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17. August 2017

Arbeitsmarkt

Reguläre Jobs boomen wieder

Dennoch gibt es Kritik daran, dass prekäre Arbeitsplätze in Deutschland weit verbreitet bleiben.

FREIBURG. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag außerhalb der Leiharbeit mit mehr als 20 Wochenstunden – solche Normalarbeitsverhältnisse liegen in Deutschland wieder im Trend. Sozialverbände und Gewerkschaften kritisieren, dass es trotzdem zu viele aus ihrer Sicht prekäre Jobs gebe.

Im vergangenen Jahr sind laut Statistischem Bundesamt hierzulande 121 000 zusätzliche atypische Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Deren Zahl wuchs um anderthalb Prozent auf 7,655 Millionen. Als atypisch werten die Empiriker einen Job, wenn er mindestens eines der folgenden Kriterien erfüllt. Es ist ein Minijob (auch 450-Euro-Job genannt), der Arbeitsvertrag ist zeitlich begrenzt, es handelt sich um Leiharbeit (= Zeitarbeit) oder die Arbeitszeit beträgt im Schnitt weniger als 20 Stunden pro Woche.

63 Prozent aller atypisch Beschäftigten arbeiten Teilzeit mit einer geringen Wochenarbeitszeit, 35 Prozent haben befristete Verträge, 28 Prozent arbeiten als Minijobber, 10 Prozent als Leiharbeiter. Addiert man diese Teilsummen, kommt deshalb mehr als 100 Prozent heraus, weil ein Arbeitnehmer mehrere Kriterien der atypischen Beschäftigung erfüllen kann.

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Erfüllt ein Job keines der vier Kriterien, handelt es sich im Verständnis der Arbeitsmarktforscher um ein Normalarbeitsverhältnis. Davon entstanden vergangenes Jahr zusätzlich 808 000. Damit wuchsen diese regulären Jobs mehr als doppelt so schnell wie die atypischen – um 3,3 Prozent auf 25,64 Millionen.

Etwa jeder fünfte Erwerbstätige ist atypisch beschäftigt. Ihr Anteil an allen Erwerbstätigen stieg in den 90er-Jahren bis Mitte des vergangenen Jahrzehnts (siehe Grafik). Danach ging es abwärts, ohne dass das Niveau der 90er-Jahre wieder erreicht worden wäre. 2016 sank der Anteil der atypisch Beschäftigten an allen Erwerbstätigen von 20,8 auf 20,7 Prozent. Der Anteil der Normalarbeitsverhältnisse legte von 68,7 auf 69,2 Prozent zu.

Ulrike Mascher vom Sozialverband VdK sagte: "Der konstant hohe Anteil atypischer, und in ihrer Mehrheit prekärer, Beschäftigungsverhältnisse ist besorgniserregend." Sie warnte vor steigender Altersarmut. Wer wenig verdiene, zahle kaum in die Rentenkasse. Der gesetzliche Mindestlohn müsse von 8,84 auf 12 Euro steigen, "damit Erwerbstätige eine armutsfeste Rente erwirtschaften können."

Der Geschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbands der Personaldienstleister (BAP), Thomas Hetz, sagte: "Bereits seit einigen Jahren ist der Anstieg der atypischen Beschäftigung nicht mehr mit dem Abbau von regulären Arbeitsplätzen verbunden, wie es noch in den Nullerjahren der Fall war." Die "noch immer gängige Vorstellung, dass Unternehmen Normalarbeitsplätze abbauen und durch Teilzeitstellen, Minijobs oder Leiharbeit ersetzen, trifft die Realität auf dem Arbeitsmarkt seit mindestens 2010 nicht mehr."

Familienministerin Katarina Barley (SPD) betonte, viele Alleinerziehende könnten nur wenige Stunden arbeiten, weil Betreuungsplätze für ihre Kinder fehlten. Die Ganztagsbetreuung von Grundschülern müsse ausgebaut werden.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach forderte jüngst, "den Niedriglohnbereich auszutrocknen, Minijobs in abgesicherte Beschäftigung umzuwandeln und die sachgrundlose Befristung abzuschaffen". Besonders junge Menschen bekämen immer öfter nur eine befristete Arbeit. Arbeitsmarktforscher weisen darauf hin, dass zahlreiche zunächst befristete Jobs später in unbefristete Arbeitsverträge umgewandelt werden.

Autor: Ronny Gert Bürckholdt und dpa