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04. Januar 2012
Chaos Computer Club
Hacken für einen guten Zweck
Der Chaos Computer Club galt mal als Haufen lichtscheuer Sonderlinge. Heute schätzen Politiker ihr Fachwissen .
"Nichts und niemand ist sicher vor uns, kein Computer und erst recht kein Politiker." So hat es Alexander Müller, ein blasser Typ Mitte 30, in seinem Vortrag auf dem Podium gerade erklärt. Stolz hat er berichtet, wie es ihm gelungen ist, mittels Kniffs eine Pro-Guttenberg-Demonstration zu unterwandern und der Lächerlichkeit preiszugegeben. Vor vollen Rängen hat er noch einmal geschildert, wie dankbar einige Medien Informationen von einem gefälschten Franz-Müntefering-Twitter-Account aufgenommen und veröffentlicht haben. "Eurer Kreativität sind keine Grenzen gesetzt", ruft Müller zum Abschluss seines Vortrags "Politik hacken". Die versammelte Hackergemeinde, die zum jährlichen Congress des Chaos Computer Clubs (CCC) im Berliner Congress-Centrum zusammengekommen ist, applaudiert. Fragen dürfen gestellt werden.
Ein junger Mann mit grünem Kapuzenpullover ist in einer hinteren Reihe aufgestanden und stammelt in gebrochenem Deutsch ins Mikrofon: "Du hast, äh, nicht, äh, gesprochen über Export." Verwirrte Blicke auf dem Podium, Raunen in den Zuschauerreihen. Der junge Mann setzt nach: "Was, äh, ist mit Wirtschaft?" Dann platzt die Schadenfreude aus ihm heraus. Er krümmt sich vor Lachen über den eigenen Nonsens. "Ich glaube, wir sind gerade selbst gehackt worden", sagt Dozent Müller auf der Bühne und grinst. Die Zuschauer klatschen frenetisch. Hacken erfreut sich großer Beliebtheit und erst recht Deutschlands größter Hacker-Verein.
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Mit seiner Analyse des sogenannten Bundestrojaners sorgte der CCC im Oktober für Schlagzeilen. Mitgliedern des Vereins war es gelungen, die Schnüffelsoftware, mit der staatliche Ermittlungsbehörden auf Computer verdächtiger Personen zugreifen können, zu enttarnen. Dabei stellten die Hacker fest, dass der Trojaner zu deutlich mehr imstande ist, als es das Gesetz erlaubt.
Für diese Enthüllung erntete der Hacker-Verein große Sympathie in der Bevölkerung und bei den Medien. In den Tagen danach hagelte es regelrecht Mitgliedsanträge. Selbst vom Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der wegen der verfassungsrechtlich bedenklichen Spionagesoftware in Erklärungsnot geriet, heißt es, er schätze die Expertise des CCC.
Das Bild vom langhaarigen, ungepflegten, kauzigen Computerchaoten ohne Sozialkontakte verblasst bei all dem Renommee. Der Verein der einst scheinbar gesetzlosen Digitaleindringlinge ist mittlerweile zu einer Art seriöser Beratungsinstitution für Regierung, Parlament und Gerichte geworden.
"Der Club hat sich eigentlich gar nicht so sehr verändert", sagt Constanze Kurz, ehrenamtliche Sprecherin des CCC. Dabei wäre die 37-jährige blonde Informatikerin selbst das beste Beispiel für den Wandel des lange von Männern dominierten Vereins. Das einzige Kennzeichen, das ihre Affinität zum Hacken verrät, ist ein blaues Shirt mit dem orangefarbenen Aufdruck "Alt + F4". Sonst hat sie äußerlich nichts gemeinsam mit den CCC-Nerds, die es immer noch gibt.
"Wir werden heute ernster genommen", erklärt Kurz. Die Zeiten hätten sich geändert, Technik bestimme mittlerweile das Leben aller Menschen und sei nicht mehr wegzudenken. "Deshalb ist der Chaos Computer Club mit seinem technischem Sachverstand besonders gefragt." Zwölf Jahre ist Kurz Mitglied im CCC, als Expertin sitzt sie in der Bundestags-Enquetekommission "Internet und digitale Gesellschaft", und zweimal schon hatte sie als Sachverständige Auftritte vor dem Bundesverfassungsgericht. "Bei der ersten Anfrage aus Karlsruhe habe ich mir natürlich schon verwundert die Augen gerieben", gesteht Kurz und strahlt.
