzwischen auch für die Grenzsicherung zuständig. "Wir haben die Grenze in einer Weise gesichert, die sich früher kaum jemand vorstellen konnte", lobte die Ministerin unlängst die Arbeit ihrer Behörde. Das sollte vor allem beruhigen. Denn kaum ein Thema polarisiert in Amerika mehr als die Einwanderungsfrage, zumal sich die Jobkrise im eigenen Land nicht abschwächt.

Die Stimmung wird zunehmend feindselig. Enrique spricht von Arizona als dem neuen Mississippi, wo Menschen mit braunem Teint "heute die neuen Schwarzen" seien. Arizonas Gouverneurin Jane Brewer, Napolitanos republikanische Nachfolgerin, nannte die Grenze "ein Schlachtfeld" und beklagte den "Terror, dem unsere Bürger Tag und Nacht ausgesetzt sind". Das grenzt schon an Hysterie und hat mit der Wirklichkeit wenig zu tun. Denn seit Amerikas Wirtschaft kränkelt, hat auch der Druck auf die Grenze nachgelassen. Es hat sich auch in Mexiko herumgesprochen, dass es nicht mehr so einfach ist, einen Job zu finden.

Juan etwa hatte seinen letzten Job vor drei Tagen, 40 Dollar für drei Stunden Rasen mähen. Es läuft mau auf dem Tagelöhnermarkt an einer der breiten Ausfallstraßen San Diegos, wo Mexikaner ihre Arbeitskraft anbieten. Gut drei Dutzend Männer stehen hier jeden Tag von früh bis nachmittags und hoffen auf einen Job, der ein paar Dollars einbringt. Dankbar sind sie für die Kekse und das Wasser, das Enrique und Angel ihnen anbieten.

Statt das Augenmerk auf die Grenzsicherheit zu richten, ist aus Enrique Morones Sicht die Frage viel entscheidender, wie Amerika mit seinen geschätzt zwölf Millionen Menschen ohne Papiere, die im Land leben, in Zukunft eigentlich umgehen soll. Seit der Amnestie von 1986 hat niemand in Washington die Blockade der politischen Lager in dieser Frage aufbrechen können. Obamas Versprechen bei seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation, Millionen Menschen "aus dem Schatten zu holen", wird wohl einmal mehr folgenlos bleiben.

"Zeige mir eine 50 Fuß
hohe Mauer, und ich zeige
dir eine 51 Fuß lange Leiter."
Janet Napolitano, Ex-Gouverneurin
Dabei gibt sich der Präsident alle Mühe, der aufgeheizten Stimmung Rechnung zu tragen. Mehr als 790 000 Menschen hat Obama in seinen beiden Amtsjahren abschieben lassen – weit mehr als sein Vorgänger George W. Bush. Dennoch blockieren die Republikaner jeden Ansatz zur Reform. Zwei konservative Senatoren aus Louisiana und Kentucky werben sogar offen dafür, im Land geborenen Kindern nicht mehr automatisch die US-Staatsbürgerschaft zu verleihen. Das zielt vom allem auf die Einwanderer aus dem Süden.

"Frustriert" ist darüber Ruben Barrales, Republikaner, US-Staatsbürger, Kind mexikanischer Eltern und Chef der Handelskammer von San Diego. "Die Einwanderung ist eine Erfolgsgeschichte", sagt er im Gegensatz zu seinen Parteifreunden in Washington. "Da werden Spielchen gespielt auf dem Rücken der Menschen", beklagt auch Pete Navarro, der in San Diego einen Gärtnerbetrieb mit 90 Beschäftigten führt, die allesamt Papiere haben. Ob sie echt sind? "Wie soll ich das wissen?" Für Tarife, die er seinen mexikanischen Gärtnern zahlt, würde kein Amerikaner arbeiten wollen, sagt Navarro. "Sie können zwölf Millionen rausschmeißen. Aber wer spült dann die Teller?"



Autor: Joachim Rogge