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24. November 2008 19:45 Uhr

Angst vor Beschneidung

Ein tiefer Einschnitt, oder: Warum Maria nicht nach Äthiopien darf

Weil sie ihre zehnjährige Tochter zu den Großeltern nach Äthiopien reisen lassen wollten, ist einem Paar aus Schopfheim das Sorgerecht teilweise entzogen worden. Aus Sorge, das Mädchen könnte beschnitten werden.

Damit steht eine Bevölkerungsgruppe unter Verdacht. Maria würde ihre Oma gerne besuchen, die Mutter ihrer Mutter. Sie beantwortet die Frage danach mit einem schüchtern Kopfnicken und schmiegt sich dabei an die Mutter an. Und auch die andere Oma und den Opa würde sie gerne kennenlernen. Wie gerne, sagen mehr ihre riesigen braunen Augen als ihre Worte. Und sie würde dann sehen, wo ihre Eltern her kommen. Die Stadt, in der sie gelebt haben und aufgewachsen sind, das Land, aus dem sie stammen und von dem sie oft erzählen. Äthiopien, die ferne Heimat. Maria, wie das Kind an dieser Stelle heißen soll, kennt das alles ja nur aus Erzählungen und von Bildern. Bildern wie dem Porträt einer Frau, das im Wohnzimmer der Familie in Schopfheim hängt.

Kurz vor der Abreise kam Post vom Jugendamt

Im Juli schien sich der Traum für die Zehnjährige zu erfüllen. Marias Eltern hatten für sie und ihren drei Jahre älteren Bruder Josef bereits die Flugtickets gekauft. Die Sommerferien wollten die beiden Kinder in Addis Abeba verbringen bei den Großeltern, den Tanten und Onkeln. Einige von ihnen kennen sie von Besuchen in Deutschland, andere nicht. "Ich wäre sehr gerne dorthin gefahren", sagt das bildhübsche Mädchen noch einmal und strahlt noch etwas mehr, ein weißer Plastikreif hält ihr die Haare aus dem Gesicht. Doch aus dem Vorhaben wurde nichts. Denn wenige Tage vor der Abreise kam Post vom Jugendamt Lörrach. Ein Mitarbeiter kündigte sich an, man wolle mit der Familie reden. Am Ende, nur drei Monate später, steht die Entscheidung des Amtsgerichts Bad Säckingen, das den Eltern das Sorgerecht teilweise entzieht. Ihre Tochter darf Deutschland nicht verlassen, vor allem darf sie nicht nach Äthiopien reisen.

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Der Vater ist ratlos

"Ich verstehe das nicht", sagt Yakob, Marias Vater und schüttelt den Kopf. Yakob öffnet den Ordner, in dem er all die Briefe und Eingaben, Stellungnahmen und das Gerichtsurteil abgelegt hat. Rat- und rastlos wälzt er die Klarsichthüllen hin und her, das hektische Blättern verrät nur einen kleinen Teil seiner Unsicherheit. Doch eine Antwort auf seine Fragen findet er in den Papieren nicht. "Ich verstehe nicht, wie das gehen kann." Er blickt ins Leere und schüttelt den Kopf. "Ich verstehe das nicht." Und nach einer Pause: "Vielleicht weiß es Gott."

Dabei ist das Problem ein ganz und gar irdisches. Äthiopien gehört für Mädchen zu den sogenannten Hochrisikoländern (siehe Hintergrund). Je nach Erhebung sollen bis zu 90 Prozent der jungen Frauen in Äthiopien beschnitten, das heißt, an ihren Genitalien verstümmelt sein. Das zu verhindern hat sich die in Hamburg ansässige "Task Force für effektive Prävention von Genitalverstümmelung" auf die Fahne geschrieben. Sie hat mit einem Eilantrag beim Amtsgericht Bad Säckingen den Stein ins Rollen brachte, der Marias Ferienreise letztlich verhindert hat.

Jedes Risiko muss vermieden werden

Sie habe einen Hinweise einer "fachkundigen Frau" erhalten, dass das Mädchen für mehrere Wochen nach Äthiopien reisen solle, sagt Ines Laufer, die Vorsitzende der Task Force. In einem solchen Fall sei Vorsicht geboten. "Denn wenn das Kind erst einmal dort ist, hat man keine Chance mehr zu intervenieren." Es bestehe die Gefahr, dass es beschnitten werde. Wie groß diese Gefahr im speziellen Fall von Marias Familie ist, könne sie nicht einschätzen. Marias Mutter vermutet hinter der anonymen Anruferin eine Arbeitskollegin. Was deren Motiv sei, könne sie nicht erklären.

