Religion

Beschneidungsdebatte: Highlight oder Quälerei

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Do, 27. September 2012

Deutschland

Die Beschneidung – für die einen ist sie ein Fest, für andere Gehorsam vor Gott, und wieder andere kritisieren, dass es "schon wieder Sondergesetze" gibt.

Cenkut Uzun (30) sitzt vor einem Milchkaffee im Hof der Universität Freiburg. Der Jurastudent lächelt, als er vom Beschneidungsfest im Haus seiner Großmutter in der türkischen Stadt Erzurum erzählt. "Das war ein sehr schönes Erlebnis für mich. Ich habe mich ein wenig wie ein kleiner Prinz gefühlt, der auf seinem Bett liegt und Hof hält", sagt er mit norddeutschem Akzent, obwohl er in der 800-Seelen-Gemeinde Saig im Schwarzwald aufgewachsen ist. Verwandte und Freunde pilgerten an ihm vorbei, gratulierten. "Ich erinnere mich, dass es Unmengen von Reis und Fleisch gab." Das entschädigte ihn dafür, dass die Wunde brannte. "Schmerzen waren das aber nicht", versichert er. Er war damals sieben. Die Beschneidung hatte ein Arzt im Krankenhaus gemacht.

Bei Beschneidungsfesten in der Türkei tragen die Jungen oft Uniformen, die sie tatsächlich wie kleine Prinzen aussehen lassen. Manchmal kommen mehrere hundert Gäste, besonders auf dem Land. "Die ganze Straße oder das ganze Dorf feiern mit", sagt Uzun. "Das Fest ist ein Highlight im Leben jedes Jungen." Auch in Deutschland werden Hallen gemietet, um die vielen Feiernden unterzubringen. Bei der Beschneidung selbst sind sie zumeist nicht dabei. In der Türkei und Deutschland lassen Türken den Eingriff in der Regel in Krankenhäusern oder bei Ärzten machen – mit Betäubung. Anders in ländlichen Regionen etwa im arabischen Raum. Dort kommt oft noch der Beschneider zur Familie. Väter, Großväter, Onkel scharen sich um den Jungen, um zuzusehen, wie der Mann die Vorhaut des Jungen entfernt. Frauen lassen Freudentriller hören. Muslime machen es in der Regel im Alter zwischen fünf und zehn Jahren.

Nach jüdischem Glauben dagegen sollen die Jungen am achten Tag nach der Geburt beschnitten werden. Für Aufregung sorgt in Deutschland ein Video, das eine solche Zeremonie in einer Synagoge zeigt. Leo Latasch, Arzt und Mitglied im Zentralrat der Juden, hatte es im Deutschen Ethikrat vorgeführt. Der Anlass: Ein Kölner Gericht hatte die Beschneidung eines Vierjährigen als Körperverletzung gewertet. Seither beschäftigt sich der Ethikrat, der die Politik in naturwissenschaftlichen, medizinischen und anderen ethischen Streitfällen berät, mit diesem Thema. Seine Expertise floss auch in den jetzt vorliegenden Gesetzentwurf zur Beschneidung ein.

Das Video zeigt, wie der Mohel, so heißt der Beschneider auf Hebräisch, dem Winzling ein Metallstück unter die Vorhaut schiebt und sie dann abtrennt. Der Junge schreit aus Leibeskräften und beruhigt sich erst wieder, als ihn der Rabbiner auf dem Arm schaukelt. Latasch wollte mit dem Video zeigen, wie harmlos der Eingriff ist. Er hat aber die Debatte darüber, ob der Brauch Juden und Muslimen in Deutschland verboten werden sollte, weil er Kindern unnötig Qualen zufügt, noch befeuert. Bei der Vorführung wurde eine Zuschauerin ohnmächtig. Der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte wandte sich sogar mit einer Petition an den Bundestag und warnte davor, die Beschneidung zu legalisieren. Sie sei mit erheblichen Schmerzen und Risiken für die Kinder verbunden.

