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14. Dezember 2012

Ein Volk, ein Reich, ein Häuflein Spinner

In Sachsen machen gerade einige Leute Ärger, die glauben, es gebe die Bundesrepublik nicht / Möglicherweise gibt es eine Verbindung zur rechten Szene.

  1. Norbert Schittke Foto: ZDF

An einem kühlen Wintermorgen marschierte ein Gerichtsvollzieher in das Örtchen Bärwalde zwischen Moritzburg und Dresden. Der Mann wollte Schulden eintreiben, wie er es jeden Tag tun muss. Diesmal erlebte er sein blaues Wunder. Nach Klingeln an der Tür und einem folgenden kurzen Wortgefecht rief der Schuldner nämlich die Polizei um Hilfe – und die "Polizisten" nahmen den Gerichtsvollzieher fest.

Aber es waren keine bundesdeutschen Polizisten aufgetaucht, sondern Männer des DPHW, Kerle in Uniform mit Kabelbindern statt Handschellen: Männer des "Deutschen Polizei Hilfswerks". Der Gerichtsvollzieher sei nur ein "vorgeblicher Gerichtsvollzieher", er sei überhaupt keine Amtsperson, habe überhaupt kein Recht gehabt, Geld einzutreiben und sei deshalb vom DPHW an der Flucht gehindert worden, teilte DPHW im Internet später mit. Schließlich mussten echte Polizisten kommen und den armen Gerichtsvollzieher befreien. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. "Das hat eine neue Qualität", heißt es im Dresdner Innenministerium. Die "neue Qualität" liegt darin, dass das Häuflein Spinner, das gerne Fantasieuniformen trägt, es nicht mehr dabei beließ, hin und wieder mal einen über den Durst zu trinken. Sie gehören zu einer sonderbaren Bewegung, die der Ansicht ist, dass Angela Merkel nicht regiert, dass der Bundestag den Mund halten sollte, dass die Gesetze und jeder Personalausweis und Führerschein ungültig sind. Sie nennen sich Reichsbürger, das DPHW wird in ihren Dunstkreis gerechnet. Wie viele es genau sind, weiß kein Mensch, es gibt sie in Ost- wie in Westdeutschland. Der Verfassungsschutz in Niedersachsen rechnet sie zu den Rechtsextremisten, hält sie für Sektierer und für weniger bedeutend.

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Verfassungsschützer in Brandenburg warnten kürzlich allerdings vor den angeblichen Reichsbürgern. Hier ist die Truppe auch besser bekannt: In der Prignitz gründete sich vor einigen Jahren ein "Fürstentum Germania", in dem sich einige esoterisch und rechtsextrem angehauchte Verschwörungstheoretiker fanden, die eine scharfe Grenze zur "BRD" zogen. Folgt man dem kruden Denken, dann war zumindest bis zum Herbst ein gewisser Fürst Norbert Schittke aus der Nähe von Hildesheim das deutsche Staatsoberhaupt.

Eigentlich ist der Mann, der aussieht wie ein ergrauter Bademeister, Rentner. Vor ein paar Monaten soll er als Reichskanzler abgesetzt worden sein, was aber den Lauf der deutschen Politik nicht änderte, weil kein Mensch davon erfuhr. Was man noch weiß: Das letzte Treffen der Exilregierung noch unter Leitung von Fürst und Reichskanzler Schittke fand im Sommer in einer Kneipe im Spreewald statt. ZDF.neo hatte damals darüber berichtet: Der Regierungsgipfel wirkte wie ein Zusammentreffen verhaltensauffälliger, meist älterer Herren, von denen viele dunkle Barette, bedeutungsvolle Gesichter und unter der Nase einen seit bald siebzig Jahren aus der Mode gekommenen Schnurrbart trugen.

Schittke und seine Exilanten sind der Ansicht, das Deutsche Reich bestehe in seinen Grenzen von 1937 fort. Die Bundesrepublik sei nur eine Art alliiertes Geschäftsmodell, eine Firma, welche die Welt mit Gütern versorge. "Eine Kuh in Scheinfreiheit", meinte er. Deutschland lebe noch immer im Kriegszustand mit seinen Nachbarn, und Hitler habe für den Papst Juden umgebracht. Das sei alles erwiesen und historisch belegt.

Wer so denkt, lebt in einem Paralleluniversum. Man stellt eigene Pässe aus, eigene Führerscheine, lässt keinen Gerichtsvollzieher in seine Wohnung und befindet sich im permanenten Kriegszustand mit der Realität. Dass das nicht nur harmlose Spinnerei ist, musste der Grünen-Abgeordnete Johannes Lichdi erfahren. Im Dresdner Landtag reichte er eine Anfrage ein, um herauszukriegen, was hinter dem DPHW und den Reichsdeutschen stecke. Die Reaktion erfolgte prompt: "Farbanschlag auf mein Regionalbüro in Meißen – nachdem wir rechte Attacke auf Gerichtsvollzieher öffentlich machten", twitterte Lichdi nun zurück.

Die Verbindungen zur rechten Szene sind unübersehbar. Bundesdeutsche Gerichte verurteilten in den vergangenen Jahren mehrfach sogenannte Sachwalter des Deutschen Reiches wegen Volksverhetzung, Titelmissbrauch und Amtsanmaßung. "Zahlreiche führende Mitglieder waren zuvor Funktionäre der extremen Rechten", meint die sächsische Landtagsabgeordnete Kerstin Köditz (Linke). Warum Fürst Norbert Schittke im Herbst von seinen Leuten abgesetzt wurde und nun nicht mehr Reichskanzler sein darf, bleibt übrigens unklar.

Autor: Bernhard Honnigfort