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27. November 2013 00:00 Uhr

Sozialforschung

Armutsrisiko steigt – Experten warnen vor den Folgen

In Deutschland haben so viele Menschen wie noch nie einen Arbeitsplatz: 41,5 Millionen Menschen waren hierzulande 2012 im Schnitt erwerbstätig. Dennoch ist das Armutsrisiko weiter gestiegen.

  1. Immer häufiger zu sehen: Ein Mann sucht in einem Abfalleimer nach Verwertbarem. Foto: dpa

Zu diesem Ergebnis kommt der "Datenreport 2013", den Statistiker und Sozialforscher vorgestellt haben. Der Report wird herausgegeben vom Statistischen Bundesamt, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) und dem Wirtschaftsforschungsinstitut DIW.

Der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, sagte, seit 2006 erkenne man einen ungebrochenen Aufwärtstrend auf dem Arbeitsmarkt. Anlass zur Euphorie sehen die Wissenschaftler, die an der Studie mitwirkten, deshalb nicht. Denn die Statistik dokumentiere auch, dass die Zahl der Menschen steige, denen trotz Arbeit ein Leben in Armut drohe. Als armutsgefährdet gilt der Studie zufolge, wer als Alleinstehender über weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügt – das waren 980 Euro im Jahr 2011. Ein Paar mit zwei Kindern gilt als armutsgefährdet, wenn es weniger als 2058 Euro im Monat ausgeben kann.

Trotz des Booms auf dem Arbeitsmarkt lag der Anteil der armutsgefährdeten Menschen 2011 bei 16,1 Prozent. 2007 lag die Quote noch bei 15,2 Prozent. Das bedeutet, dass laut Studie rund 13 Millionen Bürgern ein Leben in Armut drohe. Das Armutsrisiko stieg vor allem in der Altersgruppe der 55- bis 64-Jährigen und der 18- bis 24-Jährigen besonders stark an. Frauen waren zu 17,2 Prozent bedroht, bei Männern lag die Quote bei 14,9 Prozent.

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Als Grund nennen die Forscher die Ausweitung sogenannter atypischer Beschäftigung. Darunter fallen Teilzeitjobs oder befristete Arbeitsplätze. So erklärt sich, dass 2011 rund 2,8 Millionen Menschen mehr als 1991 bezahlter Arbeit nachgingen, obwohl das Arbeitsvolumen, also die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden, seitdem zurückgegangen ist. Es gelangten also mehr Menschen in Arbeit – zum Preis eines geringeren Einkommens. Roland Habich vom Wissenschaftszentrum Berlin warnte vor einer Verfestigung der Armut. 81 Prozent derer, die 2011 unter der Armutsgefährdungsquote lagen, seien bereits in den vier Jahren zuvor zumindest einmal von Armut betroffen gewesen, sagte Habich. Fast 40 Prozent würden als dauerhaft arm gelten. Im Jahr 2000 waren es 27 Prozent. Habich hält es für alarmierend, dass die Lebenserwartung der Betroffenen deutlich unter der durchschnittlichen Lebensspanne besser situierter Menschen liege. Armutsgefährdete Männer würden im Schnitt elf Jahre, Frauen acht Jahre früher sterben.

Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wirft einen kritischen Blick auf die Situation in Deutschland. Geringverdiener in Deutschland würden künftig einer OECD-Prognose zufolge so wenig Rente wie in kaum einem anderen Industriestaat beziehen. Beschäftigte mit der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens erhalten demnach voraussichtlich nur noch rund 55 Prozent ihrer Bezüge als Rente, laut Prognose "weniger als in allen anderen OECD-Ländern". Der OECD-Schnitt liege bei fast 82 Prozent. Grund: In den meisten Ländern werde zugunsten der Geringverdiener umverteilt, während in Deutschland die Rente von den Beitragszahlungen abhänge.

Autor: Thomas Maron