Auch unter Juden und

Muslimen gibt es Kritik

"Es hat mich schon ein bisschen überrascht, warum die Beschneidung auf einmal so ein großes Thema ist. Die Debatte kam wie aus dem Nichts und ist eigentlich unnötig", sagt Kadir, ein 15-jähriger Lörracher. Mit Freunden sitzt er um einen großen Tisch in der "Moschee", einem früheren Wohn- und Gasthaus, das die regierungsnahe türkische Organisation Ditib vor Jahren gekauft hat. Die Freunde nicken. Alle betonen, dass die Beschneidungswunde zwar am Anfang etwas schmerzte. Nach ein, zwei Wochen sei sie aber verheilt gewesen. "Ich habe mir schon einen Moment überlegt, ob wir Muslime mit dieser Debatte diskriminiert werden sollen", sagt Kadir, der das Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach besucht. Trotzdem sieht er das Thema gelassen. "Bei mir in der Schule hat mich nie jemand darauf angesprochen."

Ohnehin stehen die Juden bei der Debatte viel mehr im Fokus. "Für mich war das ein emotionaler Schock", sagt der Freiburger Rabbiner Avraham Radbil (28). "Wir stehen auf einmal so da, als ob wir unsere Kinder quälen. Das tut weh", ergänzt seine Frau Mascha (26), die erst vor wenigen Tagen ein Mädchen zur Welt gebracht hat. Beide Radbils stammen aus der früheren Sowjetunion, sie aus St. Petersburg, er aus einer Kleinstadt in der Ukraine. "Dort war man als Jude abgestempelt. Es gab für uns oft keine Studienplätze", erzählt Mascha Radbil. "Jüdische Hochzeiten konnte man zu kommunistischen Zeiten oft nur versteckt in einem Hinterhof feiern." Ihr Mann berichtet, dass nach Zusammenbruch der Sowjetunion der Antisemitismus noch zugenommen habe. In seiner Stadt wurden mehrere Juden ermordet. "Wir sind eigentlich mit unseren Eltern nach Deutschland gekommen in der Hoffnung, dass hier jüdisches Leben besser möglich ist. Und dann kommt dieses Urteil", sagt Mascha Radbil.

Ihr Mann nickt: "Immerhin hat man uns eingeladen. Doch jetzt sieht es so aus, als wolle man hier die Juden nach dem eigenen Abbild machen. Das enttäuscht mich auch vor dem historischen Kontext." Charlotte Knobloch, Ex-Vorsitzende des Zentralrats der Juden, hat die Debatte zur Frage in einer Zeitung veranlasst: "Wollt ihr uns Juden noch?"

Während der Rabbiner über seinen Kummer redet, klettern seine beiden Jungen auf seinen Schoß, zwei und drei Jahre alt. Beide tragen Kippas, kleine runde Mützen. Blonde Schläfenlocken kringeln sich vor ihren Ohren. "Das Gesetz zur Beschneidung kommt für uns Juden von Gott. Und wenn Gott sagt, dass wir unsere Kinder beschneiden müssen, dann ist das für uns Pflicht", sagt der Rabbiner. "Es zeigt, dass der Körper nicht uns, sondern Gott gehört." Zwischendurch muss er immer wieder seine Ausführungen unterbrechen. Seine Jungs wischen mit den Fingern über Papas I-Pad. Der passt auf, dass es nicht auf den Boden fällt. "Es steckt auch der Gedanke dahinter, dass Gott den Körper nicht perfekt gemacht hat und wir Menschen an der Formung des Körpers teilhaben dürfen."

Auch die Männer und Jungen, die sich in der Ditib-Moschee in Lörrach versammelt haben, sind sich einig, dass die Beschneidung eine religiöse Pflicht ist, an der nicht gerüttelt werden darf. "Im Koran steht das zwar nicht, aber in der Sunna, in den Überlieferungen über das Leben des Propheten", sagt Imam Ensar Uksal. "Die Beschneidung ist für uns also eine Pflicht." Während er redet, reichen ihm die Männer schwarzen Tee und Teigtaschen. "In erster Linie geht es bei uns um die Sauberkeit bei diesem Brauch."

