Polizist packt aus

Libanesische Familienclans beherrschen im Ruhrgebiet ganze Straßenzüge

Johannes Nitschmann

Von Johannes Nitschmann

Mo, 23. Januar 2017 um 10:55 Uhr

Deutschland

Parallelwelten? "No-Go-Areas"? Wie die Sicherheitslage im Gelsenkirchener Süden aussieht, schildert ein Polizist vor einem U-Ausschuss im Landtag. Von mafiösen Strukturen ist die Rede.

Die explosive Zone beginnt hinter dem Hauptbahnhof und erstreckt sich im Süden auf die Stadtteile Rotthausen, Ückendorf und Bismarck. Wie von Geisterhand dirigiert rotten sich dort mitunter 50 bis 60 Libanesen zusammen, um Führerschein- und Personenkontrollen zu boykottieren.

"Da wird auf den Streifenwagen gespuckt. Die ganze Frontscheibe ist berotzt. Die sind aggressiv bis zum Gehtnichtmehr", berichtet Ralf Feldmann, Leiter der Polizeiwache im Gelsenkirchener Süden. Häufig bekämen seine Leute zu hören: "Haut hier ab! Die Straße gehört uns, ihr habt hier nichts zu melden." Oder: "Ich fick Dich auf dem Rücken Deiner Mutter."

Extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit

Schrottimmobilien, Leerstand, Tristesse – viele Deutsche haben längst die Flucht ergriffen. Immer mehr Internet-Cafés, Wettbüros und Shisha-Bars siedeln sich hier an. Die Jugendarbeitslosigkeit ist exorbitant hoch. 90 Prozent der libanesischen Jugendlichen sind laut Polizei ohne Schulabschluss und Ausbildung.

Aggression und Respektlosigkeit gehören für Feldmann zum Polizeialltag. Mitunter würden die Beamten mit illegalen Böllern beworfen. Der 56-jährige Wachleiter hat sich im Laufe der Jahre ein dickes Fell zugelegt. Das Wort "Bulle" hat er oft genug gehört, beleidigend findet er das nicht mehr.

Traut sich die Polizei nicht mehr hin?

Wollte er alle Beleidigungen strafrechtlich verfolgen, müsste er täglich manchmal 200 Anzeigen schreiben, berichtet Feldmann dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag.

Der U-Ausschuss soll aufklären, ob es in Ruhrgebietsstädten wie Duisburg, Essen oder Gelsenkirchen kriminelle Brennpunkte gibt, in die sich die Polizei nicht mehr hinein traut.

Für den nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger (SPD) ist das Wahlkampf-Klamauk der Opposition, im Mai sind Landtagswahlen. "Es gibt in Nordrhein-Westfalen keine rechtsfreien Räume", versichert er. Auch Beamte vor Ort wie Feldmann bestreiten die Existenz von "No-Go-Areas". Im Amtsdeutsch wird sein Revier "Angstraum" oder "Hotspot" genannt. Dort teilen sich oftmals libanesische Großfamilien Straßenzüge untereinander auf, um ohne Bandenrivalität ihren kriminellen Geschäften nachzugehen: Raubzüge, Rauschgifthandel, Schutzgelder.

"Familien-Union" im Visier

Teile dieser Clans seien "im Bereich des gesamten Strafgesetzbuchs unterwegs", berichtet Essens Polizeipräsident Frank Richter. Auch Feldmann spricht von mafiösen Strukturen – vor allem die undurchsichtige . Der Verein gibt vor, "den sozialen Frieden zwischen Deutschen und Libanesen" zu pflegen. Die Polizei indes hält die Organisation für einen Hort des Unfriedens.

Der Vorsitzende, ein über 70-Jähriger, wohnt in Feldmanns Revier. "Dessen Arme reichen wirklich bis nach Berlin und nach Bremen", mutmaßt der Wachleiter. "Wenn der hustet, dann haben alle zu kuschen." Es gebe "kriminalpolizeiliche Erkenntnisse wegen mehrfachen Totschlags".