Für Ines Laufer ist klar: Weil ein solcher Eingriff einen nicht wiedergutzumachenden Schaden darstelle, müsse auch das kleinste Risiko vermieden werden. Das bedeutet, dass minderjährige Mädchen nicht in diese Länder reisen dürfen, egal ob in Begleitung der Eltern oder allein. Nur so könnten die jungen Frauen geschützt werden. In diesem Fall müsste das Recht auf Bewegungsfreiheit für 30 000 bis 50 000 Mädchen, deren Eltern aus Ländern wie Sudan, Somalia, Gambia, Ägypten oder Burkina Faso stammen, eingeschränkt werden. Dieser Generalverdacht gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen grenze an Rassismus und Volksverhetzung, heißt es in einem Rundbrief von Unterstützern der Schopfheimer Familie. Bei inzwischen acht Mädchen hat die Task Force die Ausreise per Gerichtsbeschluss verschiedener Instanzen verhindert.

"Wir werden das nicht hinnehmen", sagt Claus Huber, der Anwalt der Familie
Wie in den Fällen zuvor hat Ines Laufer beim Amtsgericht Bad Säckingen am 24. Juli einen Eilantrag eingereicht mit der Forderung, "wegen drohender Gefährdung von Genitalverstümmelung der minderjährigen Tochter" den Eltern des Sorgerecht hinsichtlich der Ausreise nach Äthiopien zu entziehen. Ein Vertreter des Jugendamtes besuchte daraufhin die Familie und fertigte ein Gutachten an. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Eltern die Praxis der Beschneidung ablehnten, die Aussagen seien glaubwürdig. Einer Ausreise stehe nichts entgegen. Das Amtsgericht schloss sich dem Votum an. Eine Kindswohlgefährdung liege nicht vor.

Doch dann wurde das Jugendamt neuerlich aktiv und reichte ihrerseits einen Antrag ein, das Aufenthaltsbestimmungsrecht einzuschränken. Es gebe neue Hinweise auf die Situation in Äthiopien, das Risiko für das Mädchen müsse neu bewertet werden. Konkreter Anlass war, dass es ein Addis Abeba keinen Sozialdienst gebe, über den während der gesamten Dauer des Aufenthalts ein Kontakt gewährleistet werden könnte. Das Amtsgericht untersagte daraufhin die Ausreise zunächst in einer einstweiligen Verfügung, nun auch in einer richterlichen Entscheidung. "Wir werden das nicht hinnehmen", sagt Claus Huber, der Anwalt der Familie. "Wir werden wenn es sein muss zum Gerichtshof für Menschenrechte gehen", sagt Yakob.

Er sieht sich durch das Urteil diskriminiert, eine ganze Volksgruppe stehe unter Generalverdacht.

"Wir sind absolut gegen die Beschneidung", sagt Marias Mutter nachdrücklich. "Wie kommt die Frau Laufer dazu, uns etwas anderes zu unterstellen?" Was hier passiere, sei eine Art Beweislastumkehr. Es sei naiv zu glauben, dass Eltern, die die Absicht haben ihre Töchter beschneiden lassen, dies in Deutschland ankündigen, hält Laufer dagegen.

Sonderstatus für 50 000 junge Frauen?

"Diese Unterstellung ist unhaltbar und untragbar", sagt Anwalt Huber. "Damit dürfen alle Familien aus diesen Ländern nicht mehr zu ihren Angehörigen reisen. Die Ideologie von Frau Laufer ist mit unserer Rechtsordnung nicht vereinbar." Habe das Urteil Bestand, müsste der Staat 50 000 jungen Frauen das Recht auf Bewegungsfreiheit entziehen. Maria wird vielleicht einmal zum Einkaufen nach Basel fahren wollen oder mit der Schulausflug ins Elsass unternehmen. Sie wird jedesmal eine Erlaubnis des Jugendamtes benötigen.

Der Versuch das Jugendamtes, den Konflikt zu entschärfen, misslang. Die Behörde hatte eine Erklärung vorbereitet, wonach die Eltern in regelmäßige medizinische Untersuchung der Tochter einwilligen sollten. Zunächst war Yakob geneigt, zu unterschreiben, doch er empfand dies letztlich als Zumutung. Auch sein Anwalt findet allein das Ansinnen inakzeptabel.

