Zwischen Friedenssuche und neuen Spannungen

Adelheid Wölfl

Von Adelheid Wölfl

Mo, 10. September 2018

Ausland

Serbiens Präsident Aleksandar Vucic besucht serbische Enklaven in Kosovo / Er sieht keine schnelle Lösung des Konflikts mit der kosovarischen Regierung.

Der Chor singt auf der Bühne alte Volkslieder. Auf den Balkonen der Hochhäuser am Hauptplatz von Nord-Mitrovica haben sich am Sonntagmorgen Menschen versammelt. Trommeln künden das Kommen des serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic an. Überall in Nord-Mitrovica, das im Kosovo liegt, aber von Serben bewohnt wird, sind seine Fotos zu sehen, überall hängen serbische Flaggen.

Viele Busse sind aus den serbischen Enklaven im Süden des Kosovo angereist. Der 27-jährige Milos P. ist aber aus einem kleinen Dorf im Norden des Kosovo, wo er in der Gemeinde arbeitet. Dort stehen die Angestellten auf der Gehaltsliste der serbischen Regierung, die die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennt und sich deshalb für die serbisch-bewohnten Gebiete zuständig sieht. Die Angestellten mussten zu Vucics Rede kommen, aber als er zu sprechen beginnt, hören alle aufmerksam zu. Milos P. möchte wissen, wie er sein Leben gestalten soll. "Ich arbeite jetzt im serbischen System, aber ich weiß nicht, ob der Job sicher ist. Viele hier haben sich auch ins kosovarische System integriert und manche werden von beiden bezahlt, von Belgrad und Pristina", erzählt er.

Die Serben im Nord-Kosovo sind in einer schwierigen Situation. Sie leben quasi in zwei Staaten, zur kosovo-albanischen Regierung in Pristina haben sie wenig Vertrauen. Das Misstrauen bestätigt sich auch jetzt wieder. Die Medien zeigen Bilder von nationalistischen Kosovaren, die Blockaden errichten, um zu verhindern, dass Vucic ein serbisches Dorf im Süden besucht. Er muss umkehren.

In seiner Rede in Nord-Mitrovica schließt der Staatschef Grenzänderungen aus. Um den Konflikt zwischen Serbien und Kosovo zu lösen, kursierte der Vorschlag, dass von Serben bewohnte Gebiete im Kosovo an Serbien und von Albanern bewohnte Gebiete in Serbien an Kosovo fallen sollen. Diese Idee, die Vucic und der kosovarische Präsident Hashim Thaci unterstützten, war aber in manchen europäischen Ländern auf Kritik gestoßen. Man fürchtet, dass Grenzverschiebungen neue Konflikte auf dem Balkan auslösen könnten. Vucic sagte nun, er wolle die Rechte der Serben im Kosovo verbessern. Dazu gehöre das "Recht auf Leben, Freiheit, Arbeit, Ausbildung". Dafür brauche man einen Kompromiss mit "den Albanern".

Da Serbien den Kosovo nie anerkannte, wird der Streit mit der Regierung in Pristina als Konflikt zwischen Volksgruppen gesehen, für die kosovarische Regierung geht es hingegen um die Anerkennung der Staatlichkeit. Vucic gab zu verstehen, dass man von einer Einigung mit der kosovarischen Regierung weit entfernt sei. Es sei eine "glatte Lüge", dass man bis Jahresende die Unabhängigkeit des Kosovo anerkennen würde. Er bete dafür, dass es in den kommenden zehn bis 20 Jahren eine Lösung geben werde. "Meine Absicht ist, dass Serbien zum ersten Mal – in ich weiß nicht wie vielen Jahren – ohne Blut, ohne Tod, ohne Horror und Gräber, aber mit Arbeit, Wissen und mit Kindern gewinnt." Die Idee sei, den Frieden zu erhalten und zu versuchen, Vertrauensbeziehungen zu Albanern aufzubauen. Alles andere führe in den Abgrund und in die Katastrophe. Er erteilte damit allen nationalistischen Ambitionen eine Absage. Vucic erinnerte auch daran, dass Serbien 1999 im Kosovo-Krieg gegen die Nato kämpfte und verlor. Und dass die Unabhängigkeit Kosovos von 100 Staaten anerkannt worden sei – tatsächlich sind es aber 117. Serbien sei nun auf den Weg nach Europa, ein Nato-Beitritt komme aber nicht infrage. "Wir müssen zusammenleben, der eine neben dem anderen", forderte er mit Blick auf Serben und Albaner.