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15. Mai 2010 12:53 Uhr

Die Speisung der 20 000

Wie es beim Kirchentag die Orthodoxen elegant schafften, den Abendmahlstreit von Katholiken und Protestanten vergessen zu machen.

  1. Einig’ Vesper: Protestant Nagel und Katholik Glück (r.) brechen das Brot. Foto: ddp

Dreihunderttausend Besucher an einem Abend, das ist auch für diese Großstadt keine Kleinigkeit. Für jede U-Bahn-Tür haben die Münchner Verkehrsbetriebe einen Ordner abgestellt, die Innenstadt ist gesperrt. "Wegen den Kirschtagen", klärt ein freundlicher Sachse auf. Über Desinteresse können sich die Organisatoren des Zweiten Ökumenischen Kirchentags nicht beklagen. Und die Meisten hier – nicht nur die Vertreter der Laienorganisationen, des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken und des Deutschen Evangelischen Kirchentags – loben, die Einheit der Kirchen sei schon viel weiter gediehen, als oft wahrgenommen werde.

"Mich stört, ja ärgert das Gerede vom Stillstand der Ökumene", sagt Constantin Miron. "Die Ökumene ist lebendig, sie macht Fortschritte, und der beste Beweis ist dieser Kirchentag." Um genau zu sein, ist Miron selbst der Beweis. Der Erzpriester sitzt als erster Vertreter der orthodoxen Kirche im Präsidium des Kirchentags. Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden, lobt, es habe noch nie eine so gute gemeinsame Vorbereitung gegeben. Auch der Islam ist mannigfach vertreten. Auf Podien und in Workshops wird über Glauben und Vernunft, über Kruzifixe und Kopftücher diskutiert.

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Die Agora, ein Markt der Möglichkeiten: Auf 55 000 Quadratmetern präsentieren sich mehr als 1000 Gruppen. Der Bundestag gibt sich die Ehre, die Verbraucherzentrale klärt mit einer riesigen Carrerabahn über Klimaschutz auf, dazwischen gibt es Kaffee im "Cup der guten Hoffnung". Und der Koordinierungsrat des Christlich-Islamischen Dialoges fragt: "Wollen Sie auch abstimmen, ob Moscheen in Deutschland mit Minaretten gebaut werden dürfen?" Abgestimmt wird per Bällchen, die meisten liegen bei "Ja".

Baden als ökumenische Modellregion

Die Erzdiözese Freiburg und die Evangelische Landeskirche in Baden probieren es an ihrem gemeinsamen Stand virtuell: Sie bieten Besuchern an, Träume und Wünsche auf Video aufzunehmen. Unter www.gesichter-der-hoffnung.de sind die Bischöfe Robert Zollitsch und Ulrich Fischer bereits auf Youtube zu sehen, ständig kommen neue Menschen hinzu. Über das Erreichte informieren die beiden Kirchen natürlich auch; Baden als ökumenische Modellregion, die seit 1971 eine Trauordnung für konfessionell gemischte Paare anbietet. Auf einer Tafel haben Besucher Wünsche notiert: "Volle Anerkennung der evangelischen Kirche" und "Gemeinsames Abendmahl".

Was das betrifft, spürt man hier eine gewisse Nervosität. Beim ersten ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 hatten zwei katholische Priester trotz Verbots zu konfessionsübergreifenden Abendmahlsfeiern eingeladen, sie wurden von ihren Bischöfen mit Strafen belegt. Die Münchner Initiatoren haben schon im Vorfeld vor "Kamikazeaktionen" gewarnt. Die evangelische Kirche will die katholischen Regeln respektieren, zu den von ihr verantworteten Feiern aber alle getauften Christen einladen.

Die katholische Bewegung "Wir sind Kirche" hat ebenfalls zugesagt, auf Provokationen zu verzichten – sie organisiert lediglich ein ökumenisches "Gedächtnismahl". Dafür hat sie aber den 2003 vom damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx suspendierten Priester Gotthold Hasenhüttl zur Diskussion eingeladen und plant für den heutigen Samstag eine Menschenkette für die gemeinsame Mahlfeier quer durch die Stadt. Der evangelische Theologe Fulbert Steffensky hat am Donnerstag vor 2300 Zuhörern explizit dazu aufgerufen, zum Abendmahl der jeweils anderen Konfession zu gehen. "Wenn wir auf die Kirchenleitungen und die Theologen warten, dann mümmelt noch jahrzehntelang jeder nur das eigene Brot."

Warum kein gemeinsames Abendmahl?

