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10. November 2008

Eiskalte Blockade

Weil sich drei Atomkraftgegner im rheinland-pfälzischen Berg an die Bahngleise ketteten, muss der Castor-Transport fast zwölf Stunden auf die Weiterfahrt warten

  1. Schwerstarbeit: Polizeibeamte versuchen, die angekettete Frau vom Gleis zu lösen. Foto: HECK

Kurz vor Mitternacht fliegen die Funken. Ein junger Polizeibeamter hat eine Flex in der Hand und versucht ein Stück Eisen im Beton durchzutrennen. Die Polizei hat schweres Gerät an die Bahnschienen unweit des pfälzischen Dorfs Berg geschleppt. Zwei junge Männer und eine Frau haben sich dort an die Gleise gekettet. Der Castor-Transport steht seit Stunden kurz hinter der Grenze im elsässischen Lauterbourg. Die Flex hilft den Beamten auch nicht viel weiter. Zu ausgeklügelt ist das System.

Hinter den Büschen, zwischen zwei Gleisschwellen, haben zuvor Unbekannte ein metertiefes Loch gegraben, ein schweres Betonrohr eingebuddelt und die Stelle gut getarnt.

Am Tag des Castortransports geht es rasend schnell. Während der Atommülltransport von französischen Gendarmen und Hubschraubern gesichert in Lauterbourg einrollt, schlagen sich Franziska und ihre Freunde mit ein paar Unterstützern durch das Unterholz. Sie finden die getarnte Stelle, Steine fliegen zur Seite, drei Arme verschwinden in dem tiefen Rohr und ketten sich fest. Bis der Polizeiposten aufmerksam wird, ist es zu spät.

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Jetzt brauchen die Beamten Technik. Zuerst Schaufel und Pickel, um sich von der Seite an das Betonrohr heranzugraben. Von Stunde zu Stunde wird der Fall komplizierter. Der Zug steht, die Hubschrauber kreisen, die Geschichte von der Blockade hat sich herumgesprochen. Der Malteser Hilfsdienst rückt mit Ärzten an. Das Werkzeug hilft nicht weiter. Jetzt müssen Pressluftbohrer und Trennschleifer ran. Die Malteser packen die drei Aktivisten in Thermofolie. Decken werden gereicht, Isomatten gegen die lähmende Kälte von unten.

Die Versorgung ist ein Problem. Franziska und ihre Mitstreiter sind Veganer, sie essen keine tierischen Produkte. Verpflegung sei in ihrem Rucksack, sagt die junge Frau. Aber den haben die Beamten zwecks Beweissicherung längst beiseite geräumt. Was tun? Bitterschokolade ohne Milch, das würde gehen. Also wird Zartbitter organisiert.

Ein paar Dutzend Sympathisanten haben sich hinter den Büschen postiert. Aus ihrem Lautsprecherwagen dröhnt Musik und die neuesten Meldungen der Tagesschau. Die Aktivisten haben es auf Platz zwei der Nachrichten geschafft. Selten hat eine Castor-Blockade so lange gedauert. Der Zug steht bereits seit sieben Stunden und ein Ende ist nicht absehbar. Der Pressluftbohrer hämmert sich durch das Gleisbett und die Beamten haben den Angeketteten dicke Kopfhörer gegen den Lärm und Schutzbrillen gegen die fliegenden Funken aufgesetzt.

Hundert Meter weiter hat sich am Bahngleis ein bunt geschminktes Grüppchen niedergelassen. Eine grüne Landtagsabgeordnete ist dabei. Je mehr die Kälte in die Knochen kriecht, umso kleiner wird die Menschentraube. Nach ein paar hehren Worten macht sich auch die Abgeordnete vom Acker. Na ja, sagt ein Polizist, wohl doch nicht so weit her mit der Solidarität. Am Gleis wurden Generatoren und Licht aufgebaut, Häppchen und Kaffee für die Beamten organisiert.

Prognosen machen die Runde, wie lange es wohl noch dauern werde. Sie erweisen sich alle als falsch. Erst um 18 Uhr ist der erste Aktivist befreit, gegen 21.30 Uhr der zweite. Franziska steckt noch fest.

Georg Ischler legt seine Stirn in Falten. Er ist Pfarrer der Bundespolizei und ein sehr besonnener Mensch. Man darf sich jetzt langsam Sorgen machen, sagt er. Die junge Frau steckt seit zehn Stunden fest. Die Kälte kriecht durch Isomatten und Decken. Die Hand ist tief unter der Erde angekettet, das Betonrohr ist voll Wasser, die Haut quillt langsam auf.

Von Minute zu Minute schwinden die Feindbilder. Polizisten sind plötzlich keine Bullen mehr. Sympathie wäre zu viel gesagt, aber so etwas wie Respekt vor diesen Strapazen, die junge Leute auf sich nehmen, weil sie eine Überzeugung haben, schleicht sich ein.

Es gab kein böses Wort, die waren einfach freundlich, sagt Franziska später auf einer Pressekonferenz. Ja, sie hatte Angst. Angst, dass ihr Arm abstirbt, dass es den Sanitätern und Ärzten vielleicht doch nicht gelingen würde, ihren Kreislauf in der Eiseskälte stabil zu halten. Aber noch mehr Angst habe sie vor dem Atommüll.

Zwölf Minuten nach Mitternacht ist die Umweltaktivistin von ihren eigenen Fesseln befreit. Die Beamten und der Pfarrer atmen auf. Die Gendarmerie hat den Atommülltransport aus La Hague zuvor auf deutsches Gebiet fahren lassen. Am kleinen Bahnhof in Berg fingern Scheinwerfer die elf Castorbehälter aus den Nebelschwaden.

Franziska und ihre beiden Freunde sind für die nächsten Stunden in Polizeigewahrsam. Ihnen droht eine Anzeige wegen Gefährdung des Bahnverkehrs, wegen Nötigung und sie werden eine saftige Rechnung präsentiert bekommen. Der Castor hat fast zwölf Stunden Verspätung. Ist doch verrückt, so seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen, sagen die Polizisten am Ende zu der befreiten Frau. Ihre Antwort: "Atomkraft ist auch verrückt".

Autor: Meinrad Heck