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09. Januar 2010

Kampf dem Gentrifidingsbums

Seit August besetzen Künstler leerstehende Gebäude im Hamburger Gängeviertel. Jetzt hat die Hansestadt das Quartier vom Investor zurückgekauft.

  1. Künstler retten ein Stadtviertel vor dem Abriss: Protestplakat im Hamburger Gängeviertel Foto: DPA/ DDP

  2. Christine Ebeling (zweite von rechts) feiert den Erfolg. Allein lässt sie sich nur ungern fotografieren. Der erfolgreiche Protest sei doch eine Gemeinschaftsleistung der Künstler. Foto: dpa

Christine Ebeling bewahrt ihre Visitenkarten in einem kleinen Jutebeutel auf. Es gibt Visitenkarten-Etuis aus Nappaleder, Edelstahl-Etuis, Schatullen aus Holz, aber die sind alle nichts für sie. Christine Ebeling steckt die Visitenkarten in eine Miniversion jener Jutebeutel, die man zum Einkaufen verwendet. Auf dem Beutel ist die Landesflagge von Hamburg mit dem Rathaus zu sehen. Eine Tür des Rathauses hat Ebeling rot angemalt, "damit es so aussieht, als wäre die Tür offen". Sie ist Pressesprecherin einer Zunft, die noch nicht lange dafür bekannt ist, mit Pressesprechern zu agieren. Sie vertritt die Hausbesetzer aus dem Gängeviertel.

Christine Ebeling, 43, kam mit sieben Jahren nach Hamburg. Als sie Abitur machte, waren die Häuser in der Hafenstraße besetzt, ihre Freunde waren bei dem Protest dabei. Sie ist freischaffende Künstlerin geworden. Und zum Gesicht des Protestes im Gängeviertel. Christine Ebeling würde dieser Aussage natürlich nie zustimmen, der Erfolg war eine Gemeinschaftsleistung, sagt sie.

Das historische Gängeviertel liegt in der Hamburger Innenstadt, direkt hinter dem Gänsemarkt mit seinen Drogeriemärkten und Fast-Food-Palästen. Im Gängeviertel lebten einst Hafenarbeiter in Fachwerkhäusern; der Name rührt daher, dass man die dicht aneinander gebauten Häuser mit verwinkelten Hinterhöfen oft nur über schmale Gänge erreichen konnte. Es war ein Viertel für Arme, viele Hamburger nannten es Verbrecherquartier.

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Die Häuser haben Geschichte, Patina und lustige Namen: Puppenstube, Butze, Kupferdiebe-Haus, Kutscherhäuser. Sie sind mehrstöckig, zeigen nach vorne blasse Fassaden und nach hinten ihre rote Backsteinstruktur, manche haben noch handgemalte Hausnummern.

Ein Dutzend Häuser in den Straßen Valentinskamp und Caffamacherreihe sind sanierungsbedürftig. Die Stadt hatte sie vor Jahren an die Hamburger Investoren Fuchs & Werner verkauft. Die stellten im Februar 2003 Pläne für ein Quartier vor, in dem Künstler wohnen und sich bei der Arbeit zuschauen lassen sollten, in den Obergeschossen waren teure Lofts geplant. Vorbild sollten die Hackeschen Höfe in Berlin sein. Hans-Peter Werner sagte damals: "Ich bin hier ansässig, mir liegt die Neustadt am Herzen."

Das konnte man ihm glauben, seine Firma sitzt am Valentinskamp. Doch Fuchs & Werner geriet in Finanznöte und musste an den niederländischen Investor Hanzevast verkaufen. Der wollte die Häuser entkernen, abreißen, eine Tiefgarage bauen. Die Künstler fürchteten seelenlose Stahl-Glas-Bauten und steigende Mieten, die sie aus der Innenstadt verdrängen würden. In der Initiative "Lebendiges und kreatives Gängeviertel" plädierten sie dafür, das Viertel kreativ und künstlerisch zu nutzen und es mit seiner typischen Gebäudestruktur zu erhalten.

Ende August besetzten 200 Künstler innerhalb von zwei Stunden mehrere Häuser, indem sie ihre Kunstwerke dort aufhängten. Christine Ebeling erzählt gerne eine Hausbesetzer-Schnurre von diesem Sonnabend. "Viele Polizisten standen herum. Wir wunderten uns, wieso sie nichts unternehmen. Plötzlich hörten wir Blasmusik. Die Polizei bewachte einen Schützenumzug, bekam von unserer Aktion erstmal nichts mit." Christine Ebeling lacht, die Geschichte amüsiert sie immer noch. "Seid artig, packt eure Bildchen ein und dann hopp hopp", pinselten Unbekannte an eine Wand, mehr Gegenwind gab es nicht.

Gentrifizierung nennt die Stadtgeografie die Aufwertung von Stadtteilen. Die Gentrifizierung ist ein abstraktes Monster, gegen das man schlecht Steine werfen kann. Bei einer Demonstration bezwang man das Ungetüm kurzzeitig, indem man auf das Transparent "Bambule gegen Gentrifidingsbums" schrieb.

Die Aktionen der Künstler waren erfolgreich. Die Stadt kaufte die Häuser vom Investor Hanzevast für 2,8 Millionen Euro zurück. Christine Ebeling stieß mit Bier auf den Erfolg an. "Jetzt geht die Arbeit erst richtig los. Denn jetzt müssen wir unser Nutzungskonzept der Stadt schmackhaft machen", sagt sie. "Sonst war doch alles umsonst."

Der Erfolg der Gängeviertel-Initiative wird bereits als "Wunder von Hamburg" gefeiert. Er ist ein Präzedenzfall, er steht für mehr Mitbestimmung von Bürgern bei der Stadtentwicklung. Es ist die uralte Geschichte von David gegen Goliath. Vom kleinen Künstler, der erfolgreich gegen die große Politik der Stadt kämpft. David hat gewonnen, vorerst.