Weiß man an der Basis überhaupt genau, wo das Führungspersonal das Problem sieht? "Erklären könnte ich’s nicht, warum das gemeinsame Abendmahl noch verboten ist", sagt die 17-jährige Marina Deter aus Hamburg. "Aber ich find’s schade." Die evangelische Pastorentochter versucht es dann doch, immerhin hat sie einen katholischen Freund: "Ich glaub’, es hat was damit zu tun, dass man bei den Katholiken erst ab der Erstkommunion zum Abendmahl gehen darf. Und vor allem glauben die Katholiken, dass es beim Abendmahl eine echte Wandlung gibt, während die Protestanten das mehr symbolisch sehen." Justus Ratzek, 15 und katholisch, pflichtet ihr bei: "Genau, die Katholiken glauben, dass das wirklich der Leib Christi ist."

Die beiden Teenager haben mehr Geduld als jene Teilnehmer, die schon seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil auf Fortschritte warten. Die beiden finden es gut, dass das Kirchentagsprogramm auch die Missbrauchsfälle aufgreift; vier eigene Veranstaltungen gibt es zum Thema, außerdem Anlaufstellen zu Prävention und Opferberatung. Die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche hat für die jungen Leute aber nicht gelitten. Zusammen mit 28 Altersgenossen beider Konfessionen sind sie von der Elbe an die Isar gekommen, um Gemeinschaft zu erleben, zu lernen und zu feiern.
"Mit Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten."
Margot Käßmann, Protestantin
Nachts sind die Jugendlichen in einer Schule untergebracht, jetzt liegen sie erschöpft auf einer bunten Friedensfahne zwischen Essensständen und ruhen sich aus. Es ist auch schwer, den Überblick zu behalten: Mehr als 3000 Veranstaltungen an vier Tagen, davon 600 Konzerte oder Theaterproduktionen. Neben den 17 Messehallen gehören die Innenstadt, der Olympiapark, Hochschulen, der Circus Krone, der Tierpark Hellabrunn und die KZ-Gedenkstätte Dachau zu den Veranstaltungsorten, und natürlich die Kirchen im Stadtgebiet. 6000 ehrenamtliche Helfer sind im Einsatz. Das erste Großkonzert auf der Theresienwiese haben sich Deter und Ratzek geschenkt, es war ihnen zu nass.

Dafür können sie mit Margot Käßmann einen Star der anderen Art erleben – die nach einer Trunkenheitsfahrt zurückgetretene Vorsitzende der Evangelischen Kirche feiert ein umjubeltes Comeback. Ausgerechnet in der katholischen Frauenkirche lobt sie die Pille als Geschenk Gottes; und sie hält unter Applaus an ihrer Position zum Afghanistan-Einsatz fest: "Ich lasse mich gern lächerlich machen, wenn Menschen mir sagen, ich sollte mich mit Taliban in ein Zelt setzen und bei Kerzenlicht beten. In der dortigen Kultur ist das durchaus eine Form, Frieden zu schließen, jedenfalls eher als das Bombardement von Tanklastzügen."

Eine orthodoxe Vesper in ökumenischer Gemeinschaft

Wenn die Jugendlichen wieder daheim sind, wollen sie mit ihren Erkenntnissen von hier einen Sonntagsgottesdienst gestalten. Anregungen gibt es genug: Gemeinden aus ganz Deutschland berichten von Kooperationsmodellen, von gemeinsamen Aschermittwochs- und Reformationsfeiern bis hin zum Kirchentausch. Aber an Heimfahrt denkt noch keiner, bis zum Abschlussgottesdienst am Sonntag ist noch vieles zu erleben.

Am Freitag ist die U-Bahn endgültig überfüllt: Der TSV 1860 feiert sein 150-Jähriges, dann ist da noch die Messe "Pferd International". Eine Flotte von Shuttlebussen kutschiert die Besucherströme, wieder stehen an jeder Tür Helfer. Zwei Jahre lang haben die Verkehrsbetriebe diese Meisterleistung geplant, und Zehntausende kommen deshalb pünktlich auf dem Odeonsplatz an, um das spannendste Experiment zu erleben, das dieser Kirchentag wagt: eine orthodoxe Vesper in ökumenischer Gemeinschaft.

Die Orthodoxe Kirche ist nicht nur erstmals bei der Planung dabei, sie löst auch elegant die Frage, ob nun Katholiken beim Abendmahl oder Protestanten bei der Eucharistiefeier zuschauen sollen. Die Artoklasia, das Segnen und Brechen des Brotes, ist kein Ersatz für beides, aber ein Symbol, das an die Feiern der urchristlichen Kirche erinnern soll. Und eingeladen sind alle. Die Menschen hören Bibeltexte, es singen byzantinische, russisch, serbisch, rumänisch sowie koptisch orthodoxe Chöre – und ein ökumenischer aus Sindelfingen auch. 1000 Biertische mit Bänken sind auf dem Odeonsplatz und dem angrenzenden Ring aufgestellt, es gibt Wasser, Brot, Öl und Äpfel. Trotz bitterer Kälte wird daraus eine Speisung der 20 000. Und ein Vorschein dessen, was am Ende dieses ganzen Projektes namens Ökumene einmal stehen soll.

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Autor: Jens Schmitz