Dabei erkennt Huber durchaus das Problem: "Beschneidungen sind nicht hinnehmbar und es ist auch nicht hinnehmbar, sich damit abzufinden." Insofern unterstützt er auch Initiativen, die auf die Beseitigung dieser barbarischen Tradition hinabreiten. "Aber wir können das Problem nicht hier lösen, sondern nur in den betroffenen Ländern." Schon gar nicht könne es in einem Rechtsstaat ohne konkrete Prüfung des Einzelfalls gerecht beurteilt werden. "Das Ziel von Frau Laufer ist nicht falsch, aber sie will am falschen Beispiel ein Exempel statuieren", sagt Huber.

Genitalverstümmelung ist in Äthiopien strafbar

Das Bürgerliche Gesetzbuch legt beim Entzug der elterlichen Rechte eine hohe Hürde an und der Bundesgerichtshof die Latte in einem Grundsatzurteil hoch gelegt. Die Beschneidung der Bewegungsfreiheit sei nur dann gerechtfertigt, wenn eine Gefahr "mit ziemlicher Sicherheit" bestehe. Aber wie hoch muss der Prozentsatz sein, damit das Kriterium ziemlich sicher erfüllt ist? Für Laufer bedeutet das: Je schwerwiegender der Eingriff, desto geringer muss die Wahrscheinlichkeit sein. Und eine Genitalverstümmelung sei eben für eine Frau ein extrem schwerwiegender Eingriff. In diesem Punkt ist ihr das Gericht gefolgt.

Dem hält Huber entgegen, dass im konkreten Fall nicht nur die Eltern selbst überzeugend die Beschneidungen ablehnten. Die Eltern wie die Großeltern sind Katholiken, diese lehnten die Beschneidung ab – auch die Katholiken in Äthiopien. Darüber hinaus steht die Deutsche Botschaft in Addis Abeba in Kontakt zu den Großeltern, die sich ebenfalls "überzeugend und mit Nachdruck gegen die Praktik" ausgesprochen haben. Und schließlich sei Genitalverstümmelung in Äthiopien seit 2005 strafbar, die Regierung arbeite neuerdings auch mit Nichtregierungsorganisationen zusammen, um der Praxis entgegen zu wirken. Laufer beziehe sich in ihren Berechnungen auf Daten von 1997.

Gericht bezieht sich auf Daten von Wikipedia

"Diese Stellungnahme der Deutschen Botschaft wurde überhaupt nicht berücksichtigt", empört sich Yakob. Stattdessen beziehe sich das Gericht in seiner Einschätzung auf ein Internetlexikon. Tatsächlich ist Wikipedia im Urteil als Quelle dafür genannt, dass in Äthiopien zwischen 95 und 100 Prozent der Frauen beschnitten werden. "Wer hat denn den Artikel verfasst? Bei Wikipedia könnte das auch Frau Laufer oder eine Mitarbeiterin gemacht haben", sagt Yakob. Eine zuverlässige Quelle jedenfalls sei das nicht.

Daneben hat der Richter als Grund ausgeführt, dass er zwar die Eltern für untadelig hält, er dies aber nicht für die Menschen beurteilen könne, denen die Eltern ihre Tochter überlassen. Und als Begründung wägt das Gericht ab, dass eine Beschneidung eben "eine außerordentlich schwere, dauerhafte und nicht wieder rückgängig zu machende Verletzung des Körpers und der Gesundheit des Kindes" sowie einen "schwer wiegenden Eingriff in seine menschliche Würde darstellen" würde, wohingegen der Schaden, die Reise nicht antreten zu dürfen, "relativ gering" ist. In der Abwägung der Rechtsgüter haben das Gericht wie zuvor das Jugendamt die körperliche Unversehrtheit des Mädchens als höheres Gut erachtet.

"Wie kann das sein, dass man mit einem anonymen Hinweis eine Familie zerstört", sagt Yakob, dessen Nerven angegriffen sind. Er schaut traurig, verzweifelt vor sich hin. Er versteht die Welt nicht mehr. Seine Tochter rückt noch etwas näher an ihre Mutter heran. "Geht es wieder um mich?" fragt sie die Mutter ängstlich. Die nickt. Alles dreht sich in der Familie derzeit um diesen Fall. Das erwartungsvolle kindliche Strahlen ist längst aus Marias Augen verschwunden.

Autor: Franz Schmider