Aber nicht, weil er Goliath mit einer Steinschleuder dahinstreckte. Der Hamburger Häuserkampf ist ein Kampf, der ausschließlich mit den Mitteln der Intelligenz geführt wird: gewaltfrei, eloquent, mit Charme und Witz. Und David gewinnt, weil Goliath ihn gewinnen lässt. Um sympathischer zu wirken. Um am Ende nicht am Boden zu liegen.

Selbst die konservative Springer-Presse berichtete nur positiv über das Anliegen der Künstler. Wohl auch, weil die Springer-Journalisten ebenfalls im Gängeviertel arbeiten. Sie sind die direkten Nachbarn der Besetzer und ein gutes Beispiel dafür, dass räumliche Nähe manchmal geistige Nähe nach sich zieht.

Der Gängeviertel-Protest hat außerdem das, was jede Medienkampagne braucht: ein Corporate Design mit schickem Logo und dem einprägsamem Slogan "Komm in die Gänge". Wer durch die Hansestadt läuft, dem begegnet das Gänge-Logo auf Revers, Kaugummiautomaten, Koffern, U-Bahnen, Kabelrollen.

Der Sieg wird als Wunder

von Hamburg gefeiert.

Christine Ebeling steht in einem der Häuser des Gängeviertels, an den Wänden hängen Bilder, Comic-Kunst, Pop-Art, daneben stehen Installationen. Spricht man sie auf die gelungene Marketingkampagne an, schaut sie ein wenig beleidigt unter ihrer schwarzen Wollmütze hervor. Das mit dem Logo habe sich eben so ergeben, sagt sie, weil man gute Grafiker im Team habe. Und die Slogans lagen in der Luft.

Wer Sprüche wie "Eine Stadt ist keine Marke" propagiert, möchte nicht in den Verdacht geraten, selbst eine städtische Marke aufzubauen. "Eine Stadt ist keine Marke und kein Unternehmen, sondern ein Gemeinwesen" – so heißt der vollständige Satz aus dem Künstler-Manifest "Not in our name, Marke Hamburg". Die Gängeviertel-Bewegung ist mittlerweile dreierlei: eine Hamburger Marke mit Wiedererkennungswert, ein Unternehmen mit Infrastruktur, ein Gemeinwesen. Man kann sogar Unterhosen, Hemden und T-Shirts kaufen, auf denen das Wort "Kapitalentwicklung" steht, "Talent" ist dabei in Kapitälchen gesetzt. Die Kleidung hat Christine Ebeling entworfen. Als Fanartikel zur Bewegung möchte sie die Bekleidung aber nicht verstanden wissen, sondern als reproduzierbare Kunst.

Der Glamourfaktor der

Kampagne ist gewaltig.

Daniel Richter, einer der derzeit teuersten deutschen Maler, solidarisierte sich mit den Protestierenden, genau wie Regisseur Fatih Akin. Tocotronic, Fettes Brot und Jan Delay stärken ihnen aus der Popbranche den Rücken. Verständlich, dass die Stadt nicht ihre Stars gegen sich aufbringen will. Der Glamourfaktor der Kampagne ist beachtlich.

Der Glamourfaktor im Alltag ist gering. In den Häusern ist es so kalt wie auf der Straße. In einer Ecke steht ein kaputter Ofen mit einem staubigen Ofenrohr. Von der Wand schälen sich sechs Tapetenschichten, durch die dünnen Fenster zieht es. Zwei junge Männer in Jeans und Winterjacken halten die Stellung. Sie verteidigen den Status quo, passen auf, dass niemand die Kunstwerke klaut, stehen bereit, falls Besucher Fragen haben oder eine Kapitalentwicklungs-Unterhose kaufen möchten. Bei den Temperaturen gibt es kaum Laufkundschaft.

Im Zimmer nebenan erinnert eine Tapete mit dem Filmgespenst Casper an die Zeiten, als hier noch Familien mit ihren Kindern wohnten. Ohne Heizung, mit einfach verglasten Fenstern. Seit mehr als sechs Jahren stehen die Häuser leer, und man begreift, wieso. Die Finanzbehörde hat zugesichert, die Häuser winterfest zu machen. Die jungen Männer erkundigen sich, wann. "Bald", sagt Ebeling.

Überall stehen Behelfsheizungen. Die Künstler sind darauf angewiesen, viele leben vom Ersparten. Manche versuchten, ihre Aufträge nebenher zu erledigen, andere ließen die Arbeit ruhen, berichtet sie. "Für viele", sagt Christine Ebeling, "muss etwas bei der ganzen Aktion herauskommen, damit es sich gelohnt hat." 200 Künstler unterstützen die Initiative, 50 sind jeden Tag dort, quasi hauptberuflich. "Kaum zu glauben, dass ich die meisten vor einem Jahr noch gar nicht kannte", sagt Ebeling später. "Wir sind wirklich eine große Familie geworden."

Ihr Handy klingelt, sie muss zurück ins Büro. Im vorderen Raum liegen Sprechblasen aus Pappe. "Freiräume statt Investorenträume" steht darauf oder "Die Gäng ist groß!". An der Wand hängt ein Foto des Hamburger CDU-Bürgermeisters Ole von Beust. Ole lächelt und schaut bei den Vorbereitungen für die Demonstration zu. An die Tür hat einer mit Tesafilm eine ausgedruckte E-Mail geklebt. Sie kam, als bekannt wurde, dass die Stadt die Häuser zurückkauft. Auf dem Ausdruck steht: "Ihr seid für mich die Helden des Jahres 2009."

Autor: Nora Reinhardt