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05. Mai 2011
Bayern
Bürgerentscheid zu den Winterspielen in Garmisch
Manche Menschen in Garmisch lehnen Winterspiele im Ort ab. Nun soll ein Bürgerentscheid zeigen, ob sie in der Mehrheit sind.
Ruhig liegt die Kandahar-Abfahrt am Berg. Es ist nichts los an diesem sonnigen Tag Anfang Mai am Ortsrand von Garmisch-Partenkirchen, wenn man von den Vögeln absieht, die links und rechts der Weltmeisterschafts-Skipiste im Wald fröhlich zwitschern. Förster Axel Doering kennt hier jeden Baumstumpf, seit 40 Jahren ist hier sein Revier. "Hier im Wald kommen Körper und Seele zusammen", sagt der 64-Jährige, selbst für den, der im Wald arbeitet. Gerade bereitet Doering neue Pflanzungen vor, über Mittag setzt er sich gerne an den nahen Riessersee. "Ich möchte einen guten, artenreichen Wald weitergeben" – das ist sein Wunsch.
Doch dieses Projekt ist in Gefahr, fürchtet der Förster. Seiner Meinung nach droht sogar dem ganzen Ort Garmisch-Partenkirchen mit seinen 25 000 Einwohnern Übel – durch die Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2018. Garmisch ist ein Teil der von München angeführten Bewerbung. Hier sollen Skirennen und -springen stattfinden, am Königssee das Rodeln und in der Landeshauptstadt die Eiswettbewerbe.
Seit dem vergangenen Jahr ist Axel Doering zum Experten geworden: Er hat sich durchgewühlt durch die Olympia-Pläne und -Verträge, kennt sich aus mit den Entwürfen für die neuen Sportstätten, weiß Einiges über die Kosten und kann auf der Landkarte mit dem Finger versprochene Umgehungsstraßen und Tunnel entlangfahren. Eine wichtige Vorentscheidung, ob seine Albträume wahr werden, fällt diesen Sonntag, wenn die Bewohner von Garmisch-Partenkirchen in einem Bürgerentscheid darüber abstimmen, ob sie Olympia 2018 haben wollen oder nicht.
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Doering ist der Kopf der Gegner vom Bündnis "Nolympia". Zur Halbglatze trägt er Holzfällerhemd und Cordhose. In Garmisch-Partenkirchen ist er eine bekannte Person: Vorsitzender des Bund Naturschutz, lange Jahre für die SPD im Gemeinderat, bei der Bürgermeisterwahl 1990 erzielte er beachtliche 36 Prozent. Keiner wagt eine Prognose, wie die Abstimmung ausgeht. Erhalten die Gegner mehr als 35 Prozent der Stimmen, so wird von Befürwortern unter der Hand gesagt, dann würde das Internationale Olympische Komitee (IOC), das in Lausanne unter den drei Bewerbern den zukünftigen Wettkampfort aussucht, dies als deutliches Misstrauensvotum werten. Die Chancen der Bewerbung wären geschrumpft, bei einer mehrheitlichen Ablehnung gar wären sie vernichtet.
Einig sind sich Gegner und Befürworter aber in einem: Es herrscht Streit unter den 25 000 Garmisch-Partenkirchenern, und der tut keiner Seite gut. "Wie ein Messer geht das selbst durch die Familien", erzählt Thomas Goetze. Er ist 71 Jahre alt, CSU-Mann und vom Befürworter zum Gegner geworden. Seine Gemeinderatsfraktion ist mit vier zu drei Stimmen gespalten, die SPD mit zwei zu zwei, manche Hoteliers sind für die Spiele, andere lehnen sie ab. "Der Wintertourismus verliert an Bedeutung", sagt er, "warum sollen wir weiter darein investieren?"
Im Skistadion sitzt Heinz Mohr an seinem Schreibtisch und scheint seine Garmischer wegen der massiven Olympia-Kritik nicht mehr zu verstehen. Heinz Mohr, 63 Jahre alt, war ein bedeutender Mann im Skisport: Als Trainer des deutschen Skiverbands führte er einst Rosi Mittermaier zu ihren Erfolgen. Jetzt leitet er den Olympiastützpunkt Garmisch-Partenkirchen und steht der Gruppe vor, die sich für die Spiele einsetzt und sich "OlympiJA" nennt. Er fühle eine klare Mehrheit, sagt Mohr, und sehe nur eine kleine, lautstarke Gruppe der Gegner. Nun komme es darauf an, auch die Befürworter für den Sonntag zu mobilisieren – "denn die anderen gehen alle zur Wahl". Vom Skistadion blickt man direkt auf die Große Olympiaschanze, 149 Meter ist sie hoch. Schon 1936 war sie in Betrieb, bei den letzten Olympischen Winterspielen in Garmisch-Partenkirchen, das war unter den Nazis. Noch ist sie jedes Jahr Standort bei der Vierschanzentournee.
