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15. Dezember 2010

Wettstreiten verboten

Münchens Bewerbung für die olympischen Winterspiele 2018 schien bereits eingetütet, doch nun bocken Garmischs Bauern erneut.

Die Absage kommt ebenso unerwartet wie unmissverständlich: 59 Landwirte und Grundstücksbesitzer aus Garmisch-Partenkirchen teilen Bayerns Staatsregierung mit, dass sie ihre Flächen definitiv nicht für die Olympischen Winterspiele 2018 zur Verfügung stellen werden. Für ihren Münchner Rechtsanwalt Ludwig Seitz ist klar: "Ohne diese Grundstücke ist eine Olympiabewerbung nicht möglich." Die widerspenstigen Bauern setzen CSU-Staatskanzleichef und Verhandlungsführer Siegfried Schneider gar ein Ultimatum: Bis 22. Dezember soll die Bewerbung für die Spiele zurückgenommen werden – ansonsten werde man dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in Lausanne selbst mitteilen, dass die Vorhaben für München und Oberbayern hinfällig seien. Denn geplant werde weiterhin unverdrossen auf fremdem Grund und Boden.

Wie es zu dieser Absage kommen konnte, darüber wird Stillschweigen bewahrt. Die Rede ist aber immer wieder davon, dass sich die Bauern oft missachtet gefühlt haben. Die Olympia-Bewerbungsgesellschaft habe, so ein Vorwurf, die Wiesen der Landwirte verplant, ohne zuvor mit ihnen gesprochen zu haben – und zwar auf Augenhöhe.

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Offenkundig hat sich Siegfried Schneider als Abgesandter von Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) lange Zeit von Wunschdenken leiten lassen. Denn er verkündete noch Ende September stolz, dass er nach einem mehrmonatigen Verhandlungsmarathon die Flächen im Wesentlichen beisammenhabe für eine im Vergleich zum Ursprungskonzept abgespeckte Olympia-Version.

Olympia in München – das ist eine lange Geschichte voller Verheißungen, aber auch voller Pleiten und Pannen. München wäre weltweit die erste Stadt überhaupt, die nach den Sommerspielen 1972 auch Winterspiele austragen würde. Da die Isar-Metropole aber flach ist und außer dem kleinen Hügel im Olympiapark keine Berge zu bieten hat, wurden die oberbayerischen Skigebiete in die Bewerbung mit einbezogen. Die Eiswettbewerbe sollen in München stattfinden, Skirennen in Garmisch-Partenkirchen, Rodeln in Schönau am Königssee.

Den ersten Tiefschlag gab es schon Anfang Juli dieses Jahres, als das für den Langlauf eingeplante Oberammergau von sich aus verzichtete. Dort hatten Olympiagegner erfolgreich Stimmen für ein Bürgerbegehren eingesammelt – die Stadtspitze wollte sich aber keinem solchem Votum aussetzen und blies die Teilnahme ab. Der Langlauf ist nun ins staatliche Gestüt Schwaiganger verlegt, 30 Kilometer nordöstlich von Garmisch.

Dann kam im Sommer der Aufstand der Garmischer Landwirte, vom "Bauernkrieg" war die Rede. Der als herrisch bekannte Bürgermeister Thomas Schmid, ein CSU-Abtrünniger, wähnte den Ort schon im Glanze vieler großer Neubauten. Mit den Bauern, die sich traditionell nur schwer von Grund und Boden trennen, redete er nicht. Ebenso wenig wie der bekannte Bekleidungshersteller Willy Bogner, der zu dieser Zeit an der Spitze der Olympia-Bewerbungsgesellschaft stand. Mittlerweile ist der gesundheitlich offenbar schwer Angeschlagene von dem Posten zurückgetreten.

"Der Bogner hat’s verbockt" – das war in Garmisch-Partenkirchen oft zu hören. Eine Bäuerin etwa kritisierte, sie habe erst bei einer Informationsveranstaltung im fernen München auf einem Plan entdeckt, dass auf ihrer Wiese eine Straße gebaut werden sollte. Weil nichts mehr voranging, schaltete sich die Staatsregierung persönlich ein. Deren Emissär Siegfried Schneider fuhr wochenlang die A 95 von München nach Garmisch hin und her. Er sammelte die bedeutenden Vereinsvorsitzenden um sich, die in Oberbayern ähnliches Gewicht haben wie in fernen Ländern die Stammesältesten.

Im Hinterzimmer wurde das Konzept umgepflügt. Die Grünflächen um den Ort sollten nicht geopfert werden, sondern bleiben. Auf Prestigebauten wie ein Kongresszentrum oder neue Hotels wurde verzichtet, stattdessen sollten veraltete Anlagen umweltfreundlich saniert werden. Der Durchbruch in Garmisch-Partenkirchen schien endlich geschafft, ein Kompromiss zwischen Bauern und Bayerischer Staatsregierung gefunden, der Emissär Siegfried Schneider wurde selbst von Ministerpräsident Horst Seehofer als Held gefeiert.

