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14. Dezember 2010

"Beschämend für ein reiches Land"

Der Streit um eine angemessene Entschädigung geht weiter: Opfervertreter empfinden die Vorschläge des Runden Tisches als Farce.

  1. Tschapek-Güntner Foto: dpa

Schrille Töne sind unter dem Dach der Bundespressekonferenz selten zu hören. Die meisten, die dort zu Wort kommen, tragen ihre Anliegen sachlich, bisweilen sarkastisch, aber im Regelfall nicht mit bebender Stimme vor, schon gar nicht schreiend. An diesem Montag ist manches anders. Monika Tschapek-Güntner redet sich in Rage, wenn sie auf die Ergebnisse des Runden Tisches zu sprechen kommt. 17 Jahre hat sie in einem Heim verbracht. Nun ist sie Vorsitzende des Vereins ehemaliger Heimkinder.

Was ihresgleichen als Ausgleich für erlittenes Unrecht angeboten werde, sei "beschämend für ein reiches Land wie Deutschland", sagt die 54-Jährige. Sie empfinde die Vorschläge als weitere Demütigung. Dass ausgerechnet die Bundesrepublik nicht in der Lage sei, Heimerziehungsopfer so zu entschädigen, wie das andere Länder schon getan hätten, könne man nur als Propagandalüge bezeichnen. In Österreich, Norwegen, Kanada und Irland erhalten Leute wie sie bis zu 75 000 Euro an pauschalem Schadensersatz pro Kopf. In Deutschland werden es nach ihrer Berechnung allenfalls 2000 bis 4000 Euro sein. Antje Vollmer, die Moderatorin des Runden Tisches, beziffert die durchschnittliche Hilfe auf 4000 bis 5000 Euro. Der Verein hatte 300 Euro monatliche Rente oder eine pauschale Entschädigung von 54 000 Euro gefordert.

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Hans-Siegfried Wiegand, der für die Opfer mit am Tisch saß, meint: "Wir haben nicht alles, aber wir haben viel erreicht." Sein Schicksalsgenosse Jürgen Beverförden, der Wiegand am Runden Tisch vertrat, beklagt sich über das "merkwürdige Demokratiegehabe", das dort geherrscht habe. Die Opfervertreter seien längerem Druck ausgesetzt gewesen. Er sei aber ein Erfolg, dass die beiden Fonds nominell nicht gedeckelt seien und die Opfer sexuellen Missbrauchs separat entschädigt werden sollen.

Die SPD-Politikerin Ingrid Mattäus-Maier, die eine "Gegenpressekonferenz" der Opfervertreter moderiert, bekundet ihr Befremden darüber, dass die Opfer ohne juristischen Beistand am Runden Tisch erscheinen mussten. Sie zeigt sich auch verwundert über den "krampfhaften Versuch", das Wort Zwangsarbeit zu vermeiden im Zusammenhang mit den Arbeitseinsätzen, die Heimkindern abverlangt worden seien.

Das Echo auf die Empfehlungen des Runden Tisches ist nicht generell so kritisch. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) spricht von einer angemessenen Reaktion auf individuelles Unrecht. Die vorgeschlagenen Hilfsfonds seien eine "Form der materiellen Anerkennung, die wir auch der heutigen Generation, die naturgemäß an früherem Unrecht nicht beteiligt war, vermitteln können". Zugleich räumt die Ministerin ein, sie verstehe und respektiere, dass die Erwartungen der Betroffenen größer gewesen seien. Die beiden großen Kirchen begrüßen die Ergebnisse, bekräftigen ihre Zahlungsbereitschaft und bedauern das Unrecht.

Der Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche, Nikolaus Schneider, und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, fordern am Montag eine rasche Umsetzung der Empfehlungen. Schneider sagt, die Arbeit am Runden Tisch habe den Blick auf ein erschreckendes Kapitel der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gerichtet. Es sei bedrückend und beschämend, dass auch in kirchlichen Heimen in erheblichem Maße gegen die Maßstäbe des Evangeliums gehandelt worden sei. Zollitsch bedauert, dass in den 50er und 60er Jahren junge Menschen in Heimen der katholischen Kirche Unrecht erfahren hätten: "Ich bitte die Betroffenen von Herzen für diese traurigen Ereignisse um Verzeihung."

BUCHTIPP

Peter Wensierski:
Schläge im Namen des Herrn.


Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik.

Goldmann, München 2007. 253 Seiten, 8,95 Euro. Gebunden DVA, 19,95 Euro.  

Autor: bz

Autor: Armin Käfer