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28. Februar 2009
Magazin
Walter Jens: Nachruf auf einen Lebenden
Wie sich der Buchautor Tilman Jens von seinem berühmten kranken Vater verabschiedet – und warum er damit ein so zorniges Echo auslöst
Jawohl, er konnte auch ein Fiesling sein, der beliebte und berühmte Professor. Ein Taxifahrer im Publikum kann es bezeugen. Bei dem stieg er an der Universität ein und knurrte: "nach Hause". Und als der Chauffeur wagte die Uhr einzuschalten, stieg der Prominente türknallend wieder aus und beschwerte sich in der Taxizentrale. Einen Professor Jens, so viel steht fest, behandelt man nicht wie einen normalen Menschen. Nicht in Tübingen. So erntet denn der Lieferant der Anekdote auch Murren an diesem Abend. Keine Hand im Saal rührt sich für ihn zum Applaus.
Seltsam, der Mann oben auf dem Podium bekommt ganz viel davon, immer wieder. Obwohl ihm angeblich nichts wichtiger ist, als den Gelehrten Walter Jens dem Publikum als einen ganz normalen Menschen vorzustellen. Es ist Tilman Jens, sein Sohn.
ist lang schon gegangen."
Sohn Tilman Jens
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"Vatermord" hat man dem Journalisten Tilman Jens vorgeworfen, und dass er mit seinem Buch "Demenz – Abschied von meinem Vater" intimste Familiengeschichten auf geschmacklose, verletzende, selbstgerechte Weise an die Öffentlichkeit zerre, um einer Abrechnung mit dem Vater und gar eines kommerziellen Erfolges willen.
Hier im Saal aber, der bis zum letzten Stuhl besetzt ist, kann der anfangs nervös wirkende Vorleser, wenn er will, schon nach kurzer Zeit Anflüge von Wohlwollen spüren. "Ich möchte Ihnen danken für den liebevollen Blick auf Ihren Vater", bestätigt eine ältere Zuhörerin, als er geendet hat. Und eine andere bekennt: "Ich bin total überrascht von der Wärme und der Herzlichkeit Ihres Textes." Hat das deutsche Großfeuilleton etwas falsch verstanden, kann es denn nicht lesen?
Das Schmunzeln von Inge Jens scheint genau das auszudrücken. Die hagere, kerngesund wirkende 82-Jährige, Mutter von Tilman Jens und seit 58 Jahren Ehefrau von Walter Jens, sitzt in der ersten Reihe, schaut zum Sohn auf, und lächelt immer wieder hintersinnig, als er liest.
Neben ihr ein starker Kontrast, eine korpulente, rotwangige jüngere Frau, die ihre starken Arme verschränkt und ungerührt zur Kenntnis nimmt, dass sie vom Vorleser immer wieder lobend erwähnt wird: Sie wird dem Publikum als Margit Hespeler vorgestellt, Ende vierzig, Bäuerin aus dem Umland – und seit einigen Monaten hauptberuflich Pflegerin von Walter Jens.
Nur der an diesem Abend Omnipräsente ist nicht dabei. Glaubt man dem Autor, dann vegetiert er in seinem Haus eineinhalb Kilometer von hier, in einem Zustand von Dämmerung, Infantilität und unberechenbarem Bewegungsdrang. Der brillante, streitbare und publizitätsbewusste Tübinger Rhetorikprofessor Walter Jens – jahrzehntelang eine Instanz im deutschen Geistesleben – ist seit Jahren unheilbar demenzkrank. "Sein Verstand ist erloschen", schreibt sein Sohn. "Der Vater, den ich kannte, ist lang schon gegangen."
Aber Tilman Jens belässt es nicht bei solchen summarischen Sätzen, das ist einer der Gründe, warum sein Buch ein so zorniges Echo auslöst. Er schildert vielmehr haarklein einen langen, quälenden häuslichen Alltag voller Horror, Nächte mit Versuchen, einen Herumgeisternden wieder einzufangen und dem Wechseln stinkender Windeln, dem intellektuellen Totalausfall eines früheren Eloquenzgenies – und von Aggression: "Manchmal aber wird er wütend. Er ballt die Fäuste. Er schreit, haut, spuckt um sich. Wenn er trifft, hat meine Mutter am nächsten Morgen blaue Flecken. Mit über 80 ist auch sie eine Frau, die geschlagen wird. Häusliche Gewalt steht am Ende dieser Vorzeige-Ehe."
Muss das sein? Weiß die interessierte deutsche Öffentlichkeit nicht genug darüber, was Demenzkrankheiten an ihren Opfern anrichten? Was ist der Sinn, solche tragischen, pathologischen Verhaltensweisen vor den Lesern auszubreiten? Und wie steht es um die Würde desjenigen, dessen Verhalten da geschildert wird, ohne dass er zu einer Veröffentlichung noch Ja oder Nein sagen könnte? "Er selber hätte das gutgeheißen", versichert Inge Jens anschließend in kleinem Kreis, "er selbst hat nie gekniffen."
Im Grunde war ja sie es, die den Tabubruch begangen hat, nicht ihr Sohn – nämlich als Inge Jens, selbst eine Intellektuelle und geschliffene Rednerin, vor knapp einem Jahr der Illustrierten Stern ein Interview gab, das man schonungslos nennen kann. Darin schildert sie, was mit ihrem Mann, der immer noch viel Fanpost erhalten habe, eigentlich seit langem los war. "Ich glaubte, das den Leuten mitteilen zu müssen", begründet sie den Schritt heute, "wir haben 50 Jahre lang der Öffentlichkeit Rede und Antwort gestanden. " Das Gespräch gipfelte damals in den Sätzen: "Er ist nicht mehr mein Mann", und, "ich bete, dass er eines Morgens einfach nicht mehr aufwacht."
Walter Jens selbst hat den Gedanken an den Tod und daran, wie man ihn im Notfall selbst herbeiholen dürfen sollte, nicht gescheut. Zusammen mit seinem Freund und Tübinger Nachbarn Hans Küng (80), dem eigensinnigen Theologen, hat Jens ein Plädoyer für aktive Sterbehilfe gehalten. Ihr Buch "Menschenwürdig sterben" kommt nächste Woche neu heraus – mit einem Nachwort von Inge Jens. Walter Jens selbst sprach vor Jahren selbst die Hoffnung aus, dass ihm ein couragierter Arzt helfe, wenn er einen Zustand erreicht, den man nicht mehr als menschliches Leben bezeichnen kann.
Aber wann ist dieser Zustand erreicht, und was würde der Kranke, was würde Walter Jens jetzt wollen, wenn er sich so sieht? Zu den eindrucksvollsten Passagen im Buch von Tilman Jens gehört das Protokoll der innerfamiliären Debatten in der Familie über diese Fragen – samt dem Eingeständnis ihres Scheiterns: "Wir wissen es nicht. Wir haben kein Mandat, einen schwerkranken Mann aus der Welt zu schaffen."
das gutgeheißen."
Ehefrau Inge Jens
Ob der Sohn angesichts eines plötzlich bekannt werdenden moralischen Fehlers seines brillanten Übervaters nicht auch ein Triumphgefühl gehabt habe, wird der Vorleser in Tübingen gefragt. Und hier wird Tilman Jens zum ersten und einzigen Mal richtig laut: "Nein, nein, nein", ruft er und beteuert: "Nicht jeder Sohn eines Prominenten trägt einen ödipalen Konflikt mit sich herum." Seit Sigmund Freud aber weiß man: Auch die Lautstärke eines Dementis verrät etwas über dessen Qualität.
Autor: Stefan Hupka


