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02. September 2011

Großflughafen Berlin-Schönefeld

Ärger im Anflug

Der neue Großflughafen Berlin-Schönefeld braucht Platz – auch in der Luft. Nun fürchten die Anwohner des Naherholungsgebiets Müggelsee um ihre Ruhe.

  1. Demonstration gegen Flugrouten Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

  2. Flughafen Schönefeld Foto: Verwendung weltweit, usage worldwide

Joachim Schmidt hat den Schrecken der Friedrichshagener schon einmal herangekarrt. Aus seinem Transporter dröhnt und pfeift es über den ganzen Marktplatz. Auf der Ladefläche hat der 60-Jährige bis an die Decke Boxen und Basslautsprecher gestapelt, die beiden Hecktüren stehen offen. Schmidt dreht an einem Regler, bis der Lärm die Kleidung am Körper vibrieren lässt. "Das ist original Schönefeld, das habe ich aufgenommen", prahlt er und grinst. Normalerweise kommt aus seinen Boxen Musik für feierliche Anlässe, heute Abend hat DJ-Jojo Fluglärm aufgelegt. Die Menschen im Berliner Stadtteil Friedrichshagen im Bezirk Treptow-Köpenick sollen hören und fühlen, was ihnen bald rund um die Uhr bevorstehen könnte. "Der Mensch ist wie der Affe, wenn es juckt, dann kratzt er sich", sagt Schmidt. Er will mit seiner Vorführung auch die Letzten wachrütteln, um das Unheil vielleicht doch noch abzuwenden.

Es ist die siebte Montagsdemonstration der Friedrichshagener gegen eine Flugroute genau über ihren Köpfen. Fast 5000 Menschen sind an diesem Abend auf den Marktplatz gekommen, viele Rentner, viele Familien mit Kindern. Der Stadtteil im Berliner Südosten liegt direkt am Müggelsee, einem der beliebtesten Naherholungsgebiete der Stadt.

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Bis zum Flughafen Schönefeld sind es von Friedrichshagen nur 15 Kilometer. Doch bisher machten die Flieger um den Stadtteil und den Müggelsee meist einen Bogen. Das soll bald anders sein. Bei Ostwind soll dann alle sieben Minuten ein Flugzeug über das Naherholungsgebiet hinweg donnern. Das sieht das Flugroutenkonzept für den neuen Hauptstadtflughafen so vor.

Wenn nach dem Flughafen Tempelhof im Jahr 2008 im nächsten Sommer auch der Flughafen Tegel dichtmacht, eröffnet einen Steinwurf vom jetzigen Flughafen Schönefeld der neue Airport Berlin Brandenburg – der künftig einzige Flughafen Berlins. Die Planungen dazu laufen seit 1998. In Friedrichshagen haben die meisten aber erst vor ein paar Wochen erfahren, dass bald Flugzeuge über ihre Köpfe hinweg starten sollen. Von den Flughafenplanern hieß es immer, die Maschinen würden nach dem Start erst einmal weiter geradeaus an ihnen vorbei fliegen.

Weil es dann aber in der Luft zu eng würde, ließe sich auf diese Weise nicht "die gewünschte hohe Frequenz an Flugzeugen erreichen", erklärt Axel Raab von der Deutschen Flugsicherung (DFS). Mit 360 000 Starts und Landungen pro Jahr rechnet der Flughafenbetreiber. Die sind aber nur zu erreichen, wenn die Maschinen nach ihrem Start schnell abdrehen, zum Beispiel nach Norden über den Müggelsee. "Schlimm ist, dass man den Menschen das nicht schon lange offen gesagt hat", kritisiert der Flugroutenexperte.

Auf dem Marktplatz hat der berühmteste Friedrichshagener die Bühne betreten. Regisseur Leander Haußmann, der Filme wie "Sonnenallee" oder "Herr Lehmann" gedreht hat, ist hier aufgewachsen. Er trägt helle Jeans, abgelatschte Wildlederschuhe und einen Totenkopfring an der linken Hand. Haußmann gehört zu den Stammgästen am Mikrofon und nimmt kein Blatt vor den Mund. Eine Woche ist es her, da hat er gerufen: "Wowereit, lass die spitzmündigen Feiern, deine Partys und das Fashionzeugs. Hebe deinen Arsch hierher und übe deinen Beruf aus, sei ein Meister der Bürger!"