Im Eingangsbereich des Congress-Centrums stochert eine Gruppe mit feinem Werkzeug in Zylinderschlössern herum. Was aussieht wie angeleitetes Einbruchstraining, nennt sich Lockpicking und ist bundesweit als Sportart verbreitet. Steffen Wenéry, der an einem Verkaufsstand nebenan sitzt, ist gewissermaßen der Obereinbrecher. Der kurzhaarige 50-Jährige ist Bundesvorsitzender der Sportfreunde der Sperrtechnik und hat den Chaos Computer Club Anfang der 80er Jahre in Hamburg mitgegründet. "Lockpicking ist analoges Hacken", erläutert Wenéry. "Hacker zu sein, heißt nicht nur, am Computer zu sitzen, das ist eine Lebenseinstellung." Das Prinzip sei immer dasselbe: Der Hacker versucht den Code eines Systems zu verstehen, um in dieses System zu gelangen und sich dort umzusehen. Nie jedoch zur eigenen Bereicherung, so besagt es die Hackerethik.
Immer wieder haben Mitglieder des CCC mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam gemacht. 1984, beim sogenannten BTX-Hack im Teleboxsystem der Deutschen Post, war Wenéry selbst mit von der Partie. "Die Post war unser Feind der ersten Stunde", erzählt er und reicht nebenbei einem Kunden für 35 Euro ein Werkzeugpaket zum Türöffnen über den Verkaufstisch. Lediglich postgeprüfte Modems durften damals laut Fernmeldeanlagengesetz an die Telefonleitung angeschlossen werden. Die kosteten allerdings 120 Mark Miete im Monat und so entwickelten Wenéry und seine Kameraden vom CCC ein Modem zum Selbstbauen. Das konfiszierte die Polizei kurz darauf bei einer Hausdurchsuchung, hinzu kamen 800 Mark Strafe.
"Im Herbst 1987 stand dann Interpol bei mir in der Wohnung, weil man mich verdächtigte, für den sowjetischen Geheimdienst KGB das Netzwerk der US-Raumfahrtbehörde Nasa gehackt zu haben", erinnert sich Wenéry. Diesmal sei er zwar unschuldig gewesen, trotzdem saß er 66 Tage in französischer Haft, die ersten zwei Wochen musste er auf dem Zellenboden schlafen. Der deutsche Verfassungsschutz habe später versucht, ihn als V-Mann zu gewinnen, doch er habe dankend abgelehnt. Bestätigen will das das Bundesamt für den Verfassungsschutz auf Anfrage jedoch nicht.
Was er sich für die Zukunft des CCC wünsche? "Schöpferisch-kritischen Umgang mit Technologie", sagt Wenéry und lacht. So hat er das Hacken in der Vereinssatzung des CCC umschrieben, da Hacken seit 1986 unter Strafe steht. "Ich wünsche mir vor allem aber, dass die Leute nicht mit einer reinen Konsumhaltung zum CCC kommen", sagt er noch und wendet sich wieder seinem Werkzeug zu. Vor Wenérys Verkaufsstand hat sich schon eine Schlange gebildet.
Erklär's mir: Was ist der Chaos Computer Club?
Der Chaos Computer Club (CCC) ist ein deutscher Verein, den es seit 30 Jahren gibt. Die Mitglieder sind sogenannte Hacker. Das sind Menschen, die sich für Technik begeistern, Computerprogramme lesen und schreiben können und sie besser machen wollen. Man versteht unter Hackern auch Menschen, die Sicherheitslücken in Rechnern entdecken und sich Zugang zu fremden Daten verschaffen, was für die Politik oder die Wirtschaft gefährlich sein kann. Die CCC-Mitglieder betonen aber, dass sie gute Ziele verfolgen. Sie setzen sich etwa dafür ein, dass jeder Zugang zu Informationen im Internet hat und weisen auf problematische Dinge in der Computerwelt hin.
Autor: phi
Autor: Arne Bensiek