"Das Skistadion ist marode", klagt Mohr. Objektiv steht zumindest fest: Die wenigen Räume seines Stützpunktes sind die einzigen renovierten. Ansonsten bröckelt vieles, die Fassade der Anlage hat sich verfärbt, die Metalltore gehören erneuert. "Olympia ist unsere Jahrhundertchance", erklärt Mohr. Er nickt zustimmend, wenn man sagt, der Ort mache einen verschnarchten Eindruck. Die Gästehäuser heißen "Edelweiß", "Clementine" und "Herta". Die Urlauber sind betagt und tragen am liebsten beige Windjacken. Die Anfahrt mit dem Auto von München sei eine Katastrophe, und in den Rankings bayerischer Kommunen stehe Garmisch am unteren Ende, klagt er. Der Ort ist nicht attraktiv, Touristen bleiben aus, die wirtschaftliche Entwicklung stagniert, die Schulden steigen. "Es geht rapide abwärts", so Mohrs Furcht.
Olympia soll die Wende bringen, den dringend benötigten Schub. Mohr gibt zu, dass in der Vergangenheit Fehler bei der Bewerbung gemacht wurden. Die Zuständigen hätten unsensible Äußerungen gemacht, "ein bisschen von oben herab". Etwa Bekleidungsunternehmer Willi Bogner, einst Chef der Olympia-Bewerbungsgesellschaft, der meinte, die Bauern sollten ihre hochsubventionierten Wiesen für diese nationale Aufgabe hergeben. Oder Münchens SPD-Oberbürgermeister Christian Ude und sein Garmischer Kollege Thomas Schmid. Den wollte sogar die CSU nicht mehr wegen seines herrschaftlich-harschen Verhaltens, so dass er sein eigenes Christlich Soziales Bündnis (CSB) gründete.
Olympia-Aktivist Heinz Mohr kann auch nicht verstehen, dass unablässig vor einem finanziellen Desaster gewarnt wird. "Für die Erneuerung der Sportstätten bekommen wir zwei Drittel Zuschüsse. Die finanziellen Risiken sind per Gesetz von Bund, Bayern und der Stadt München abgesichert – und nicht von Garmisch." Die Pläne der einst angekündigten riesigen Parkplätze im Ort seien längst vom Tisch. Und er kann auch nur den Kopf schütteln, wenn der Förster Axel Doering sagt, dass die gerade frisch aufgeputzte Paradeskistrecke, die Kandahar-Abfahrt, auf Kosten der Natur bis 2018 wieder erneuert werden müsse. "Nach meinen Ideen wurde die Abfahrt 2008 umgebaut", so Mohr. Und sie halte 25 Jahre, alles andere sei Schwachsinn.
Unweit der Kandahar-Abfahrt liegt der Hausberg. Dort soll die olympische Halfpipe entstehen, auch auf oder ganz in der Nähe des Hofes und der Wiesen von Agnes und Theo Geyer. Doch das Ehepaar will seinen Grund nicht hergeben. 1941 wurde die Familie von den Nazis zwangsenteignet, um die Olympia-Sportanlagen zu erweitern. Mit Journalisten möchten die beiden nicht reden, aber Förster Doering kennt sie ganz gut. "Die Schneekanonen sind schon jetzt direkt bei ihrem Hof", sagt er. "Das macht einen Höllenlärm. Und durch die Feuchtigkeit entsteht Nebel – wenn überall die Sonne scheint, sieht man dort fast nichts mehr." Die Menschen litten ebenso wie die Kühe im Stall, die dadurch erkrankten.
Axel Doering ist sich sicher: Von Olympia profitieren würde hingegen nur das IOC, ein privater Verein mit 119 erlauchten Mitgliedern, der 1,4 Milliarden Euro auf der hohen Kante habe. Die Verträge seien immer nach dem gleichen Muster abgefasst: Die Risiken lägen beim Austragungsort, den Gewinn streiche das IOC ein. "Es geht um Geschäft, Geschäft, Geschäft – und ein bisserl um Sport."
Autor: Patrick Guyton


