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29. Juli 2010
Alles richtig gemacht
Baden-Baden-Gala mit der Sopranistin Anna Netrebko.
Sinnlicher Blick, großes Dekolleté, die Hand fährt lasziv durchs Haar. Das PR-Foto, das für Anna Netrebkos Auftritt mit einem Pergolesi-Programm im Festspielhaus Baden-Baden wirbt, stammt wohl noch aus Zeiten, als sich der Opernstar für eine Internet-Werbung in der Badewanne räkelte. Bei der Baden-Baden-Gala steht eine andere Sängerin auf der Bühne. Und das nicht deshalb, weil Anna Netrebko seit der Geburt ihres Sohnes noch etwas fülliger ist als zu Hochglanzzeiten.
Alles Stargehabe hat die Sopranistin abgelegt. Ihr Dank an das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia Rom und seinem Dirigenten Antonio Pappano nach einem berührenden Abend ist echt und herzlich. Zum Verbeugen kommt sie nur gemeinsam mit ihrer Gesangspartnerin Marianna Pizzolato zurück auf die Bühne. Die Blumen bringt Intendant Andreas-Mölich Zebhauser. Er kann stolz sein, dass er die Ausnahmesängerin regelmäßig in Baden-Baden willkommen heißen kann. Anna Netrebko hat im Klassikmarkt alles richtig gemacht. Sie hat sich nicht übernommen wie ihr ähnlich erfolgreich gewesener Gesangspartner Rolando Villazón. Sie hat keine Partien gewählt, die nicht ideal zu ihrer Stimme passen. Auch das Pergolesi-Programm, das anlässlich des 300. Geburtstags des Komponisten auf CD erscheinen wird, ist Balsam für ihren Sopran, der in der Mitte und Tiefe dunklere Farben bekommen hat.
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Die einst für einen Kastraten komponierte Kantate des Orfeo "Nel chiuso centro" (An diesem Ort) liegt zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Anna Netrebko verbindet diese Pole mit samtenem Ton. Obwohl sie sich mit ihrer enormen dynamischen Bandbreite in Extreme wagt, verlässt sie nie die Schönheit des Klangs. Besonders die Anfänge, wenn sie ihre Stimme ganz weich ansetzt und der Ton bruchlos an Substanz gewinnt, begeistern: Alles fließt. Die Geschmeidigkeit ihrer Stimme veredelt auch Pergolesis "Stabat Mater". Intonatorisch bietet die Russin in den Sprüngen und Abgängen fast immer höchstes Niveau – nur selten setzt sie die Spitzentöne etwas zu hoch an. In den Duetten mit der Altistin Marianna Pizzolato, die großen Anteil an der Qualität des Abends hat, zeigt Netrebko Musikalität und die Fähigkeit, sich zurücknehmen. Wenn sie am Ende der Sopranarie "Vidit suum dulcem natum morientem" (Sie sah ihren geliebten Sohn sterben) im sotto voce mit verschattetem Ton den Schmerzen der Gottesmutter nachspürt, dann ist sie weit weg von jeder Oberflächlichkeit.
– Weiteres Konzert: heute, 20 Uhr, Festspielhaus. Tel. 07221/3013101.
Autor: Georg Rudiger