Bei den Friedrichshagenern kam das gut an. Seit Wochen fordern sie, ihr Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) solle nach Friedrichshagen kommen und den Menschen die unsägliche Flugroute erklären. Schließlich ist der Sozialdemokrat nicht nur Oberhaupt Berlins, sondern zugleich Aufsichtsratschef des neuen Flughafens. Aber Wowereit kommt nicht. Er weiß, dass er hier nur ausgepfiffen würde.

Wenigstens hat Wowereit eine kleine Delegation der Bürgerinitiative vor ein paar Tagen bei sich im Roten Rathaus empfangen. Für die Gäste gab es nichts zu gewinnen, wohl auch, weil sie mit dem Aufsichtsratschef des Flughafens sprachen. Wowereit ist gegen das geforderte Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr, gleichzeitig will er den neuen Flughafen zu einem internationalen Drehkreuz ausbauen lassen – ein Vorhaben, für das der Standort Schönefeld laut Planfeststellungsbeschluss gar nicht geeignet ist. Ein solches Drehkreuz hätte in Sperenberg, 43 Kilometer von Berlin entfernt, entstehen können. Dem damaligen CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen gefiel die kleinere, stadtnahe Lösung aber besser.

Sein Nachfolger Wowereit versucht nun, das Maximum für seine Weltstadt herauszuholen. Die Haltung zur Flugroute über den Müggelsee lautet: "Sie ist ein Kompromiss." Das sagt Senatssprecher Richard Meng. Irgendjemand sei schließlich immer betroffen. Auf viele Stimmen aus Friedrichshagen braucht Wowereit bei der Berliner Wahl Mitte September wohl nicht zu hoffen.

Was die Demonstranten dort besonders erzürnt: Als vergangenen Herbst bekannt wurde, dass auch der Berliner Wannsee von den neuen Flugrouten betroffen sein würde, meldeten sich sogleich Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zu Wort. Unter keinen Umständen dürfe der Wannsee dem Fluglärm zum Opfer fallen. Es gelte den Vertrauensschutz zu wahren, schließlich sei der Wannsee in den Planungen des neuen Flughafens nie als Überfluggebiet eingeplant gewesen. In der Villenkolonie am Seeufer lassen sich gerne die nieder, die etwas darstellen und eine Lobby haben. Am Müggelsee warten sie auf den Aufschrei der Politiker bisher vergeblich.

Leander Haußmann ist von der Bühne geklettert. Das Ost-West-Thema helfe in der Diskussion nicht, betont er. Zwar gebe es hier im Osten Berlins viele Menschen, die das Gefühl hätten, sie zählten mal wieder nichts. "Aber hinterher heißt es wieder, die beleidigten Ossis jammern ja immer." Es ginge vielmehr darum, dass der Vertrauensschutz auch am Müggelsee gelten muss. Viele von hier, die sich in der Planungsbehörde frühzeitig über die Flugrouten informieren wollten, seien weggeschickt worden mit dem Verweis, sie seien nicht betroffen. Das Gerede über die bevorteilten reichen Wessis kann Marela Bone-Winkel nur noch schwer ertragen.

Die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin wohnt mit ihrer Familie in einem Haus nicht weit vom Wannsee. "Hier sitzt nicht die Latte-Macchiato-Fraktion, die Angst hat, dass Flugzeuge über ihre Yachten fliegen", stellt sie klar. Am Wannsee hätten sie sich lediglich früher gegen die Flugrouten gewehrt, weil die Wannseeroute eher bekannt wurde als die Müggelseeroute. 85 Prozent der drohenden Überflüge konnten Bone-Winkel und ihre Mitstreiter so verhindern.

Manchen am Müggelsee mag dieser Teilerfolg wie eine Bevorzugung der Westberliner vorkommen. Doch mit 55 Überflügen am Tag bei Westwind wird es auch am Wannsee nicht still bleiben. Über das geforderte Nachtflugverbot wird schließlich im September das Bundesverwaltungsgericht entscheiden.

Auf dem Friedrichshagener Marktplatz hat Joachim Schmidt seine rollende Fluglärmdisco dichtgemacht. Er ist zufrieden mit dem Ergebnis seiner Beschallung. Irgendwann während der Demonstration sei eine Frau zu ihm gekommen und habe ihn gebeten, den Lärm doch bitte abzuschalten. "Das habe ich gerne gemacht", sagt Schmidt. So leicht werden es die Friedrichshagener mit dem echten Fluglärm nicht haben.

Autor: Arne Bensiek