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22. Januar 2010
Das Ende von Sturm und Drang
Attac Deutschland feiert sein zehnjähriges Bestehen / Manche der Globalisierungskritiker fordern, das Netzwerk neu zu erfinden
FREIBURG. Der einprägsame Name steht wie kein anderer für Kritik an der Globalisierung und am Kapitalismus: Attac. Vor Jahren noch wurden die Forderungen des Netzwerks von vielen belächelt. Naiv und ökonomisch unausgegoren seien sie. Dann kam die Finanzkrise – und Attac-Slogans sind Mainstream. Heute feiert die deutsche Sektion des Netzwerks seinen zehnten Geburtstag.
Sven Giegold erinnert sich noch gut an das Gründungstreffen am 22. Januar 2000 in Frankfurt. "Um die 100 Leute waren da und diskutierten engagiert und kontrovers miteinander", sagt der Mitbegründer von Attac, der inzwischen für die Grünen im Europaparlament sitzt. Keiner habe damals geahnt, welches Potenzial das Netzwerk einmal haben würde.Inzwischen zählt Attac (Slogan: "Globalisierung ist kein Schicksal – eine andere Welt ist möglich" ) 22 400 Mitglieder. Die Bewegung ist ein Bündnis von 240 Mitgliedsorganisationen, 200 Ortsgruppen und vielen Einzelpersonen. Die Mitgliederliste ist bunt: Linken-Chef Oskar Lafontaine steht darauf wie auch Ärzte-Sänger Bela B., Roger Willemsen oder Günther Grass. Mit von der Partie sind die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, der BUND, Verdi und Pax Christi. Attac-Mitglied Heiner Geißler, einst CDU-Generalsekretär, soll gesagt haben: "Wenn Jesus heute leben würde, wäre er natürlich bei Attac."
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Der Bekanntheitsgrad von Attac macht manchmal glauben, dass die Bewegung riesig ist. Der Haushalt von Attac Deutschland betrug im vergangenen Jahr 1,3 Millionen Euro – Greenpeace arbeitet mit der 30-fachen Summe. Den letzten deutlichen Anstieg der Mitgliedszahlen gab es nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Oktober 2008. "Wir sind diejenigen, die Jahre zuvor vor der Finanzkrise gewarnt und Recht behalten haben – die Leute merken sich das", sagt Sprecherin Frauke Distelrath selbstbewusst.
Ursprünglich wurde Attac bereits 1998 in Frankreich gegründet. Ein wütender Text des Journalisten Ignacio Ramonet in der französischen Zeitung Le Monde diplomatique wurde zum Gründungsmanifest. Sein Titel: "Entwaffnet die Märkte!" Ramonet attackierte die Dominanz der Finanzmärkte und den unbeschränkten Kapitalfluss. Er bezeichnete dies als Gefahr für die Demokratie. Tausende von Leserbriefen quollen in die Redaktion. Wenige Monate später wurde Attac geboren. Während sich in Frankreich zeitweise viele Mitglieder wegen interner Streitereien von dem Netzwerk abwendeten, hatte die deutsche Sektion nie einen Mitgliederrückgang.
Dass aus Attac etwas werden kann, war erkennbar nach dem G-8-Gipfel in Genua 2001. Attac reihte sich ein in die internationalen Demonstrationen, die da forderten: Schuldenerlass für die Entwicklungsländer, Regulierung der Finanzmärkte, Umbau der Welthandelsordnung. Nachdem ein junger Italiener von einer Polizeikugel getroffen wurde und starb, schaute die Öffentlichkeit genauer hin. Und die Globalisierungskritiker waren plötzlich gefragt für Interviews und Talk-Shows.
Von Beginn an setzte sich das Netzwerk wie in Frankreich für die sogenannte Tobin-Steuer ein. Diese Steuer auf Geschäfte am Devisenmarkt – benannt nach dem amerikanischen Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin – soll kurzfristige Transaktionen am Devisenmarkt gering besteuern und damit Spekulanten abschrecken. Später stürzte sich Attac auch auf andere Themen: Irakkrieg, Hartz IV, Studiengebühren, Lidl, Bahnprivatisierung, Gesundheitsreform, Steuer gegen Armut. Beim G-8-Gipfel in Heiligendamm 2007 schafft es das Netzwerk oft, seine Positionen in die Tagesschau zu bringen.
Trotz dieses Erfolgs schauen die Attacies, wie sich die Mitglieder selbst manchmal nennen, sorgenvoll in die Zukunft. Denn viele der Forderungen werden inzwischen auch von den Parteien und anderen Gruppierungen erhoben. "Die Sturm-und-Drang-Phase von Attac ist vorbei, längst ist Attac in den Mühen der Ebene angekommen", sagt Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Der Soziologe, selbst Attac-Mitglied, spricht von einer Phase der Normalität. Dieser müsse Attac sich stellen – "mit einer Konzentration der Kräfte auf die Kernkompetenzen Weltwirtschaftsordnung, Finanzströme und Handelsbedingungen".
Heute fordern außer der FDP alle Parteien im Bundestag eine Finanztransaktionssteuer und manch einer fragt: Wozu braucht es noch Attac? "Wir müssen weiterhin Druck machen gerade bei der Frage: Wer bezahlt eigentlich die Kosten der Krise?", sagt Gründungsmitglied Sven Giegold, der den "Casino-Kapitalismus" agieren sieht wie eh und je. Er hält allerdings eine Neufindung des Projekts Attac für nötig – gerade weil sehr viele Themen und Thesen von anderen übernommen werden. Diese Debatte müsse das Netzwerk führen. Und das kann lange dauern. Giegold: "Wohin die Reise geht, ist bei Attac schon immer basisdemokratisch entschieden worden."
Autor: Michael Neubauer