Nun allerdings fällt alles auf die Staatskanzlei zurück. "Schneider hat die Lage schöngeredet", verkünden etwa die Grünen im Landtag. Und SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher verlangte gestern, dass dieser unverzüglich den Parlamentariern Bericht erstattet: "Es ist offensichtlich noch nichts in trockenen Tüchern."

Unklarheit herrscht darüber, wie wichtig die betroffenen Grundstücke für die Bewerbung sind. Alle liegen im innersten Bereich um die Sportstätten, so verkündete jetzt Anwalt Ludwig Seitz, nämlich in dem Gebiet, welches das IOC aus Sicherheitsgründen einzäunen lassen will. Schneider hingegen spricht nur von einer "Handvoll Grundstücke", welche für die Planung überhaupt von Bedeutung seien. Eines davon liegt allerdings am Ziel der Kandahar-Abfahrt, in das die Skirennfahrer hineinschießen sollen, ein anderes in der Nähe des Skistadions, ein weiteres am Garmischer Hausberg, dem Wettkampfort der Snowboarder und Freestyler.

Auf die eine oder andere Fläche könnte man zwar verzichten, heißt es, dann müsste man aber stattdessen wiederum anderen störrischen Landeigentümern ihre Grundstücke abhandeln – was wohl auch keine leichte Aufgabe wäre.

"Es ist offensichtlich noch nichts in trockenen Tüchern."

SPD-Fraktionschef

Markus Rinderspacher
Der Vorwurf, es gehe ihnen vor allem ums Geld, wird zumindest von den betroffenen Bauern vehement bestritten. Dennoch sind im Ort immer wieder anderslautende Gerüchte zu hören. Der Zwist um das Olympia-Projekt wird auch in Garmisch immer größer.

Auch bundesweit birgt das Thema Sprengstoff. So sprachen sich jüngst auf dem Freiburger Bundesparteitag der Grünen die Mehrheit der Delegierten gegen eine Bewerbung Münchens für die Olympischen Winterspiele 2018 aus – gegen den erklärten Willen der Führungsetage. Nach dieser auch persönlichen Schlappe legte die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth ihr Amt im Kuratorium für die Olympiabewerbung nieder.

Es ist vor allem die fragwürdige Umweltbilanz der Spiele, die in der Partei die Gemüter in Wallung bringt. An Kritikpunkten mangelt es nicht: Parkplätze für Tausende Autos und Busse, neue Straßen, für den kleinen Ort überdimensionierte Gebäude, frische Schneisen in die Wälder für Zuschauertribünen und Pisten, dazu noch riesige Mengen per Schneekanone verschleuderten Wassers und Energie – all das hat Potenzial, es bei der Ökopartei auch im Landesverband und vor allem in der Münchner Lokalpolitik gewaltig krachen zu lassen.

Zumindest die Umweltverbände  sind sich einig in ihrer Ablehnung des Megaprojektes; der Bund Naturschutz hat erst zu Wochenbeginn seine Ablehnung bekräftigt und detailliert begründet. Minister Schneider gibt sich jedoch weiterhin gelassen: Wenn man die Grundstücke nicht bekomme, könne man umplanen. Aber zum wievielten Mal? Schließlich müssen die Bewerbungsunterlagen, gesammelt in einem sogenannten Bid Book, am 11. Januar 2011 in Lausanne vorgelegt werden.

Dort sollen die Chancen der Münchner im Vergleich zu den beiden Mitbewerbern Pyeongchang (Südkorea) und Annecy (Frankreich) sogar recht gut stehen – zumindest hatte man bisher Grund, bei der Abstimmung am 6. Juli in der IOC-Vollversammlung im südafrikanischen Durban optimistisch zu sein. Das liegt sicherlich auch an der Ausstrahlung der Bewerbungsbotschafterin und Eiskunstlauf-Olympiasiegerin Katarina Witt. Die hatte jüngst mit ihrem Showtalent bei einer Präsentation im mexikanischen Acapulco gezeigt, wie man ältere Männer zum Schwärmen bringt.

In Garmisch wird aber selbst die Beckenbauerin, wie die Süddeutsche Zeitung die einstige Eisprinzessin in Anlehnung an einen männlichen Kollegen nannte, den als Sportbotschafter und Glückskind nicht minder erfolgreichen Fußballkaiser, die Sache nicht richten können. Wenn dort alle Überzeugungsarbeit nichts fruchtet, könnte Bayern nur noch auf die Nothilfe vom Nachbarn Österreich hoffen, zu dem der Freistaat eine Art Hass-Freundschaft pflegt. Tirol hat bereits angeboten, den Skirennfahrern in Innsbruck Asyl zu bieten – die Stadt wäre dafür bestens ausgestattet. Eine solche Blöße werden sich die Bayern aber kaum geben wollen.       

Autor: Patrick Guyton