Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
22. Juni 2010
Bischof unter Beschuss
Ein Vatikan-Dossier enthält peinliche Einzelheiten über Walter Mixa
Trinken, schwule Techtelmechtel, Übergriffe: Ein Vatikan-Dossier soll detailliert angebliche Schwächen des zurückgetretenen Augsburger Bischofs Walter Mixa beschreiben. Vergleichbare Anschuldigungen hat der Betroffene früher zurückgewiesen.
AUGSBURG. Trinken, schwule Techtelmechtel, Übergriffe: Ein Vatikan-Dossier soll detailliert angebliche Schwächen des zurückgetretenen Augsburger Bischofs Walter Mixa beschreiben. Vergleichbare Anschuldigungen hat der Betroffene früher zurückgewiesen. Gestern sagte sein Anwalt, sein Mandant könne und wolle dazu nichts sagen.
Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) und der Augsburger Allgemeinen sollen zwei Priester aus den Bistümern Eichstätt und Augsburg über Übergriffe berichtet haben, die ihnen Mitte der 90er Jahre gegen ihren Willen und in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Mixa angetan worden seien. Diese Schilderungen aus Mixas Zeit als Stadtpfarrer von Schrobenhausen – und Aussagen von Mitarbeitern, wonach er schwer alkoholkrank sei – hätten den Papst dazu bewogen, den Rücktritt anzunehmen. Laut FAS spielte der schnell entkräftete Vorwurf des Missbrauchs eines Minderjährigen keine Rolle.Ein Dokument, das der Augsburger Allgemeinen vorliegt, ist offensichtlich in die Unterlagen eingeflossen, in die der Papst angeblich Einsicht hatte. In dem Dokument beschreibt ein Mann, der Mixa gut kennt und dessen Name der Augsburger Redaktion bekannt ist, einen Dialog zwischen Mixa und einem Priesterkandidaten während eines gemeinsamen Urlaubs. Die beiden hätten sich ein Zimmer geteilt. An einem nicht genannten Datum sagte der junge Mann zu Mixa:
Werbung
",Ich möchte jetzt zum Schwimmen gehen.‘ Daraufhin antwortete der Stadtpfarrer: ,A., bleib doch hier, ich brauche jetzt deine Liebe.‘ Woraufhin A. erwiderte: ,Ich bin doch nicht schwul.‘ Der Stadtpfarrer antwortete: ,Aber ich doch auch nicht.‘ Daraufhin sagte A.: ,Was aber ist dann gestern Abend passiert?‘ Worauf der Stadtpfarrer antwortete: ,Das ist mir im Überschwang meiner Gefühle passiert.‘"
Der Augsburger Allgemeinen sagte der Zeuge, dass der damalige Kandidat mit ihm später über diese und weitere intime Begegnungen gesprochen habe. Einvernehmlich seien sexuelle Handlungen nicht gewesen. Es soll weitere Priester geben, die Übergriffe bezeugen können. Bekannt ist, dass Mixa eine problematische Nähe zu Männern in den Priesterseminaren Eichstätt und Augsburg pflegte.
In den Unterlagen, die dem Papst vorlagen, soll auch Mixas Verhältnis zur Wahrheit thematisiert worden sein. Wochen nach den gegen ihn erhobenen Vorwürfen ehemaliger Schrobenhauser Heimkinder, er habe sie schwer körperlich gezüchtigt, räumte Mixa am 16. April ein: Er könne "die eine oder andere Watsch’n von vor 20 oder 30 Jahren natürlich nicht ausschließen". Zuvor hatte er das wochenlang abgestritten. Nach Recherchen der Augsburger Allgemeinen gibt es dazu eine Vorgeschichte: Ein ehemaliger Schrobenhauser Ministrant bat Mixa in einem Treffen am 11. April darum, "Dinge, die passiert sind, nicht länger zu leugnen" – und sprach Mixa auf "heftigste Watsch’n" an, die dieser als Stadtpfarrer einigen Ministranten gegeben habe. Mixa sagte daraufhin: "Aber das kann ich der Presse doch so nicht sagen." Am 14. April kam es zu einem zweiten Treffen, diesmal von Mixa und seinem damaligen Medienchef Dirk Hermann Voß mit dem Ex-Ministranten und zwei weiteren früheren Schrobenhauser Ministranten. Voß habe in Bezug auf die Watsch’n gesagt: "Wenn ich das gewusst hätte, dann hätten wir eine andere Strategie gefahren."
Eine Woche später, am 21. April, unterzeichnete Mixa ein Rücktrittsgesuch. Wie nun der Focus berichtet, habe der Papst selbst den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, und den Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz, Erzbischof Reinhard Marx, angewiesen, Mixa zu einer Auszeit zu bewegen. Zunächst habe er seinen Apostolischen Nuntius in Deutschland mit dieser Aufgabe betraut. Als Mixa nicht reagierte, habe er Zollitsch und Marx gesandt – nach Informationen der Augsburger Allgemeinen vor allem, um von Mixa ein klares Wort zu erhalten. Denn der hatte – auch das ist neu – dem Papst seinen Rücktritt gleich mehrmals angeboten und wieder revidiert.
Mixa warf Zollitsch und Marx kürzlich vor, sie seien "zum Papst geeilt" und hätten ihm "als Trumpf den sogenannten Missbrauchsfall vorgetragen". Die Staatsanwaltschaft Ingolstadt hatte am 14. Mai ihre Vorermittlungen eingestellt . Danach wurde Mixa gesprächiger, redete im Interview mit der Welt von "Fegefeuer" und "Feuerofen". Mixa hat derlei in den vergangenen Wochen öfter geäußert. Sein psychischer Zustand ist seit geraumer Zeit ein Thema, das Menschen, die ihn kennen oder kannten, bewegt.
Nun ist damit zu rechnen, dass er in den nächsten Tagen Augsburg verlässt, von "Exerzitien" außerhalb des Bistums ist die Rede. Auch viele, die ihm nahe stehen, atmen auf. Denn je heftiger Mixa verbal um sich schlägt, desto mehr Dinge kommen ans Licht. Nach jedem Interview melden sich weitere Betroffene bei Zeitungen. Sie wollen nicht länger ertragen, was Mixa sagt. Und wie er es sagt.
Kaplan Christian Grau aus Gersthofen zum Beispiel. Er ist einer von zehn jungen Priestern, die einen Brief an Mixa geschrieben haben, in dem sie den Bischof, der sie geweiht hat, scharf kritisieren. "Wir bitten Sie eindringlich, das Gute, das Sie gewirkt haben, nicht völlig vergessen zu machen und sich zum Wohl der Kirche aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen", heißt es darin. Denn: "Wir selbst haben Sie häufig als weltfremd und stark ichbezogen erlebt – dies erkennen wir auch in Ihrem momentanen Vorgehen."
Die Kritik hat noch einen Hintergrund: Mixas Verhalten gegenüber Seminaristen auf Reisen nach Rom und Israel 2007/2008. Ein Priesteramtskandidat erzählte, dass Mixa die jungen Männer "meine Lustmolche" nannte. In solchen Situationen habe man sich gefragt: Soll man sich wehren? Man habe ja gewusst, dass Mixa aggressiv reagieren könne. Zudem sei man ihm in gewisser Weise ausgeliefert gewesen so kurz vor der Weihe.
– Der Autor ist Redakteur der Augsburger Allgemeinen Zeitung.
Autor: Daniel Wirsching