Doch es gibt auch Muslime und Juden, die die Beschneidung kritisch sehen. Jurastudent Nikita Karavaev (27) gehört dazu. Das Kölner Urteil befürwortet er – wenn auch mit Einschränkungen: "Es ist ein Fehler, dass nur eine Studie mit gesundheitlichen Bedenken gegen die Beschneidung berücksichtigt wurde", sagt Karavaev, der mit seiner jüdischen Familie aus der Ukraine nach Deutschland kam. Es gebe aber auch Studien mit gegenteiligem Ergebnis. "Die hätte man auch hören müssen." So befürworten die UN die Beschneidung von Männern in Afrika, da sie das Aidsrisiko senke.

Richtig findet Karavaev allerdings, dass das Gericht das Kindesrecht über das Recht der Eltern auf eine religiöse Erziehung stellt. "Wenn wir das Recht auf ein freies Bekenntnis ernst nehmen, dann kann man keine Kinder mit acht Tagen beschneiden." Er selbst wurde erst nach der Übersiedlung aus dem Osten nach Südbaden beschnitten. Da war er acht. "In der Sowjetunion war das früher nicht üblich." Schmerzhaft, aber nicht traumatisch sei das Erlebnis für ihn gewesen. Ob er sich in seiner Sexualität deshalb heute eingeschränkt fühlt? "Eigentlich nicht", sagt Karavaev, der sich als Atheist bezeichnet. "Aber natürlich weiß ich nicht, wie es wäre, wenn ich nicht beschnitten worden wäre." Ähnlich zurückhaltend äußern sich viele der befragten Juden und Muslime – auch diejenigen, die die Beschneidung befürworten.

Bei einem Rundgang durch die Lörracher Moschee zeigt sich Hayattin Yilmaz, der Vorsitzende der Ditib im Land, optimistisch, dass eine gute Regelung gefunden wird. "Der Bundestag hat sich ja sehr wohlwollend geäußert", sagt er. "Wenn die Religionsfreiheit von Muslimen und Juden eingeschränkt wird, dann kann das auch bald für die Christen ähnliche Folgen haben. Das will doch keiner." Hinter ihm an der Wand stehen Bücher mit goldenen Lettern: juristische und theologische Auslegungen des Korans und anderer wichtiger Schriften. Yilmaz hat kein Problem damit, wenn ein Gesetz regelt, dass die Beschneidung steril im Krankenhaus und mit Betäubung vorgenommen wird. "Für uns würde sich ja nichts oder kaum etwas ändern." Der Imam nickt.

Irina Katz, Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde in Freiburg, fände ein Gesetz eher problematisch. "Aufgrund der historischen Erfahrung haben wir die Nase voll davon, dass es Sondergesetze für Juden gibt", sagt auch ihr Geschäftsführer Thomas Becker. Beide diskutieren das Für und Wider. Offen gibt Irina Katz zu, dass es in ihrer eigenen Familie unterschiedliche Positionen zur Beschneidung gibt. "Meine Mutter war dagegen, als ich meinen Sohn beschneiden ließ." Auch Irina Katz stammt aus der früheren Sowjetunion – wie 90 Prozent aller Juden in Deutschland – und lernte ihre Religion erst wieder richtig in Baden und bei einem Rabbiner im elsässischen Saint Louis kennen. "Die Auswanderung nach Deutschland war die Rettung. Wir Juden aus der Sowjetunion hätten sonst das Judentum komplett vergessen", sagt sie. Deswegen will Irina Katz, dass ein so identitätsstiftender Brauch in Deutschland nicht eingeschränkt wird.

Pinas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbiner, ging in der Debatte sogar so weit, zu sagen: "Sollte das Kölner Urteil Bestand haben, sehe ich für die Juden in Deutschland keine Zukunft." Und was sagt Irina Katz dazu? Sie lacht: "Na ja. Ein paar meiner Gemeindemitglieder sind danach auf mich zugekommen und haben gesagt: Egal, was dieser Rabbiner gesagt hat, wir bleiben hier. Viele von uns sind mit Goethe und Heine aufgewachsen. Europa ist uns viel näher als Israel."