Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. April 2017

Inflation der Kaiserschnitte

Die Grünen wollen die derzeitige Entwicklung weg von der natürlichen Geburt stoppen.

  1. Immer mehr Kinder kommen durch einen Kaiserschnitt auf die Welt. Foto: dpa

BERLIN. Die absolute Zahl der Kaiserschnitte steigt in Deutschland kontinuierlich an. 2015 erreichte sie mit 222 919 Geburten einen Höchststand. Die grüne Bundestagsfraktion will das ändern. In einem Positionspapier rund um das Thema Geburtshilfe fordern sie die Verpflichtung für Kliniken, "ihre Kaiserschnittraten und gegebenenfalls die von ihnen ergriffenen Maßnahmen zur Senkung" zu veröffentlichen.

Der Anteil der Kaiserschnitte bei allen Geburten in Deutschland betrug im Jahre 1991 noch 15 Prozent, in 2015 aber schon 31,1 Prozent. Damit liegt Deutschland über dem EU-Schnitt und weit über dem Anteil der Kaiserschnitte in den Niederlanden und den skandinavischen Ländern. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hält alle Raten über 10 oder gar 15 Prozent für medizinisch ungerechtfertigt.

Die Spitzenstellung in Deutschland hält erstaunlich konstant das Saarland – 2015 waren 38,5 Prozent der Geburten dort Kaiserschnitte. Aber auch Baden-Württemberg liegt ebenso konstant über dem Bundesdurchschnitt: 2015 erfolgten hier 31,7 Prozent der Entbindungen per Kaiserschnitt. In Sachsen liegt die Rate dagegen im Vergleich am niedrigsten.

Werbung


Gesundheitsforscher rätseln über die Ursachen der zunehmenden Zahl von Kaiserschnitten. Es wird auf das statistisch steigende Geburtsgewicht von Säuglingen hingewiesen, auf vermehrte Zwillingsgeburten oder eine allgemein veränderte Einstellung der Eltern zur Geburt und Schmerzen.

Der Deutsche Hebammenverband führt vor allem die "zunehmende Arbeitsbelastung bei immer weniger Personal in den Kreißsälen, einen Verlust von Wissen über die normale Geburt sowie die steigende Angst vor Fehlern in der Geburtshilfe" an. Die Grünen weisen darauf hin, dass "die Kaiserschnittrate in kleineren Kliniken und Belegabteilungen höher als in großen Einrichtungen" sei. Insbesondere wegen des Personalmangels würden hier "nachts oder am Wochenende häufiger Kaiserschnitte durchgeführt".

Kaiserschnitte sind zudem für Kliniken attraktiv, weil sie höher vergütet werden als Normalgeburten. Setzt das Vergütungssystem also falsche Anreize? Die Techniker-Krankenkasse (TK) weist darauf hin, dass es seit 2010 bei Kaiserschnitten noch Unterschiede gibt: Nichtgeplante Kaiserschnitte etwa nach Komplikationen werden höher vergütet als geplante. Das wissenschaftliche Institut der TK hat vorgerechnet, dass bei TK-Patientinnen 2008 noch 51,4 Prozent der Kaiserschnitte geplant waren, sechs Jahre später aber schon 55,7 Prozent.

Bei den baden-württembergischen AOK-Patientinnen kehrte sich das Verhältnis von geplanten zu ungeplanten Kaiserschnitten – 2008 bei 53,9 zu 46,1 Prozent bis 2015 fast genau um. Andreas Meusch, der Direktor des Wissenschaftlichen Instituts der TK, sagt: "Es liegt nahe, dass es sich nicht nur um einen zahlenmäßigen, sondern auch um einen ursächlichen Zusammenhang handelt."

Werden also Entbindungen zu oft mit Kaiserschnitten beendet, weil es sich für die Kliniken lohnt? Die Krankenkassen halten sich mit Einschätzungen zurück, während die Grünen forscher auftreten. Sie verlangen in ihrem Papier das Beseitigen "von Fehlanreizen zugunsten von Kaiserschnittgeburten". Deshalb solle die Vergütung von Spontanentbindungen angehoben und an die für Kaiserschnitte angeglichen werden.

Autor: Norbert Wallet