"Die gehen für andere ins Gefängnis" Ralf Feldmann
Immer wieder geht es bei den Clans um die Familienehre. Diese Ehre werde nicht durch Entschuldigungen, sondern durch Zahlungen wiederhergestellt, schildert Feldmann. Wenn die Polizei im Milieu der Libanesen hartnäckig wegen einer Straftat fahnde, passiere es durchaus, dass ihnen von den Clans bereitwillig ein Täter auf die Wache gebracht werde. "Das sind aber nicht die, die die Tat ausgeführt haben, sondern es werden die Jüngsten aus der Familie genommen", sagt der Hauptkommissar.

Die libanesischen Verwandtschaften sind weit verzweigt. Eine einzige dieser Großfamilien zählt in Essen laut Ordnungsbehörde fast 1400 Mitglieder. Der Einfluss der "Familien-Union" auf ihre Klientel ist offenbar gewaltig. "Wenn von denen einer aufs Parkett tritt, ist Ruhe", sagt Feldmann. Auch bei tumultartigen Zusammenrottungen.

"Gehen Sie vorbei, Herr Polizei!"

Ein Vertreter der "Familien-Union" müsse denen nur zwei, drei Sätze auf Arabisch sagen, dann entspanne sich die Situation. Diejenigen, die eben noch aggressiv beleidigt hätten, würden den Ordnungshütern plötzlich bereitwillig den Weg bahnen: "Gehen Sie vorbei, Herr Polizei!"

Die Abgeordneten im U-Ausschuss fragen Feldmann: "Ist das Parallel-Justiz?". Dieser sagt: "Ich glaube, ja." Doch die Beweislage sei dünn, immerhin gebe es zahlreiche Indizien. Feldmann wirkt keineswegs resigniert, sondern entschlossen. "Wir müssen die Strukturen aufbrechen und denen das Leben schwer machen bis zum Gehtnichtmehr." Warum dies bisher nicht gelungen sei, will der FDP-Innenexperte Marc Lürbke wissen. Der uniformierte Hauptkommissar zuckt mit seinen Fünf-Sterne-Schulterklappen: "Ich bin nur Leiter einer Polizeiwache."

Aktennotiz über Bedrohung

Über die Brisanz im Gelsenkirchener Süden hat Feldmann frühzeitig Alarm geschlagen. Drei führende Vertreter der "Familien-Union" hätten ihm auf der Wache eröffnet, die Polizei werde "einen Krieg mit den Libanesen nicht gewinnen, weil wir zu viele sind". Dies hielt Feldmann bereits am 28. Juli 2015 in einer Aktennotiz für seine Vorgesetzten fest. Der Wachleiter hat das seinerzeit nicht als Prahlerei, sondern als "ernstgemeinten Warnhinweis" aufgefasst.

Darauf hin hat das Innenministerium Bereitschaftspolizisten zur Unterstützung geschickt, die regelmäßig durch Feldmanns Revier patrouillieren. Als dann die Medien über die heikle Aktennotiz berichteten, "habe ich mich ganz schnell vom Acker gemacht", erzählt Feldmann im U-Ausschuss. "Ich bin verreist, weil ich Angst um mein Leben hatte." Später fuhr er immer andere Strecken zur Arbeit.

Die Clanchefs agieren im Hintergrund. "Die lungern nicht auf der Straße rum", sagt Feldmann. Die seien "cleverer und intellektueller" als ihr Fußvolk. "Die halten sich auch an Verkehrsregeln." Einer der führenden Köpfe sei im Security-Gewerbe tätig. Er falle lediglich durch die riesigen Reifen an seinem Sportboliden und seinen imposanten Körperbau auf. "Ein Riesenkreuz", sagt der Hauptkommissar beeindruckt. "Wenn der Luft holt, dann atmet er uns ein, wenn wir alleine sind."

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